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Reich Gottes: EIN ANFANG

1945 1960 1980 2000 2020

Von der Sehnsucht nach Heilwerden und dem "Kairos", jenem glücklichen und geschenkten Augenblick, in dem sich Hoffnung und Leben erfüllt.

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Von der Sehnsucht nach Heilwerden und dem "Kairos", jenem glücklichen und geschenkten Augenblick, in dem sich Hoffnung und Leben erfüllt.

Niemals ist die Welt als ganze heil. Seit jeher ist das unfassbare Wunder des Lebens eingebettet in ein gnadenlos erscheinendes Gesetz der Evolution - ein ständiges Geborenwerden und Sterben, Erschaffen und Vernichten. Nicht anders verhält es sich mit den Sternstunden der menschlichen Geschichte: Spuren von Humanität, von geglücktem Zusammenleben ragen nur wie Inseln aus dem Meer der Gewalt und der Beherrschung; sie geben selten Anlass auf einen ewigen Frieden, auf den Immanuel Kant aus Vernunftgründen seine Hoffnung setzte. Dementsprechend schwankt auch das Lebensgefühl unserer Zeit. Wir werden hin- und hergerissen zwischen den Parolen "Alles wird besser!" und "So gut wie heute wird es nie mehr sein!" Zurzeit hat der Pessimismus wieder Oberwasser: Wir fühlen die Brüche und Ängste unserer Welt an allen Ecken und Enden. Vorbei sind die Allüren einer verspielten Postmoderne, vorbei die Zeit einer geschichtsmüden Spaßgesellschaft.

Sehnsucht nach Heilwerden

Aber die Sehnsucht nach Heilwerden bleibt auch in säkularen Zeiten ungebrochen, sie artikuliert sich allerdings nicht mehr durch religiöse Aufladung. Der Soziologe Matthias Sellmann hat den Kult um Statusobjekte, die kollektive Flucht in aufputschende Events und den harmoniebedürftigen Wellnesstrend als soteriologische Signaturen unserer Zeit gedeutet. Gemeint ist damit, dass wir weiterhin nach Räumen und Zeiten des Heilwerdens, allerdings im Hier und Jetzt des Marktes suchen. Ein Karl Marx der Nachmoderne müsste das bekannte Diktum wohl umformulieren: Nicht mehr Religion ist das Opium des Volkes, sondern der Konsum. Darum verwundert es nicht, wenn die Kernbotschaft des christlichen Glaubens, die Ansage Jesu von einem schon nahe gekommenen "Reich Gottes" in der Mitte des Christentums eigentlich noch gar nicht angekommen ist. Die Botschaft von der Gottesherrschaft ist wie schon zu Jesu Zeiten auch heute eine ungeheure Zumutung: Was kann sie uns noch sagen angesichts der Chronologie eines fast 14 Milliarden Jahre alten Universums?

Zum Problem des Zeithorizonts kommt ein weiteres hinzu: Spätestens seit der iranischen Revolution 1979 ist die Rede von einem "Reich Gottes" theokratieverdächtig, nicht zu vergessen die völlige Desavouierung des deutschen Begriffs "Reich" durch die NS-Ideologie. Hier richtet auch der Rückgriff auf die griechische Bedeutung basileia (Königsherrschaft Gottes) nicht mehr viel aus. Der Begriff ist substanziell konnotiert mit einem göttlichen Herrschaftsanspruch in der Welt - und wir wissen: Alle Versuche, solche Herrschaft auf Erden abzubilden, sind gescheitert. Im II. Vatikanum hat auch die katholische Kirche die Differenz zwischen Gottesreich und Kirche anerkannt: Kirche ist nicht selbst Reich Gottes, sondern allein dessen Zeichen und Werkzeug, wie es im Konzilsdokument Lumen Gentium heißt.

Dennoch kann und darf der Glaube auf dieses Bildwort Jesu nicht verzichten. In jedem Vaterunser bitten wir Gott, dass sein Reich kommen möge. Jedem neugeborenen Kind wünschen wir, dass es in eine bessere Welt hineinwachsen möge, und es gibt auch heute noch Völker, bei denen das Wort "Hoffnung" zu den Grundwörtern zählt. Leben nicht auch wir von jener eigentümlichen Kairos-Zeit, die jede Biografie, jede Geschichtsdeutung und jeden Tag erst bedeutsam und wertvoll macht? Jedes Fest, jeder Geburtstag, jeder glückliche Augenblick, jeder große Befreiungsmoment der Geschichte ist doch immer auch Zeiterfahrung als Kairos - ein einmaliger gelungener oder geschenkter Moment im Leben! Gewiss: diese Kairos-Zeiten stellen im säkularen Kontext nicht den Anspruch, in ihnen sei Gottes Kommen enthalten. Das Gottesreich ist eben nicht zu beobachten wie ein Natur- oder Geschichtsphänomen. Wie aber dann ist es erkennbar?

Einige bibeltheologische Erinnerungen mögen als Sehhilfe dienen: Die sozialgeschichtliche Erfahrung des nachexilischen Judentums unmittelbar vor Jesu Auftreten war geprägt vom sich zuspitzenden Krisenbewusstsein, dass Gott, der Herr aller Zeiten, den Lauf der Geschichte nicht mehr bestimmte. Mehr noch: Für die Bewegung der so genannten Apokalyptik, am markantesten im Buch Daniel, waren Raum und Zeit vollkommen beherrscht vom Bösen. So setzten die Apokalyptiker ihre Hoffnung ganz auf die nahe Zukunft, aus der am Ende der Zeiten Gott kommen werde, um Gericht zu halten und letztendlich nach seinem Sieg über das Böse und die Bösen eine neue Erde und einen neuen Himmel zu schaffen. Gott selbst werde dann in dieser total anders gewordenen Welt regieren.

Die begonnene Königsherrschaft Gottes

Jesus teilte die Welt- und Zeitvorstellungen seiner Umwelt, auch die Erwartung eines baldigen Endes der Welt. Die Leben-Jesu-Forschung hat aufgezeigt, dass Jesu Selbstverständnis tief in der jüdischen Lebens-und Glaubenswelt verankert war - vieles seiner Botschaft findet sich auch in der jüdischen Tradition. Dennoch: der Anspruch, dass die erwartete endzeitliche Königsherrschaft Gottes schon begonnen habe, ist singulär. Wir wissen nicht, was Jesus zu dieser Aussage geführt hat. Überliefert ist nur der apokalyptisch geprägte Satz in Lukas 10,18: "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen." Das visionäre Bildwort sagt aus, dass für Jesus die Herrschaft des Satans zu Ende sei, womit alle Übel des Lebens prinzipiell von Gott besiegt sind. In seinen Heilungen sah Jesus zeichenhaft die Macht des angebrochenen Äons: "Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen." (Lk 11,20)

Für Jesus ist jedenfalls dieses Ereignis der Schlüssel seiner Sendung. Der Evangelist Markus fasst pointiert zusammen, was mit Jesus an der Zeit ist: "Erfüllt ist die Zeit, nahe gekommen ist das Reich Gottes. Kehrt um und glaubt an das Evangelium." (Mk 1,15) Dass eine solche Ansage allerdings auch für Jesu Zeitgenossen unglaublich war, zeigt der Streit mit den Schriftgelehrten. Jesus stieß auf eine Haltung der Verweigerung, diese Zeichen der Zeit (Lk 12,56) anerkennen zu wollen. Die meteorologischen Vorzeichen konnten seine Landsleute doch auch deuten, warum nicht die Zeichen des Gottesreiches?

Chronos und Kairos: zwei Wörter für "Zeit"

An diesen Konflikten fällt eines auf: Nicht die Erwartung auf das Reich Gottes trennte die Anhänger und Gegner Jesu, sondern die Deutung von Zeit als Chronos (als Einheit von Anfang und Ende aller Zeit) und Zeit als Kairos (als Anbruch des Reiches). Jesus nahm seine Zeit als einen Durch-Bruch, einen An-Bruch wahr, der seine Spuren durchaus in der konkreten Chronos-Zeit hinterließ: Ein von seinem Leiden geheilter Mensch hat ein Stück des Gottesreiches erfahren; ein ins Leben zurückgekehrter Sünder hat etwas erhalten, das vom "Leben in Fülle" Zeugnis gibt; einer, dem verziehen wurde, ist wie einer der vom Tod ins Leben zurückkehrte. Den Kairos des Gottesreiches sahen schon damals nur jene Menschen, die mit den Augen der Leidenden und Hoffenden, mit den Gefühlen der Weinenden und Verzweifelten die Lebenszeit und Weltzeit betrachteten. Es ist alles eine Frage der Sichtweise. Das Angekommensein des Gottesreiches ist kein Thema der Information, sondern der Performation, des Mit-Vollzugs, des Glaubens.

Das Reich Gottes "sehen" nach Jesus also jene, die aus der Beobachtung der "äußeren Zeit" in die "Performanz" von Heilungserfahrungen eintreten. Ohne diese "Meta-Noia", diese Gesinnungsänderung ist der Kairos des Gottesreiches nicht erfassbar. Dieses Motiv, dieses Problem der Blindheit der anderen zieht sich durch Jesu Leben hindurch bis zum Glauben an die Auferstehung. Thomas zweifelt - aus verständlichen Gründen! - die Botschaft der Auferstehung an: "Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht" (Joh 20,25). Thomas will einen "handfesten" Glaubensbeweis ohne Täuschungsrisiko! Aber Jesus preist die selig, die nicht sehen und doch glauben.

Das Reich Gottes sehen können

Die Provokation des Nazareners hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Der Eintritt in das Reich kostet seinen Preis: Wir sollen vertrauen wie ein Kind; wir sollen es leidenschaftlich suchen wie eine kostbare Perle; alles aufs Spiel setzen, was wir haben; die Größe eines Baumes im kleinen Samen erkennen; in der Wiedergutmachung eines geldgierigen Zöllners das Heilwerden der Welt entdecken; seine Wirksamkeit spüren wie die Treibkraft eines Sauerteiges; und gleichzeitig gelassen sein wie ein Sämann, der ausgesät hat, und wartet, bis das Korn reif geworden ist zur Ernte. In unzähligen Bildern ringt Jesus um das Sehen-Können des Gottesreiches.

Wo aber ist dieses Reich geblieben? Wiegt nicht der Einwand schwer, dass sich nichts verändert hat in der Welt seit Jesu Kommen? Wie viele Leiden und Schrecken hat seither die Welt gesehen? Und wie viele kommen noch? Es gibt keine Antwort auf diese Fragen. Wer sagt: Es ist schon gekommen, es ist sichtbar in den unzählig vielen Ereignissen des Heils in der Welt, wird mit dem Einspruch konfrontiert: Es ist noch gar nicht gekommen, die Höllen dieser Welt und der Zeit entlarven doch alle Erfahrungen des Heils als Illusion, als idealistische Vertröstung.

Das Christentum leitet sich von einer Lebens- und Zeugnisgeschichte ab, die einer saturierten, dem Konsum frönenden und sich gegenüber den "Verdammten der Erde" (Frantz Fanon) einzäunenden Zeit fremd erscheint. Selbst wenn der Person Jesu Respekt gezollt wird, wenn seine radikale Menschlichkeit Bewunderung findet, so findet bis heute die Macht der Chronos-Zeit mehr Glauben als dieser zerbrechliche Kairos, für den Jesus selbst steht. Am Kreuz hat die Welt ihr Urteil gesprochen über sein "Hirngespinst" der angebrochenen Gottesherrschaft. In der Auferstehung dagegen, so die ersten Zeugen der Urkirche, hat Gott definitiv die Sicht- und Lebensweise Jesu bestätigt. Sein Reich ist eben nicht die Überhöhung unserer Heilssehnsüchte, sondern das geheimnisvolle, stille Einbrechen des Guten inmitten einer Welt der Abgründe. Aber es ist eben auch das, was dieser Welt fehlt. Darum ist die Bitte nach seinem Reich die leidenschaftlichste Weise des österlichen Glaubens. Karfreitag und Ostersonntag - in dieser Spannung zweier Kairos-Erfahrungen bleibt bis heute die Frage nach dem Heil der Welt eine offene Frage.

Der Autor ist Professor für Dogmatik sowie Rektor der Katholischen Privatuniversität Linz

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