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Reinigung - Gedächtnis - Schuldenerlaß

1945 1960 1980 2000 2020

Seit 700 Jahren ruft die katholische Kirche "Heilige Jahre" aus, in denen der Pilgerfahrt nach Rom große Bedeutung zukommt. Anno 2000 ist das erst recht so.

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Seit 700 Jahren ruft die katholische Kirche "Heilige Jahre" aus, in denen der Pilgerfahrt nach Rom große Bedeutung zukommt. Anno 2000 ist das erst recht so.

Millionen von Pilgern werden zur Feier des Heiligen Jahres 2000 in Rom erwartet. Sowohl für die katholische Kirche als auch für die römische Stadtverwaltung ist es ein Jahrhundertereignis: Doch während sich der Vatikan auf die Inhalte des bevorstehenden Jubiläums konzentriert, beschäftigt sich die öffentliche Hand mit der Bewältigung der prognostizierten Besucherströme.

Als im Jahre 1300 Papst Bonifaz VIII. erstmals das römische Jubeljahr ausrief, reagierte er auf die gesteigerte religiöse Empfindsamkeit vieler Christen, die sich angesichts der nahenden Jahrhundertwende nach Sündenvergebung sehnten und sich in großen Scharen auf den Weg nach Rom machten. Mit der Bulle "Antiquorum habet digna fide relatio" legte Bonifaz VIII. die Bedingungen für den Ablaß der Sünden fest: Einheimische mußten an 30 Tagen im Petersdom oder in der Basilika St. Paul vor den Mauern beten, für Fremde genügten 15 Kirchenbesuche. Der Pilgerstrom verstärkte die Macht des Papstes und füllte die kuriale Finanzkammer. Auch das römische Wirtschaftsleben profitierte davon, vor allem die Händler, die rund um Sankt Peter bis hin zur Eingangstreppe den Tausenden von Pilgern Erinnerungsgegenstände aller Art anboten.

Reinigen und Erinnern Trotz der stürmischen Zeiten, die die Kirche im Laufe der darauffolgenden Jahrhunderte erfuhr, wurde die regelmäßige Feier des Heiligen Jahres bis in die Gegenwart fortgesetzt. Neben den sogenannten ordentlichen Jubeljahren, die in vorab bestimmten Zeitabständen und schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurden, fand auch eine ganze Reihe außerordentlicher Heiliger Jahre statt, welche die Päpste zu den unterschiedlichsten Anlässen ausriefen zu Beginn des eigenen Pontifikats oder zu Ehren Marias etwa. Zuletzt hat Johannes Paul II. in den Jahren 1983 und 1987 Jubeljahre einberufen und zwar jeweils zur Feier 1950 Jahre der Auferstehung Christi beziehungsweise zu Ehren Marias. Das kommende Heilige Jahr ist aber insoweit außergewöhnlich, als es erstmals am Ende eines Jahrtausends gefeiert wird, und somit einen besonders starken symbolischen Charakter hat.

Während im Mittelalter der Ablaß der Sünden im Vordergrund des Jubiläums stand, betont die Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts die spirituelle Komponente des Ereignisses und scheut sich nicht, Selbstkritik zu üben. Die Grundlagen für die Vorbereitungen des aktuellen Jubeljahres wurden bereits 1994 im Apostolischen Schreiben "Tertio Millenio Adveniente" gesetzt. Darin erklärt Papst Johannes Paul II.: "Es ist gut, daß die Kirche diesen Weg [durch die Heilige Pforte des Jubeljahres 2000] im klaren Bewußtsein dessen einschlägt, was sie im Laufe der letzten zehn Jahrhunderte erlebt hat. Sie kann nicht die Schwelle des neuen Jahrtausends überschreiten, ohne ihre Kinder dazu anzuhalten, sich durch Reue von Fehlern, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Versäumnissen zu reinigen."

Zusätzlich zu den traditionellen Zeichen der Jubiläumsfeier, nämlich der Wallfahrt, dem Öffnen der Heiligen Pforte und der Sündenvergebung, hat Johannes Paul II. für das Heilige Jahr 2000 drei neue Schwerpunkte gesetzt. Diese sind in der im Advent 1998 verkündeten Bulle "Incarnationis Mysterium", beschrieben. Erstens betont der Papst die Notwendigkeit der "Reinigung des Gedächtnisses": Nicht nur die Christen als Individuen, sondern auch die Kirche als Ganzes ist aufgefordert, über die Vergangenheit nachzudenken und sich der eigenen Verantwortung zu stellen. Verlangt wird ein Akt der Demut, die Verfehlungen, die im Namen Christi begangen wurden, zuzugeben. Zweitens wird in der Bulle das Gedächtnis der Märtyrer als "beständiges Zeichen" des Jubiläums hervorgehoben.

Denn "dieses nunmehr zu Ende gehende Jahrhundert hat als Folge des Nationalsozialismus, des Kommunismus und der Rassen- oder Stammeskämpfe zahlreiche Märtyrer hervorgebracht." Schließlich steht das bevorstehende Heilige Jahr im Zeichen der päpstlichen Aufforderung, den Entwicklungsländern die Schulden nachzulassen. Johannes Paul II. plädiert für eine neue Kultur der "internationalen Solidarität und Zusammenarbeit, in der alle besonders die reichen Länder und der private Bereich ihre Verantwortung für ein Wirtschaftsmodell übernehmen, das jedem Menschen dient."

Hl. Pforte, Chipkarte Das Jubeljahr 2000 beginnt mit dem Öffnen der Heiligen Pforte in der Nacht des 24. Dezember. In den darauffolgenden zwölf Monaten wird kaum eine Woche vergehen, in der nicht ein besonderer Anlaß gefeiert wird, sei es das Jubiläum der Kinder am 2. Jänner, sei es die Feier des Heiligen Jahres in den Gefängnissen am 9. Juli oder das Wochenende der Familien am 14. und 15. Oktober, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Große Bedeutung wird dem Weltjugendtreffen gegeben, zu dem rund zwei Millionen Jugendliche erwartet werden. Den jungen Menschen soll vom 15. bis 20. August ein intensives Programm an Gebeten und religiösem Gedankenaustausch angeboten werden.

Um den Überblick über all die Feiern des Jubeljahres nicht zu verlieren, ist ein Blick in die einschlägige Internet-Seite des Vatikans hilfreich (www.jubil2000.org). Informationen können auch beim "Büro für Kommunikation und Dokumentation" (Tel. 0039-06-69881485) eingeholt werden. Das "Zentrale Aufnahmeservice" (Tel. 0039-06-696221) koordiniert dagegen die Unterbringung der Pilger und stellt die sogenannte "Pilgerkarte" aus. Auf dieser Mikrochip-Karte können alle Daten gespeichert werden, die für den einzelnen Pilger relevant sind, von den Ereignissen, an denen er beabsichtigt teilzunehmen, bis zu Angaben über seine Gesundheit, die gegebenenfalls eine Notaufnahme in einem Spital wesentlich erleichtern würden.

Die Pilgerkarte gewährt dem Besitzer nicht nur Vorzugspreise bei einigen Restaurants und Museen, sondern gilt auch als Fahrkarte für alle öffentlichen Verkehrsmittel. In den unterschiedlichsten Varianten angeboten "Basiskarte", "Last Minute", "Just in Time" oder Tageskarte verspricht die Mikrochip-Karte des Heiligen Stuhls, den Aufenthalt in Rom um einiges zu erleichtern.

Doch nicht nur der Vatikan hat Vorkehrungen getroffen, um die erwarteten 26 Millionen Pilger in den Griff zu bekommen. Vor nur einigen Wochen hat das italienische Parlament ein Sondergesetz für das Jubiläum erlassen. Darin vorgesehen sind auch einige Maßnahmen, die eine unmittelbare Auswirkung auf die Pilger haben werden. Erfreulich ist der Personalausbau bei Einrichtungen des öffentlichen Dienstes wie Museen und Bibliotheken, deren Öffnungszeiten entsprechend verlängert werden können. Abschreckend dagegen wirkt die Erhöhung der Geldstrafen für Verstöße gegen die Verkehrsordnung durch Reisebusse, und zwar gleich um 500 Prozent. Wer die Geschwindigkeitsbegrenzung von 40 Stundenkilometer dann überschreitet, wird bis zu 14 Millionen Lire (fast 100.000 Schilling!) bezahlen müssen.

Rom - halb fertig Die Stadtverwaltung Roms ist ihrerseits bemüht, noch einige der 759 Projekte abzuschließen, die eine Bewältigung des außergewöhnlichen Besucherstroms sichern sollen. Die Maßnahmen reichen von der Verstärkung der öffentlichen Verkehrsmittel bis zur Reinigung des Tibers. Neben dem Zeitdruck muß der römische Bürgermeister Francesco Rutelli auch mit einer Reihe von Hindernissen fertig werden: Die Polemik rund um Tausende von illegalen Arbeitern, die auf den unzähligen Baustellen Roms unter extremen Bedingungen beschäftigt werden oder die Entdeckung historischer Funde beispielsweise, die die Bauarbeiten verlangsamen. Zuletzt sind beim Bau eines riesigen Parkplatzes nahe dem Hügel Gianicolo römische Funde entdeckt worden. Der Stadt wird nun vorgeworfen, auf den archäologischen Wert der Ausgrabungen keine Rücksicht genommen zu haben, um den termingerechten Abschluß der Bauarbeiten nicht zu gefährden.

Rutelli weist allerdings jede Kritik zurück. In einem offenen Schreiben in der Tageszeitung "La Repubblica" betont er, daß die Vorwürfe die Wahrheit verletzen würden, in Rom sei vielmehr "vor den Augen aller eine kulturelle und archäologische Renaissance im Gange".

Damals wie heute sorgt das Heilige Jahr für große Aufregung.

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