Reise zum Ursprung Buddhas

Vor mehr als 1350 Jahren reiste der chinesische Mönch Xuan Zang von China nach Indien, um mehr über die Lehren des Buddha zu erfahren. Auch heute ist eine Reise auf den Spuren Xuans beschwerlich und - wegen der politischen Wirren in der Region - nicht vollständig möglich.

Der Bodhi-Baum war ein ... an die 100 Meter war er zu Buddhas Zeiten hoch. Danach wurde er von schlecht gesinnten Königen immer wieder niedergeschnitten, wodurch er heute lediglich 15 Meter hoch ist", beschreibt Xuan Zang seinem Biographen, dem Mönchen Hui Li, jenen Baum, unter dem der Buddha seine Erleuchtung erfuhr. Und während Xuan Zang sich vor dem Baum zu Boden warf, dachte er voller Schmerz, in welcher Wiedergeburt er sich wohl zu jener Zeit befunden habe. "Wie schwer müssen meine schlechten Taten gewogen haben", ging es ihm durch den Sinn, dass ein Jahrtausend nach der Erleuchtung Buddhas vergehen musste, bevor er seinen Weg an diesen heiligen Ort finden konnte - Bodhgaya, das heute zum nordindischen Bundesstaat Bihar gehört.

In einigen Medien wurde der Pilgerort erst dieser Tage wieder erwähnt, wollen die Inder doch hier bis zum Jahre 2005 eine 150 Meter hohe Statue des Maitreya-Buddha errichten, die in der ebenen Landschaft weithin sichtbar sein wird. Es sollte zugleich der Welt größter Buddha werden, einen Plan, den die Chinesen nun zu vereiteln gedenken. Schon 2004 planen sie ihre noch um knapp drei Meter höhere Buddha-Statue im Südosten des Landes fertig zu stellen, am Jiuhuashan, einem der vier heiligen buddhistischen Berge Chinas. Kommentatoren sprechen von einem äußerst dubiosen Motiv und schließen nicht aus, dass das Projekt mit der Flucht des tibetischen Karmapa, eines der höchsten Würdenträger des tibetischen Buddhismus nach Indien zusammen hängen könnte, der dort Asyl erhalten und bereits die Stätte gesegnet hat, an der der Maitreya-Buddha errichtet werden soll.

Unabhängig von diesem jüngsten Wettstreit steht freilich fest: Der Subkontinent mag die Ursprungsstätte des Buddhismus sein, mit Buddhas Geburtsort Lumbini im heutigen Nepal, Bodhgaya und den Überresten der der einst riesigen buddhistischen Nalanda-Universität in Bihar sowie weiteren Spuren dieser Religion in Form von Ruinen, Höhlen- und Felsenmalereien an vielen anderen Plätzen in Indien, Pakistan und - nach der Zerstörung buddhistischer Heiligtümer immer weniger - in Afghanistan; auf dem Subkontinent lebendig aber ist der Glaube heute lediglich in Sri Lanka, im nordindischen Ladakh und in Nepal, während er in China feste und bei allen Verfolgungen bislang unausreißbare Wurzeln gefasst hat.

Nachdem die buddhistische Lehre zu Beginn unserer Zeitrechung Eingang im damaligen chinesischen Reich gefunden hatte, trugen zahllose Pilger zu ihrer Verbreitung bei. Experten, die sich mit diesen Mönchen befasst haben, sprechen von einem unglaublichen menschlichen wie spirituellen Abenteuer. "400 Jahre lang, vom vierten bis ins achte Jahrhundert, als der Islam bis an die Tore Chinas vordringt, wagen sich die Mönche durch Wüsten und über Berge, in selteneren Fällen auch übers Meer", schreibt Andre Levy, der ihre Wege nachgezeichnet hat. Und er zitiert den bedeutendsten von ihnen allen, Xuan Zang mit den Worten "Besser auf dem Weg gen Westen sterben, als um des eigenen Lebens willen nach Osten zurückkehren."

Ort der Erleuchtung

Trotz des damals geltenden Verbots der Tang-Kaiser, die Grenzen des Reichs zu überschreiten, verließ Xuan Zang - je nach Quelle und Transkription auch Tsuan Tsang, Yuan-Tsang oder Hiuen Tsiang genannt - 629 China. Die in seiner Heimat verfügbaren buddhistischen Texte und Übersetzungen erschienen ihm unzureichend, er vermutete fehlerhafte Übertragungen als einen wichtigen Grund für Ungereimtheiten und Widersprüche. Nachdem er bei den großen chinesischen Lehrern studiert und sie übertroffen hatte, erhoffte er sich tiefere Erkenntnisse und eine Anwort auf die ihn quälenden Fragen bezüglich der Lehre von der Leere und der Illusion unserer Realitäten dort, wo der Buddha selbst erleuchtet wurde.

Über den Nordrand der Takla Makan Wüste und durch die zu jener Zeit dort zahlreichen kleinen buddhistischen Reiche weiter durch jene Regionen, die heute zu Kirgisien, Kasachstan und Usbekistan gehören, gelangte er über den Khyber-Pass und den Hindukusch in die Ganges-Ebene und nach Bodhgaya. Als er nach 16-jähriger Abwesenheit unversehrt zurückkehrte, brachte er 675 buddhistische Bücher und Texte mit, von denen er einen Teil in den ihm verbleibenden Lebensjahren aus dem Sanskrit ins Chinesische übertrug. Auf Wunsch des Kaisers aber fasste er seine Reiseaufzeichnungen in einer Chronik der, wie es sich aus der chinesischen Perspektive darstellte, "westlichen Welt" zusammen.

Der Text hat sich als Quelle unschätzbaren Wertes für Historiker und Archäologen erwiesen, und er hat über die Jahrhunderte immer wieder Gelehrte, Abenteurer - und zuletzt einen anerkannten amerikanischen Journalisten dazu verlockt, die Reise Xuan Zangs nachzufahren. Sicher, der Pilger war zu Fuß, zu Pferd, Kamel oder Elefant unterwegs und musste, als er den Kaiser über seine bevorstehende Heimkehr informieren und um Nachsicht wegen seiner widerrechtlichen Ausreise ersuchen wollte, einen Boten mit einem Schreiben losschicken, auf das nach mehr als einem halben Jahr ebenfalls per Boten die positive Antwort kam.

Moderne Nachfahrer

Richard Bernstein von der New York Times flog von Hongkong aus nach Xi'an, dem Ausgangspunkt von Xuan Zangs Pilgerfahrt, an, setzte dann mit Bahn, Bus und gemieteten Jeep fort und konnte auch im fernen Kashgar per E-Mail Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen.

Durch Afghanistan zu reisen war ihm dagegen unter dem derzeitigen Taliban-Regime unmöglich, womit er die während seiner Reise am Ausklang des 20. Jahrhundert noch existierenden, mittlerweile von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen in Bamiyan nicht besichtigen konnte. Auch sonst musste seine Route aufgrund historischer oder geographischer Zwänge bisweilen ein wenig von der des Mönches abweichen, wie er in seinen Aufzeichnungen (Ultimate Journey, Alfred Knopf-Verlag, New York 2001) schildert. In diesem Buch verwebt Bernstein seine eigenen, oft auch sehr mühseligen Reiseerfahrungen, Reflexionen über das Reisen an sich und biographischen Elemente mit umfassenden Betrachtungen über Xuan Zang, dessen Streben nach der Wahrheit sowie den Buddhismus respektive einzelne, gar nicht so friedfertige buddhistische Schulen. Wem Xuan Zangs Chronik der westlichen Welt oder Hui Lis Biographie des Mönches zu altmodisch oder langwierig und wissenschaftliche Werke zu mühsam erscheinen, der findet bei Bernstein einen spannenden und gut lesbaren Text über diesen bedeutendsten unter den großen chinesischen Pilgern, die einst zu den buddhistischen Universitäten in Indien zogen.

An chinesischer Kultur Interessierte können Xuan Zang auch in einem der wichtigsten literarischen Werke, der "Reise in den Westen" begegnen, einer Version freilich, in der es dem Pilger an dem Mut, der ihm anderswo bescheinigt wird, oft ermangelt und er häufiger Rettung durch einen überirdischen Affen bedarf. Doch das ist, wie gesagt, die Welt der Belletristik.

Zu seiner Zeit stand der Mönch, Pilger und Gelehrte in solchem Ansehen, dass der Kaiser nach dessen Tod im Jahre 664 für drei Tage alle Audienzen absagte. Xuan Zang selbst soll, so Biograph Hui Li, vor seinem Ableben besonders jenem Maitreya-Buddha gehuldigt haben, dem Indien nun seine große Statue in Bodhgaya widmen will - die infolge sehr weltlicher Ambitionen des nördlichen Nachbarn eben nur zweithöchste.

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