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Religiöse Muslime, laue Christen

Nur wenige Muslime Großbritanniens gelten als "Fanatiker". Solche gibt es jedoch auch unter den Nichtmuslimen.

Auge um Auge darf nicht das Prinzip sein", mahnte der Erzbischof von Westminster, Kardinal Cormac Murphy-O'Connor, nach den Terrorakten in den USA vom 11. September. Wenn die konservative Times in großen Lettern versicherte "Das Gute wird über das Böse siegen", so forderte der katholische Erzbischof zu einem vorsichtigeren Umgang mit diesen Begriffen und einer genaueren Analyse auf. "Wird die Reaktion das Böse beschränken, oder wird sie vielmehr noch viel größeres Übel nach sich ziehen?": Das sei die Frage, der man vor einem etwaigen Militärschlag - dem Murphy O'Connor äußerst skeptisch gegenüber steht - nachgehen müsse.

Wie zahlreiche andere britische Kommentatoren rief der Erzbischof die Politiker dazu auf, den Normen des Rechtsstaates zu folgen und sich der internationalen Rechtsinstrumente zu bedienen. Aus christlicher Sicht müsse es dabei aber um weit mehr als Strafe und Sanktionen gehen. "Gerechtigkeit, Versöhnung und Heilung", nannte Murphy O'Connor als die Ziele, die es nun anzustreben gelte. Insbesondere verwies er auf die Notwendigkeit sozialen Engagements, etwa für Millionen afghanischer Flüchtlinge. "Hass und Rache schaffen keinen Frieden", betonte Murphy O'Connor, "Friede resultiert aus Gerechtigkeit", aus einer politischen, ökonomischen und sozialen, die zu schaffen die Menschheit noch einen langen Weg vor sich habe.

Einig war sich der Erzbischof mit anderen christlichen Kirchenoberen und führenden Muslimen, dass die diversen Religionsgemeinden jetzt mehr denn je Solidarität zeigen und sich von den Extremisten distanzieren müssen. Der Muslimische Rat Britanniens, ein Dachverband vieler Gruppen, hatte den Terror in den USA sofort verurteilt. Doch in den Medien, meinen Vertreter des Forums gegen Islamophobie und Rassismus, seien vorrangig die Stimmen der Fanatiker zu vernehmen.

Etwa von jenen, die die Graffiti "New York, ein Triumph der Taliban" und "Gott segne den toten Dollar" im Londoner Viertel Finsbury Park sprühten oder von Abu Hamza al-Masri von der dortigen Moschee: Er warnt den Westen vor einer Invasion Afghanistans, denn das hieße "jemanden dazu einzuladen, mit einem Flugzeug in einen Atomreaktor zu fliegen. Selbstmordattentäter wollen nur töten - und ihr provoziert sie." Oder von dem aus Syrien gebürtigen Sheikh Omar Bakri Muhammad von der fundamentalistischen Al-Muhajiroun-Gruppe, die ihren Sitz in London hat. Immer wieder hat er in der Vergangenheit stolz erklärt, tausende britische Muslime für den heiligen Krieg rekrutiert zu haben. Sein Ziel sei es, durch Predigen und Dschihad "den islamischen Staat zu errichten". Großbritannien solle islamisch werden, in Downing Street 10, dem Sitz des Premiers, möchte er die "Flagge des Islam gehisst" sehen.

Antijüdisch, homophob

Experten gehen davon aus, dass Al-Muhajiroun tatsächlich zu den aktivsten islamischen Gruppen im Land zählt. Sie soll Kämpfer für die Konflikte in Tschetschenien, Kaschmir und Bosnien an britischen Universitäten angeworben und dann in Lagern im Nahen Osten ausgebildet haben. Ende vorigen Jahres gab es beispeilsweise Meldungen, wonach ein aus Birmingham kommender muslimischer Student bei einem Selbstmordattentat in Kaschmir acht Menschen getötet habe.

Der Nationale Studentenverband (NUS) hat islamistische Gruppen wegen ihres Antisemitismus und ihrer Homophobie bereits an zahlreichen Hochschulen verboten. Es sei, gaben NUS-Vertreter zu, allerdings schwierig, solchen Organisationen ihre Rekrutierungstätigkeit nachzuweisen, da diese in aller Heimlichkeit geschehe. Ähnliche Aussagen kommen auch von offizieller Seite. Wie wolle man Studenten, die während der Ferien das Land verließen, nachweisen, dass sie in islamistische Trainingscamps reisten, heißt es?

Khalid al Fawwaz, enger Mitarbeiter von Osama bin Laden, der für die Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar es Salam in Jahre 1998 mitverantwortlich gemacht wird, soll von 1994 an in London die al-Qaida-Gruppe geleitet haben. Ob Großbritannien angesichts der Präsenz derart prominenter Islamisten allerdings mehr gefährdet sei, ist umstritten. Manche Experten meinen, dass das Land von radikalen Gruppen und Widerstandskämpfern diverser und nicht nur muslimischer Provenienz in erster Linie zur Rekrutierung und auch Beschaffung von Finanzen genutzt werde. Andere befürchten, dass der Schulterschluss von Premier Tony Blair mit US-Präsident George Bush schlimme Folgen für die Briten haben könnte.

Nur eine kleine Minderheit von Muslimen zähle zu den Fanatikern, dies gelte es zu betonten, mahnen Gemeindesprecher nun. Wieviele das sind, ist schwer zu sagen, ist man sich doch nicht einmal einig, wieviele Muslime hierzulande leben. Die Religionszugehörigkeit wird in Bürgerstatistiken nicht erfasst, im Allgemeinen ist von 1,5 Millionen Muslimen die Rede in einer Gesamtbevölkerung von 60 Millionen, von denen sich rund zwei Drittel als Christen bezeichnen und je etwa 500.000 Hindus und Sikhs sind.

Besiegtes Christentum

Die Zahl der Angehörigen religiöser Minderheiten ist nach offiziellen Angaben seit den 70er Jahren klar gestiegen, dazu kommt, dass unter ihnen viel mehr religiös aktive Menschen sein sollen. Nur wenige Christen - unter zehn Prozent - gingen dagegen regelmäßig zum Gottesdienst. Kardinal Murphy O'Connor empfindet die Lage bereits als so dramatisch, dass er im September bei einer nationalen Priesterkonferenz in Leeds davon sprach, dass das Christentum in Großbritannien "beinahe besiegt" sei. Shoppen, Popmusik und New Age-Glaubensströmungen hätten das Christentum hierzulande fast vernichtet.

Gerade jetzt aber seien christliche Prinzipien wie "liebe Gott und deinen Nächsten" dringend gefragt, erklärte der Erzbischof nach den Anschlägen und rief zum Schutz Unschuldiger auf. Doch schon sind britische Moscheen angegriffen worden, ist ein junger Afghane nach einem Anschlag querschnittgelähmt, werden Frauen mit Kopftuch belästigt und mussten muslimische Schulen aus Sorge vor Übergriffen geschlossen werden. "Rächt die USA - Tötet jetzt einen Muslim" war auf eine Mauer nahe einer Moschee in Mittelengland gesprüht.

Der Kampf gegen den Terror sei kein Krieg gegen den Islam, haben führende Politiker mehrfach klar gestellt. Den Islam als Ursache der Terrorakte in den USA zu sehen, sei "so abstrus, wie das Christentum für Angriffe in Nordirland verantwortlich zu machen", betonte etwa Tony Blair. Doch viele Muslime in Großbritannien haben heute Angst. Sie fürchten den Ausdruck jenes Hasses, vor dem Murphy O'Connor nachdrücklich warnte. Diese Art von Hass, schloss er sich den Worten der katholischen Bischöfe der USA an, sei ja "die Ursache der Tragödie" in New York und Washington.

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