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Religiöser Notstand

"Ich selbst bin ein Atheist. Aber der Raum für das, was ich tue, wurde eröffnet von der christlichen Idee der Gemeinschaft der Gläubigen." - Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek über Europa und die Welt sowie seine Erwartungen an das Christentum.

Die Furche: Vor der Erweiterung der Europäischen Union ist wieder viel vom "Projekt Europa" die Rede. Lohnt es sich, sich für dieses Projekt einzusetzen?

Slavoj ÇZiÇzek: Auf jeden Fall. Als alter Linker denke ich, dass es eine große Gefahr ist, wenn die so genannte amerikanische Zivilisation alles dominiert. Aber im Gegensatz zu vielen meiner linken Freunde und fast in Übereinstimmung mit einigen Konservativen halte ich Europa für die einzige Alternative. Ohne Europa hieße die Alternative: USA oder China. Offen gesagt würde ich nicht sehr gerne in einer Welt leben, in der das die einzige Alternative ist.

Dabei steht Europa gar nicht so sehr für ein fertiges, gut ausgearbeitetes Projekt. Aber an den Reaktionen auf den Irakkrieg wurde es sehr deutlich: Europa steht für eine Form von Widerstand. Es ist unsere Aufgabe, das auszuarbeiten und den Raum des Widerstands aufzufüllen. Jeder Revolutionär und jeder Oppositionelle weiß: Das Erste ist es, Nein zu sagen, einen Raum zu öffnen - und das ist Europa.

Die Furche: Gibt es eine Vorstellung davon, womit sich dieser Raum des Widerstands füllen ließe?

Zizek: Was will Europa? Da gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen. Zum Beispiel eine liberale Version: ein funktionierender gemeinsamer Markt und multikulturelle Öffnung. Oder eine konservativere Interpretation: ein gemeinsamer Markt, aber mit stärkerer nationaler Identität. Oder eine linkere Sichtweise: der Wohlfahrtsstaat sollte Teil Europas sein. Das kann man alles diskutieren. Aber sicher ist: Durch seine kulturelle Vergangenheit wird Europa an diesen Ort des Widerstands gedrängt. Die Europäer sind nicht besser als die anderen. Aber sie sind eigentlich die großen Verlierer der Globalisierung. Entweder erfinden wir etwas Neues, oder wir sinken herab zu einer unbedeutenden Provinz.

Die Furche: Was könnte das sein? Was könnte Europa erfinden?

Zizek: Was alle suchen, ist eine ernsthafte Alternative zum globalen Kapitalismus. Dabei meine ich nicht nur den ökonomischen Aspekt (Stichwort Neoliberalismus), sondern auch die kulturelle Struktur, diese spezifische Mischung aus permissivem Liberalismus und Fundamentalismus. Es ist diese Spannung, die die - wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf - "amerikanische Spiritualität" ausmacht. Einerseits die Permissivität: Gib dich dem Vergnügen hin, entdecke dich selbst. Das kann mehr spiritualistisch gewendet sein, im New Age, oder auch ganz einfach hedonistisch. Und dann gibt es das scheinbare Gegenteil, von dem ich aber glaube, dass es Teil des selben Horizontes ist: die neuen Fundamentalismen. Es ist kein Zufall, dass die USA eine Gesellschaft des individualistischen Hedonismus ist - und zur selben Zeit eine der religiösesten Gesellschaften der Gegenwart.

Unter dem Namen der "neuen Weltordnung" tritt eine bestimmte Art von Zivilisation hervor. Ist das alles? Hat Fukuyama recht, der sagt: Wir haben das Modell bereits, und alles Weitere ist - mit einem Ausdruck Freuds - "sekundäre Bearbeitung"? Da ein wenig polieren, ein bisschen mehr Toleranz, ein bisschen mehr von diesem und jenem. Oder: Wagen wir es noch, das Modell selbst in Frage zu stellen? Ich glaube, wir sollten es tun. Denn ich sehe im gegenwärtigen Modell der globalen kapitalistischen Zivilisation antagonistische Potenziale. Ich sehe neue Formen von Gewalt, neue Formen von Ausschließung. Wenn Sie mich aber jetzt fragen: "Was statt dessen?", habe ich nur sehr vage Ideen.

Die Furche: Das Argument lautet ja nicht, dass eines von vielen Modellen, der globale Kapitalismus, der ganzen Welt aufgezwungen werden soll, sondern dass er sich quasi von selber durchsetzt, weil er die besten Lösungen anbietet.

Zizek: Vor 30 oder 40 Jahren haben wir diskutiert, wie die Zukunft sein würde. Würde sich der liberale Kapitalismus durchsetzen, würde der Kommunismus gewinnen oder würde es ein drittes Modell geben. Wir rechneten damit, dass das Leben auf dem Planeten weitergehen würde, wussten aber nicht, welche soziale Weltordnung sich durchsetzen würde. Heute ist es genau umgekehrt. Wir sind besessen von der Idee einer radikalen kosmischen Katastrophe. Ein Asteroid könnte die Erde treffen, eine Virenerkrankung könnte uns alle töten. Das heißt: Wir können uns das Ende des Lebens auf der Erde vorstellen. Aber wir können uns keine nicht kapitalistische soziale Ordnung vorstellen. Da endet unsere Vorstellungskraft. Nun bin ich kein alter linker Nostalgiker. Aber die Situation selbst, die neuen Spannungen, die bereits am Horizont auftauchen - ökologische, ökonomische, politische Spannungen - werden uns zwingen, etwas Neues zu erfinden.

Die Furche: Vor welchem Hintergrund können Sie Europa auffordern, etwas Neues zu erfinden? Gibt es so etwas wie eine europäische Kultur, europäische Werte? Oder ist das nur eine Fiktion?

Zizek: In gewisser Weise ist jede Zivilisation eine Fiktion, das heißt: ein starkes Set von Ideen, das die Menschen zusammenhält. Die Frage ist: Ist diese Fiktion am Leben oder nicht? In diesem Sinn ist die europäische Kultur nicht nur eine Fiktion. Da bin ich ganz eurozentrisch. Das europäische Erbe steht für etwas Einzigartiges in der menschlichen Geschichte: die Idee des unendlichen Wertes des Individuums in Verbindung mit einer neuen Idee von Gerechtigkeit.

In präeuropäischen Zivilisationen ist der große Slogan die Harmonie des Universums, die Balance von Yin und Yang. Die Gesellschaft wird als Organismus gedacht. Gerechtigkeit heißt: Jeder an seinem oder ihrem angestammten Platz. Ein Diener soll ein guter Diener sein, eine Frau eine gute Mutter, ein König ein guter König. Ungerechtigkeit ist dann eine Übertretung. Jemand will nicht erfüllen, wozu sein natürlicher Platz im Organismus ihn verpflichtet.

Die Demokratie bringt eine völlig andere Idee von Gerechtigkeit. Es heißt nicht mehr: Jeder an seinem Platz, sondern im Gegenteil: Jeder hat ein Recht auf, um es so auszudrücken, direkten Kontakt mit dem Absoluten. Jeder Mensch ist eine absolute Persönlichkeit. In diesem Sinn ist jede Politik demokratisch, und reaktionäre Politik ist in gewissem Sinn unpolitisch. Wenn es einen konservativen - sei es einen rechten oder einen kommunistisch-konservativen - Staatsstreich gibt, lautet der erste Slogan immer: Die politische Verrücktheit muss aufhören, jeder soll seine Arbeit tun. Die Demokratie aber sagt im Gegenteil: Nein, du sollst nicht nur deine Arbeit tun. Du hast das Recht, am universalen Leben teilzunehmen. Und ich glaube, das ist genau das, was heute bedroht ist.

Die Furche: Der Krieg gegen den Terrorismus versteht sich als Kampf für Demokratie. Ein aussichtsreicher Kampf?

Zizek: Krieg oder nicht, Irak angreifen oder nicht? Ich glaube nicht, dass das das wirkliche Thema ist. Ich glaube, dass die wirkliche Gefahr des Krieges gegen den Terrorismus in dem liegt, was ich die weiche, stille Revolution nenne. Hegel spricht in der "Phänomenologie des Geistes" von diesem stillen Weben, wie eine Spinne des Geistes. Und dann, plötzlich, ohne dass du etwas bemerkt hättest, lebst du in einem anderen Universum. Es beunruhigt mich zutiefst, wie die Regeln der Demokratie kaum merkbar verändert werden. In Europa sind wir aufgrund unserer historischen Prägung dafür sehr sensibel. Vielleicht werden wir diesem Trend nicht erfolgreich Widerstand leisten, aber wir können die Gefahr besser erkennen als andere.

Die Furche: Wenn Europa etwas Neues erfindet, wird das eine neue Ideologie sein, oder ist das Zeitalter der Ideologien, wie viele behaupten, endgültig vorüber?

Zizek: Ich bin strikt gegen die heute sehr populäre These, das Zeitalter der Ideologien sei vorüber und wir lebten in einem postideologischen Universum, in dem wir nur mehr mit pragmatischen Problemen wie der Regulierung der Weltwirtschaft zu tun haben. Zu jeder Ideologie, die ich kenne, gehört es wesenhaft dazu, dass sie leugnet, eine Ideologie zu sein. Eine Ideologie wirft immer nur den anderen vor, ideologisch zu sein. Pure Ideologie ist es für mich heute, wenn man politische Entscheidungen als neutral, als pure Angelegenheit von Expertenwissen präsentiert, wenn es etwa heißt: Wir müssen den Wohlfahrtsstaat abbauen, denn die ökonomischen Regeln sind diese und jene.

Diese angebliche Entpolitisierung der Ökonomie, als wäre die heutige Weltwirtschaft einfach eine ökonomische apolitische Maschine, die mit Machtkämpfen und ideologischen Entscheidungen nichts zu tun hätte: Das ist die heutige Ideologie. Sie funktioniert, indem sie sich selbst verleugnet. Und in dieser Hinsicht ist die Ideologie lebendiger denn je.

Die Furche: Im Gespräch über Europa ist sehr oft von christlichen Wurzeln die Rede. Wenn Sie auf einen neuen europäischen Weg hoffen, denken Sie dann auch an Christentum?

Zizek: Das Problem ist, dass die Kirche in der Moderne, vor allem im 20. Jahrhundert eine neue Rolle annehmen musste. Staat, Zivilgesellschaft, Ökonomie kommen grundsätzlich ohne religiöse Begründung aus. Jetzt muss die Kirche eine von zwei Rollen wählen. Entweder eine Art psychiatrische Rolle, indem sie den Menschen sozusagen mit einem Reparaturservice für Seelenprobleme hilft, besser zu funktionieren. Oder eine häretische, kritische Rolle. Ich meine, wenn die Kirche den richtigen Zugang zu ihrer kritischen Aufgabe findet, kann sie eine entscheidende Rolle spielen, und ihre Bedeutung ist alles andere als vorüber. Denn wenn etwas aus dem vergangenen Jahrhundert zu lernen ist, dann das: Die simplizistische Logik der Modernisierung als Säkularisierung hat ihre Grenzen. Mich interessieren weniger die konkreten Glaubensinhalte der Kirche, sondern eher eine gewisse messianische Zeitlichkeit, wie sie vor allem von Paulus definiert wurde. Die verbleibende Zeit ist kurz, der Moment der Entscheidung ist nahe.

Wir leben also in einem religiösen Notstand. Ich gebe gerne zu, dass die ersten Christengemeinden ein erster Typus von Gemeinschaft waren, die später auf unterschiedliche Weise auch in revolutionären, kommunistischen Organisationen verwirklicht wurden. Diese Idee: Wir haben eine Aufgabe, wir leben in einem anhaltenden Notstand. Hier bringt die Kirche nicht nur ihre Lehren ein, sondern ihre Erfahrung von Gemeinschaft, die ansonsten am Verschwinden ist. Ich selbst bin ein Atheist. Aber der Raum für das, was ich tue, wurde eröffnet von der christlichen Idee der Gemeinschaft der Gläubigen, wie sie bei Paulus entwickelt ist. Ich weiß nicht, ob Ihnen bewusst ist, wie viele Marxisten diesen Zusammenhang schon hergestellt haben: Paulus als Urkommunist. Heute werden neue Formen von gemeinschaftlichem Leben gebraucht, weil die alten verschwinden.

Das Gespräch führte Christian Rathner.

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