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Religion heißt nicht "Kulturkampf"

Kürzlich, auf einer Veranstaltung aus Anlass meines Buches "Ist Religion Krieg?", fragte ich die Anwesenden, wo sich folgende Stelle findet: "Ihr habt den Teufel zum Vater, und ihr wollt das tun, wonach es euren Vater verlangt. Er war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit; denn es ist keine Wahrheit in ihm. Wenn er lügt, sagt er das, was aus ihm selbst kommt; denn er ist ein Lügner und ist der Vater der Lüge."

Da die Zuhörenden sich nicht gleich auf den Koran festlegen wollten, mutmaßten sie zunächst, die Stelle stamme aus dem Alten Testament der Bibel. Das erwies sich freilich als Irrtum, wie eine Kennerin des Neuen Testaments gleich richtigstellte. Man findet die Stelle im Johannesevangelium (8,44). Der dort Redende ist Jesus, der seine jüdischen Brüder, die sich stolz Kinder Abrahams nennen, attackiert, um sich selbst als "die Wahrheit" zu offerieren. Aber wer ist jener Teufel?

Juden sind keine Teufels-Anhänger

Wir wissen, dass es bis ins dritte Jahrhundert nach Christus wirkkräftige Glaubensfraktionen gab, darunter die sogenannten Gnostiker. Diese hielten mehrheitlich den Schöpfer der Welt, das heißt Jahwe, Gott der Juden, für den Teufel, von dem der gute Gott, der über allem thronte, wohl zu unterscheiden war. Die Frage, ob Religion Krieg sei, erfordert also eine differenzierte Einlassung:

Wer sich nicht mit der Lüge, der Hölle, dem ewigen Tod der Seele verbünden möchte, der tut gut daran, die Anhänger des Teufels - und als solche werden im christlichen Antijudaismus die Söhne Abrahams betrachtet -mit allen erdenklichen Mitteln zu bekämpfen. Im Islam wiederum gibt es Hardliner, die mit Blick auf die Christen ebenso denken, und manche Anhänger des Propheten sind bereit, dementsprechend zu handeln: als Terroristen.

Die Christen haben sich mehrheitlich schon längst damit abgefunden, dass, wie Bertrand Russell in seinem Buch "Warum ich kein Christ bin"(1927) darlegte, auch Jesus schlimme Dinge sagte. Nur sehen wir im Unterschied zu Russell keinen Grund, uns deswegen vom Christentum grundsätzlich zu distanzieren. Warum? Weil die Art und Weise, wie wir die jesuanische Botschaft auffassen, keinen Rückfall in die Welt der Archaik bedeutet.

Vielmehr ist das heutige Christentum in weiten Teilen durch die universalistisch ausgelegte Metaphysik der Antike, des Humanismus und der Aufklärung geprägt. Es kann sich Gott nicht anders denken als den "Gott aller Menschen". Jeder Religionsunterricht hätte aufzuzeigen, dass es eine Verfeinerungsdynamik gibt, die über die Jahrhunderte hinweg dazu führt, dass die jeweils heiligen Texte immer wieder neu interpretiert werden. Mit "Anpasslertum" im negativen Sinne hat dies nichts zu tun, sondern, unter anderem, mit dem wachsenden Weltwissen und dem Prozess der Zivilisation.

"Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft " Ich kenne keinen Christen oder gar Juden, der der Meinung wäre, diese Stelle aus dem biblischen Buch Levitikus (20,13) sollte in die Tat umgesetzt werden, auch wenn viele Gläubige die Eheschließung homosexueller Paare ablehnen. Kaum jemand möchte heute noch, dass homosexuelle Männer ein ähnlich grausames Schicksal erdulden müssen wie etwa Oscar Wilde, dessen Gesundheit nach zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit ruiniert war.

Freund-Feind-Losung überwinden

Levitikus verkörpert eine archaische Welt, deren Vorschriften uns vielfach abstoßen. Und ebenso ergeht es uns mit dem Islam aus Ländern, die vom westlichen Lebensstil kaum profitierten und ihm fernblieben; nun ist er in unserer Kultur angekommen. Ob man deshalb generell von einem "Kulturkampf im Klassenzimmer" sprechen darf, halte ich für problematisch. Denn indem wir so reden, übernehmen wir gerade jene Freund-Feind-Losung, die wir im Namen des Gottes aller Menschen überwinden möchten. Ohne irgendwelche Versäumnisse im didaktischen Bereich kleinreden zu wollen, muss eine tolerante Gesellschaft, die stolz darauf ist, dem Kultur-und Religionspluralismus offen gegenüberzustehen, mit Ungleichzeitigkeiten rechnen.

Wir beherbergen mittlerweile Menschen, deren Kultur-und Religionsverständnis ausgesprochen rituell geprägt ist, es hängt an Äußerlichkeiten, die für die Identität der Betroffenen aber wesentlich sind. Was Immanuel Kant -im Gegensatz zur "wahren Kirche" aller Menschen guten Willens - als "Afterglauben und Fetischdienst" geißelte, das ist dem eher bildungsfernen Islam etwas Heiliges. Man sollte daher, zumal als Angehöriger einer westlich aufgeklärten Kultursphäre, nicht reflexhaft unverständig -und dann womöglich mit Verboten -reagieren, wenn es um Kleidervorschriften, Beschneidung, Schächten, Gebets-und Essensnormen, Geschlechterbeziehungen, Prüderie etc. geht.

Statt die Selbstachtung derer, die solche Riten praktizieren, immerfort zu verletzen und so erst recht in die Aggressionsdefensive zu drängen, wäre es hilfreich, sich um eine "ökumenische" Lesart der heiligen Texte und ihrer Vorschriften zu bemühen, wie dies von liberaler islamischer Seite ohnehin gefordert wird. Dass es daneben den "politischen Islam" gibt, ist eine Tatsache, aber keine, die sich unter westlichen Bildungsvoraussetzungen als unauflösbar erwiese -nur müssen diese Voraussetzungen auch endlich durchschlagend geschaffen werden!

Es hängt von den Gläubigen ab

Mit steigender Bildung verstehen die Menschen, was die Trennung von Religion und Staat meint, wenn man es ihnen, ohne Herabwürdigung ihrer Tradition, autoritativ zur Kenntnis bringt. Jesus hätte es, gegen die römische Staatsreligion gewandt, wohl verstanden. Sein "Reich" sei ja -laut Johannes (18,36) -"nicht von dieser Welt". Im Übrigen gehörte es zu den umkämpften Forderungen säkularer Kreise, der katholische Klerus möge sich aus den rechtsförmigen Angelegenheiten des privaten und öffentlichen Lebens heraushalten.

Ob also Religion Krieg "ist", hängt keineswegs in erster Linie von der Religion ab, sondern von denen, die sie praktizieren und pflegen. Unter ihnen werden sich zweifellos immer wieder "Glaubensritter" finden. Dies ist der Name, den Sören Kierkegaard in "Furcht und Zittern"(1843) für Menschen fand, die bereit wären, im Namen Gottes selbst ihren Sohn zu opfern. Hier kommt altes menschliches Erbe zum Tragen, worin das Psychopathische, Sadistische und Größenwahnsinnige eingeschlossen ist. Dessen Zügelung und Stilllegung sollte eine der vornehmsten Aufgaben unserer Zivilisation sein, ohne gleich ins Kulturkämpferische zu verfallen.

Denn der Kampf der Kulturen ist Ausdruck jener Menschheitsarchaik, die Oswald Spengler 1933, dem Jahr der Machübernahme Hitlers, auftrumpfend zusammenfasste: "Menschengeschichte ist Kriegsgeschichte."

| Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Graz|

Ist Religion Krieg? Was vom Gott aller Menschen bleibt Von Peter Strasser. Styria 2018 192 Seiten, geb., € 22,-

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