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René Girard: "Essen ist voller Gewalt"

1945 1960 1980 2000 2020

Essen und Religion sind miteinander verwoben, aber auch Essen und Gewalt: Wer isst, muss töten. Der frankoamerikanische Kulturwissenschafter René Girard, Schöpfer einer bekannten Opfertheorie, über diese Zusammenhänge.

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Essen und Religion sind miteinander verwoben, aber auch Essen und Gewalt: Wer isst, muss töten. Der frankoamerikanische Kulturwissenschafter René Girard, Schöpfer einer bekannten Opfertheorie, über diese Zusammenhänge.

DIE FURCHE: Ist Essen etwas Heiliges?

René Girard: Ja. Was wir essen, wie wir essen, wie wir nicht essen: All das hängt mit Religion zusammen. Denn alles, was wir tun, unsere ganze Kultur, unser Lebensstil und unsere Nahrung wurzeln in der Religion. Unsere Kultur hängt stark mit den Konflikten unter den Menschen zusammen: Menschen kämpfen um beinahe alles, nicht zuletzt um die Nahrung.

DIE FURCHE: Müssen Menschen töten, um zu Nahrung zu gelangen?

Girard: Ja, denn Menschen essen Fleisch. Diese Tatsache ist wahrscheinlich kulturell bedingt: Unser Verdauungsystem und unsere biologische Ausstattung legen nicht nahe, dass wir Fleischfresser, sondern dass wir Allesfresser sind. Dass der Mensch ein Fleisch verzehrendes Wesen wurde, ist durch das religiöse Opfer bestimmt: Der Mensch neigt dazu, Opfer hinzugeben, zu töten - rituell, religiös - und diese Opfer gemeinsam zu verspeisen.

DIE FURCHE: Also ist Essen mit Gewalt verbunden.

Girard: Ganz gewiss. Der Mensch neigt zur Gewalt, er neigt dazu, um alles zu kämpfen, weil er ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken besitzt und ständig in Rivalitäten verfällt, besonders wenn es um die Nahrung geht. Daher bestimmt letztlich ein religiöses System, wie die Menschen essen, und was sie essen. In manchen primitiven Gesellschaften durften die Menschen nicht miteinander essen. Oder sie aßen zusammen, aber schauten sich dabei nicht an: Hier aßen die Menschen im Wortsinn Rücken an Rücken. All dies ist ein starker Hinweis auf die Konfliktnatur des Essens.

DIE FURCHE: Gibt es in den Essriten der Gegenwart einen Hinweis auf derartig archaische Verhaltensmuster?

Girard: Wir leben in einer Welt, in der das Essen immer weniger ritualisiert ist. Viele der Essprobleme von heute hängen mit dieser Entritualisierung zusammen. Fastfood zum Beispiel ist entritualisiert und macht süchtig. Viele Fastfood-Hersteller sind darin sehr clever, ihrem Essen einen bestimmten Geschmack zu verpassen. Oder die Menschen werden nach diesen Speisen süchtig und und verspüren einen Esszwang. Und sie essen allein. Das rituelle Mahl in der westlichen Welt ist die Familienmahlzeit. Da ist es viel schwieriger, Bulimie zu praktizieren, eine Krankheit, bei der viele Mädchen zuerst essen und danach erbrechen, weil sie Angst haben, dick zu werden. Mit einer von der Mutter zubereiteten Mahlzeit ist das viel schwieriger, als mit Fastfood. Wir wissen, dass Bulimie mit Fastfood zusammenhängt - diese Mädchen erbrechen das Essen für andere. Sie wollen schön sein und glauben, dünn zu sein ist ästhetischer. Unsere Gesellschaft verlangt das. Daher kann Essen heute etwas Krankhaftes sein. Entritualisiertes Essen wird leicht zur krankhaften Angelegenheit.

DIE FURCHE: Muss man mit dem Essen respektvoll umgehen?

Girard: Ich bin überzeugt, dass Respekt fürs Essen, für diejenigen, die es angebaut haben, für unsere Mütter, die das Essen zubereiten, sehr wichtig ist. Heute essen die Menschen, um zu genießen. Die heutige Beziehung zum Essen gleicht jener zum Sex nach der sexuellen Revolution: Nur der Genuss zählt.

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