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Ritual und Spontaneität

Bert Groen, Liturgiewissenschafter an der Universität Graz, über den Zustand der katholischen Liturgie, die jüngste Liturgie-Instruktion aus Rom sowie (kritische) Anmerkungen zum "Wallfahrt der Völker"-Gottesdienst in Mariazell.

Die Furche: Mehr als 40 Jahre sind seit der Liturgiereform des 2. Vatikanischen Konzils vergangen: Wie schätzen Sie deren Bedeutung ein?

Bert Groen: Es war die größte Liturgiereform in der Geschichte der Westkirche: Die Verwendung der Muttersprache wurde möglich, der Priester hat sich "umgedreht" (die Leute konnten nun den Priester sehen), die Position des Altars hat sich geändert - aber vor allem: Man hat versucht, das Gleichgewicht zwischen Priester und Gemeinde wiederherzustellen. Man hat es versucht - es ist meines Erachtens aber immer noch nicht gut gelungen. Aber man hat damit angefangen. Eine Liturgiereform wie die des II. Vatikanums braucht Zeit - einige Generationen! -, um richtig rezipiert zu werden.

Klima der Ängstlichkeit

Die Furche: Zur Zeit spürt man aber vor allem Restriktionen: Da gibt es die Diskussionen um die richtigen Übersetzungen der liturgischen Texte, da ist die neue Liturgie-Instruktion aus Rom, da gibt es Bücher - nicht zu letzt von Kardinal Ratzinger - die das vorkonziliare Liturgiemodell wieder hervorzuholen scheinen.

Groen: In der katholischen Kirche gab es nach dem Konzil von Trient vier Jahrhunderte lang eine eiserne Einheitsliturgie. Im 20. Jahrhundert kam die liturgische Bewegung, und wie bei allen Erneuerungsbewegungen hat man zuerst versucht, sie auszuschalten, zu bremsen, dann zu tolerieren. Das Konzil war die offizielle Frucht dieser liturgischen Bewegung. Aber man muss diesen Aufbruch vor dem Hintergrund der vier "eisernen Einheitsjahrhunderte" betrachten.

Wir wissen von anderen Erneuerungsbewegungen, dass man sie irgendwie zu inkorporieren versuchte: Auch von der liturgischen Bewegung suchte man die Angelpunkte herauszuholen wie: eine zeitgemäße und lebendige Muttersprache - nicht zu viel natürlich! Man möchte wieder stärker kontrollieren und einige Erneuerungen sogar zurückdrehen. So betont man wieder die Entfernung im Gottesdienst zwischen Volk und Klerus, man lässt wieder Gottesdienste zu, wo der Priester mit dem Rücken zum Volk zelebriert usw. Auch die neue Instruktion nehme ich als Ausdruck davon wahr, dass diese restaurative Tendenzen stärker werden.

Die Furche: Was kann man in dieser Situation tun?

Groen: Man sollte versuchen, in der großen christlichen Tradition zu stehen. Außerdem steht ein Konzilsdokument höher als jede Instruktion. Natürlich sind die Konzilsdokumente auch Kompromisspapiere - wie etwa Weihbischof Krätzl betont, und unterschiedlich interpretierbar. Aber der Schlüsselbegriff der Liturgiekonstitution des II. Vatikanums ist klar: die "tätige Teilnahme" aller. Die neue Instruktion trägt diesem Basisanliegen viel zu wenig Rechnung. Außerdem tritt darin ein Klima der Ängstlichkeit ("Einhalten der Vorschriften!") zu Tage. Man sollte sich aber viel mehr auf die lebendigen Quellen stützen und sich auf die konkrete Feier konzentrieren. Natürlich sind bestimmte Vorschriften nötig - ich predige nicht die Anarchie! - aber die Seite der Vorschriften wird zur Zeit überbetont.

Die Furche: Ist größere "Strenge" in der Liturgie nicht auch legitim, damit weltweit eine einheitliche katholische Liturgie gefeiert wird? Ich soll, wenn ich etwa in Südafrika in die Kirche gehe, auch dort wissen, dass ich in einem katholischen Gottesdienst bin!

Groen: Das Anliegen, dass die Basisstrukturen des Gottesdienstes erkennbar sind, ist legitim. Aber das bedeutet nicht, dass sie in allen Details festgelegt sein müssen. Basisstruktur ist, dass die Schrift gelesen und dass gut gepredigt wird. Auch dass Gaben dargebracht werden, dass ein Dankgebet mit dem Einsetzungsbericht über Brot und Wein gesprochen wird, ist in der katholischen Tradition essenziell, sowie dass die Menschen zur Kommunion gehen, und dass ein Priester-Vorsteher da ist: Man braucht diese Basisstrukturen. Aber dass in der einen Gemeinschaft ein bisschen anders gefeiert wird als in der andern, ist doch nicht schlimm!

Die Furche: Die Restriktionen sind das eine. Die andere Linie ist die Frage, was denn von der Liturgiereform tatsächlich umgesetzt wurde. Sind etwa die landläufigen Predigten so "gut", wie Sie fordern?

Groen: Nein. Eine gute Predigt hat zwei Punkte: erstens die Erklärung der Schrift, zweitens das Rücksichtnehmen auf die gesellschaftliche, persönliche, spirituelle Situation heute. Fehlt einer diesen beiden Pole, dann gibt es ein Problem. Man muss die Predigt auch gut vorbereiten, man muss sich mit den Schriftstellen, die im Gottesdienst gelesen werden, auseinander setzen. Das bedeutet einige Stunden Arbeit. Wenn ich in einen Gottesdienst gehe, dann höre ich aber Predigten, wo der Pfarrer nur so einige Gedanken über die Schriftlesung oder über das Leben in der Pfarre ausbreitet, aber man spürt: Da ist wenig vorbereitet worden.

Es gibt natürlich Ausnahmen, aber ich bin über den heutigen Stand der Predigt in diesem Land nicht erfreut. Was mir generell auch fehlt, ist das Augenmerk auf die Qualität des Wortgottesdienstes: Es ist interessant, dass die neue Instruktion, die sich so klar ausspricht gegen allerlei Missbräuche gegenüber der Verehrung der Eucharistie, dem Hochgebet, der Kommunion usw., kaum den Wortgottesdienst nennt.

Mariazell: klerusorientiert

Die Furche: Die "Wallfahrt der Völker" in Mariazell vor wenigen Wochen, war eine große, von Zehntausenden gefeierte Liturgie. Wie beurteilt der Liturgie-Experte diese Feier?

Groen: Ich habe kritische Anmerkungen: Der Gottesdienst war sehr bischofs- und klerusorientiert: Nicht nur durch den rituellen Ablauf, sondern auch durch die Raumgestaltung: auf einem hohen Podium mit dem Altarraum standen über hundert Bischöfe, und zwar nur Bischöfe, einschließlich der Kardinäle. Vor dem Podium befanden sich fast nur Priester, VIPs und Journalisten. Erst dahinter stand das "Volk", das sehr auf eine Rolle von Zuschauenden und Zuhörenden reduziert wurde. Zehntausende dieses "Volkes" befanden sich so weit vom Altarraum entfernt, dass sie kaum noch etwas vom dortigen Geschehen mitbekamen. Die tätige Teilnahme des Volkes war auch aufgrund der Struktur der Messe wenig möglich. Alles war auf den weiten Altarraum und das dortige Geschehen hin ausgerichtet. Das Problem der sieben unterschiedlichen Sprachen war so "gelöst" worden, dass dem Latein eine vorherrschende Rolle beigemessen wurde.

Auch die Ökumene spielte bei der Liturgiefeier keine besondere Rolle. In seinem Eröffnungswort begrüßte der Grazer Bischof Egon Kapellari die (wenigen) Vertreter der anderen christlichen Kirchen. Das war alles. Für liturgische Beteiligung anderer Kirchen, ja sogar anderer Religionen an katholischen Gottesdiensten - auch in Papstgottesdiensten - gibt es dennoch gute Beispiele. Beim Bestattungsgottesdienst für Kardinal Franz König war in ökumenischer Hinsicht ebenfalls einiges möglich: unter anderem eine Lesung durch den lutherischen Bischof Sturm. So betrachtet war die "Wallfahrt der Völker" ein Rückschritt, auch im Vergleich zur Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997.

Die Furche: Und was war positiv beim Mariazeller Gottesdienst?

Groen: Die Mariazeller Gnadenstatue hatte große Symbolkraft, ebenso andere Elemente wie die helle Farbe der von Edith Temmel gestalteten Messgewänder, der Taufbrunnen und der bei der Feier verwendete Tassilo-Kelch. Positiv ist zu bewerten, dass die Predigt von Kardinal Christoph Schönborn sowohl einen spirituellen als auch einen politischen Charakter hatte. Dadurch wurde klar, dass der Inhalt des christlichen Glaubens nicht nur persönlich-geistlich, sondern auch sozialpolitisch bedeutungsvoll ist.

Gutes Gleichgewicht

Die Furche: Wie sollte eine Gemeinde heute Liturgie angehen?

Groen: Durch gutes Bibelstudium. Durch gute Gemeinschaft - das heißt: nicht nur Gottesdienstgemeinschaft, sondern auch Caritas: die Gemeinschaft soll auch außerhalb der Kirchenmauern spürbar sein. Durch Teilnahme aller - nicht alle sollen das Gleiche tun, aber dort, wo es angebracht ist, etwa bei den Fürbitten, sollen auch alle etwas tun können. Die Gebete sollen so gebetet werden, dass der Priester sie im Namen der Gemeinde spricht, und dass das auch klar ist. Das gilt auch für das Hochgebet. Gute Gesänge sollen eine wichtige Rolle spielen, aber den Gottesdienst nicht überschatten. Und: Gutes Gleichgewicht zwischen Ritual und Spontaneität!

Die Furche: Nicht alles im Gottesdienst soll spontan sein?

Groen: Das wäre Unsinn. Wenn ich zum Arzt gehe, und das eine Mal empfängt er mich in der Badehose und das andere Mal im weißen Mantel, wäre das sehr eigenartig. Wir brauchen ein Ritual. Wenn wir das schon im Arztzimmer brauchen, dann erst recht in der Kirche! Wenn ein Kind schlafen geht, ist ein Ritual sehr, sehr wichtig. Bei uns Erwachsenen ist das nicht viel anders. Wir werden müde, wenn jedes Mal etwas völlig anderes da ist. Ich bin also schon für feste Grundstrukturen. Aber es muss auch Raum für Spontaneität sein.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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