Roberto Bolaño: Echte Horrorgeschichten

1945 1960 1980 2000 2020

Er verstand es wie kaum ein anderer, das Böse anzuschauen und in Sprache zu bringen: Roberto Bolaño gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen spanischsprachigen Schriftsteller. Vor 10 Jahren starb er 50-jährig.

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Er verstand es wie kaum ein anderer, das Böse anzuschauen und in Sprache zu bringen: Roberto Bolaño gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen spanischsprachigen Schriftsteller. Vor 10 Jahren starb er 50-jährig.

"Das hier wird eine echte Horrorgeschichte. Eine Verbrechergeschichte wird das, ein Ding aus der schwarzen Serie und - eine Horrorgeschichte. Aber es wird gar nicht danach klingen." Mit diesen drei Sätzen beginnt Roberto Bolaños Roman "Amuleto", der 1999 erschien. Als das Werk 2002 auch auf Deutsch vorlag, hatte der 1953 in Santiago de Chile geborene Autor noch ein Jahr zu leben.

Mit diesen Anfangssätzen sind - neben der Thematisierung des Literarischen - zwei weitere Wesenszüge von Bolaños Schreiben benannt: Der Autor nimmt nämlich Verbrechen in den Blick, und zwar auch real stattgefundene wie etwa jene der lateinamerikanischen Diktaturen und des Nationalsozialismus - oder die Serie von Morden an Hunderten von Frauen in Ciudad Juárez an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. In seinem monumentalen und äußerst lesenswerten Roman "2666" (eigentlich sind es fünf Romane) schreitet Bolaño im vierten Teil auf über 300 Seiten die Verbrechen an den Frauen ab. Ein riskantes literarisches Unternehmen, aber es gelingt und ist in diesem Umfang umso eindrücklicher: Hier wird jedem Opfer auch der Name wiedergegeben.

Doch typische Horrorgeschichten schreibt Bolaño nicht. Manchmal merkt man das Verbrechen nicht einmal sofort, Bolaño legt aber Spuren des Bösen, und das auch in Sätzen, in denen man es erst nur als Unheimliches spürt, vielleicht dann beim Nocheinmallesen entdeckt. Und wenn angesichts einer korrupten Polizei, die Unrecht nicht aufdecken will, und Figuren, die das wollen, aber nicht können, die Lesenden selbst zu Detektiven werden, dringen sie zwar nicht unbedingt zu einer Lösung im Sinn des klassischen Kriminalromans vor, aber jedenfalls zur Frage nach Schuld, nach Gut und Böse, zum Abgrund, möglicherweise auch dem eigenen. "Der kollektive Roman, der von uns allen geschrieben wird, ist in jedem Fall brutaler als die Romane, die zwischen den Seiten eines Buches leben", sagte Bolaño denn auch in einem Interview in der NZZ.

Kultur und Barbarei

Bolaños viele Bücher kann man hier gar nicht nennen, zwei der schmäleren Werke seien erwähnt: "Amuleto" erzählt vom Massaker an chilenischen Studenten, das 1968 in Mexikos Hauptstadt stattgefunden hat. Ich-Erzählerin Auxilio Lacouture sitzt auf der Toilette der Universität, während Studenten und Professoren abgeführt werden. In seinem besonders empfehlenswerten Roman "Chilenisches Nachtstück", der sich die Unzuverlässlichkeit des Ich-Erzählers bestens zunutze macht, erzählt ein Opus Dei-Priester, selbst mäßig literarisch begabt, aber umso mehr belesen, im Fieber sein Leben, zu dem der Kampf gegen den die Kirchen zerstörenden Taubendreck in Europa ebenso gehörte wie der Unterricht für Pinochets Leute in Sachen Marxismus, auf dass sie ihre Feinde besser kennen. Mehr und mehr ahnen die Lesenden ungeheuerliche Verwobenheiten von Kultur und Barbarei. Dass beides bestens nebeneinander existieren kann, ohne dass die Kultur ein Störpotential entfalten würde, zeigt ja auch der Blick in die Geschichte des Nationalsozialismus, dem Bolaño den fünften Teil seines voluminösen Meisterwerks "2666" widmet.

Bestimmte Themen und Verbrechen finden sich immer wieder, doch sie machen das einzelne Werk nicht überflüssig, sondern erzählen es weiter und offenbaren einmal mehr, dass es nicht auf das Thema alleine ankommt, sondern auf die Art und Weise, wie es erzählt wird. Dabei werden Bolaños literarische Vorbilder deutlich, allen voran Jorge Luis Borges und Adolfo Bioy Casares.

Bolaño, der hervorragend beschreiben und die Verlorenheit (in) der Welt in berückende sprachliche Bilder bringen kann, führt auch in einen Kosmos von nicht nur spanischsprachiger Literatur. Andere Werke gehen in seinen Werken ebenso ein und aus wie Literaten und Kritiker - gerade in den Literaturbetriebssatiren beweist Bolaño reichlich Humor. Es sind echte und erfundene Figuren, die sich hier begegnen, wie überhaupt Erfundenes und Geschehenes zur Ununterscheidbarkeit ineinander gewoben ist.

Selbst bei den (nicht von ihm so genannten) autobiographischen Fragmenten heißt es acht zu geben ("Exil im Niemandsland", postum herausgegeben): Bolaño trägt sein Leben nicht im Bauchladen vor sich her, Alter Egos tauchen sicher in seinen Büchern auf, aber die Maskierung lässt Kurzschlüsse nicht zu. Und so halten sich Mythen wie eben jener (aus einer Erzählung kreierte), Heroinkonsum hätte zu jener Hepatitis geführt, die letztendlich die Leber zerstörte. Mag sein, dass man sich einen wilden Schreiber wie Bolaño so vorstellen möchte. Tatsache jedenfalls ist, dass er viele Jahre mit seiner Familie im spanischen Exil in der Nähe von Barcelona lebte und dort schrieb und schrieb, als wüsste er, dass ihm die Zeit knapp werden würde. Auf eine Lebertransplantation wartend, starb Bolaño 2003. Den Druck von "2666" erlebte er nicht mehr.

Werke aus dem Nachlass

Seither sichten Witwe, Agent und Verlag Bolaños Archiv. Mehrere Werke sind schon aus dem Nachlass erschienen, etwa "Das Dritte Reich", das Bolaño 1989 fertig gestellt, aber nicht publiziert hatte. Das sollte zu denken geben. Er hatte seine Manuskripte immer zigfach überarbeitet. Auch das neueste Buch "Die Nöte des wahren Polizisten", soeben auf Deutsch erschienen, wirft Fragen auf: Es wirkt unfertig, andererseits lesen sich die Kapitel wie Schattentexte zu "2666". Bekannte Figuren tauchen wieder auf, aber teils mit anderer Geschichte oder anderem Namen. Vielleicht finden sich in diesen Erzählfragmenten unterschiedlichster Gattung weitere Möglichkeiten für "2666", die Bolaño zur Seite gelegt hatte, vielleicht sind es Skizzen dazu, vielleicht aber wollte er damit den einen großen Roman weiterschreiben, an dem er zeitlebens arbeitete - er griff gerne Ideen und Figuren aus einem Werk in anderen wieder auf. Das Anliegen eines solchen Lebensromans könnte man mit Amalfitanos Gedanken in "2666" so benennen: "gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt, jenes Etwas, das gefährlich die Hörner senkt, und es gibt Blutvergießen, tödliche Wunden und Gestank."

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