Rollenbilder im Umbruch

Zwischen kultureller Tradition, Integration und Emanzipation: muslimische Frauen(bewegungen) auf Identitätssuche.

In islamischen Gesellschaften sind die Rollen der einzelnen Mitglieder im Großen und Ganzen klar definiert, sowohl im familiären als auch im gesellschaftlichen Bereich. Männer- und Frauenwelt sind dabei getrennt. Die Männerwelt ist sichtbar, denn sie bezieht sich auf die Öffentlichkeit, die Straße, die Arbeitswelt, das Kaffeehaus und die Moschee. Viele Frauen bewegen sich in dieser Männerwelt nur, wenn es sein muss.

Muslimische Immigranten in Österreich sind vielfach noch von den Werten der Heimatkultur geprägt. Gerade in einer Umbruchsituation (etwa dem Verlassen der Heimat) erfolgt ein verstärkter Rückgriff auf gewohnte Traditionen. Die neue Selbstständigkeit der Frauen und die Freiheiten der Jugend in Österreich rufen zahlreiche rollenspezifische Probleme hervor, etwa dort, wo islamische Ehemänner arbeitslos werden und damit zurechtkommen müssen, dass die Rolle des Geldverdieners nun bei der Frau liegt. Dann muss vielleicht sogar der Mann im Haushalt einspringen. Oder er hat plötzlich am Arbeitsplatz eine Frau zur Vorgesetzten.

Neue, fremde Heimat

Der Aufenthalt in einem westlichen Land kann für die Frau verstärkte Isolation mit sich bringen, da diese, herausgerissen aus der Dorf- und Frauengemeinschaft der Heimat, plötzlich nur noch Ehe- und Hausfrau ist. Als Ehefrau oder Tochter wird sie dann stärker bewacht und kontrolliert als im Heimatland, da hier die Gefahren für die muslimische Frau (etwa die Gefährdung der Ehre der Familie) in verstärktem Ausmaß gesehen werden. Diese Frauen haben oft nur Kontakt zu Familienmitgliedern oder zu Frauen in der Nachbarschaft, die dieselbe Herkunft haben wie sie.

Sprachprobleme verstärken diese Isolation. Die Frauen halten sich, besonders wenn sie nicht berufstätig sind, oft jahrzehntelang im Westen auf, ohne mehr als ein paar Vokabel der Sprache ihres Aufenthaltslandes zu erlernen. Da sie kaum aus ihrem häuslichen Bereich herauskommen, besteht zumeist weder die Gelegenheit noch der Anreiz, Deutsch zu lernen. Hinzu kommt, dass viele dieser Frauen selbst in ihrer Muttersprache weder lesen noch schreiben können. Auch bei muslimischen Mädchen ist der familiäre Druck wesentlich größer als bei den männlichen Jugendlichen. So werden die örtlichen Freizeiteinrichtungen von ihnen meist nicht besucht, da sie den Vorstellungen der Familie nicht entsprechen und als Gefahr betrachtet werden. Somit findet eine Einengung muslimischer Mädchen auf den familiären und häuslichen Bereich statt. Das kann zur Folge haben, dass auch die Berufsausbildung starken Einschränkungen unterliegt. Islamische Mädchen bekommen etwa seltener die Erlaubnis, an Klassenfahrten oder Schulwochen teilzunehmen, weil sie dann außerhalb des Elternhauses nächtigen müssen. Ein Kennzeichen all dieser Situationen ist das vermehrt zu beobachtende Tragen von Kopftüchern als äußeres Zeichen einer Segregation und als der Versuch der eigenen Identitätsfindung.

Selbstbewusste Frauen

Im Westen haben in den letzten Jahren vermehrt junge islamische Frauen der zweiten und dritten Generation ihr Interesse an Frauenproblemen und Frauenbewegungen entdeckt. Durch die Überwindung der Sprachhürde und mit einer entsprechenden Bildung vermögen sie, die eigene Situation in westlichen Gesellschaften zu artikulieren und so auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Früher war das Wissen in den Händen der Männer, nur sie konnten die heiligen Quellen interpretieren. Heute können auch immer mehr junge islamische Frauen lesen, schreiben und die Rechte der Frau im Islam vertreten.

Dass auch bei muslimischen Frauen unterschiedliche Sichtweisen bei der Interpretation der eigenen Situation vorhanden sein können, zeigen die unterschiedlichen Positionen von muslimischen Frauenbewegungen.

* Die Gruppe der traditionellen islamischen Frauenrechtlerinnen etwa bringt zum Ausdruck, dass im Koran die spirituelle Gleichheit und Gleichwertigkeit von Mann und Frau betont wird. Der Islam sei sogar die erste Religion, in der Gleichberechtigung und die Gleichwertigkeit der Frau theoretisch verankert sind. Man könne dem Koran entnehmen, dass Männer und Frauen aus einer einzigen Seele geschaffen sind (vgl. Sure 4,1) und die gleichen Eigenschaften besitzen.

Dies postuliere allerdings noch nicht eine Gleichheit in den Aufgaben und Pflichten der Geschlechter. Durch die biologischen Unterschiede seien aber unterschiedliche soziale Rollen vorgegeben. Die Frau hat sich demnach zu verhüllen und sich für "das Haus" verantwortlich zu fühlen, gleichzeitig soll sie aber auch auf die Straße gehen, wenn ihr etwas nicht passt. Gleichberechtigung für Mann und Frau in Arbeitswelt und Gesellschaft sind für diese Frauen durchaus mit islamischen Prinzipien vereinbar.

* Die Position der säkularen Bewegungen steht einer allzu frauenfreundlichen Koranauslegung allerdings skeptisch gegenüber. So sei die Frau im Islam in einigen Bereichen dem Mann gegenüber durchaus benachteiligt. Konkret bezieht man sich auf das Ehe- und Familienrecht der Scharia (vgl. Folge 4 der furche-Serie). Dieses religiöse Recht, das seine Quelle auch im Koran hat, beruhe auf der Vorherrschaft des Mannes und beraube die Frauen ihrer Bewegungs- Meinungs- und Reproduktionsfreiheit. So darf ein Mann bis zu vier Frauen heiraten (Sure 4,2-3), die Frau darf jedoch nur einen Mann heiraten, der in jedem Falle ein Muslim sein muss (vgl. Sure 2,221). Die Zeugenaussage einer Frau gilt nur halb soviel wie die eines Mannes (vgl. Sure 2, 282). Ein Zeuge ist demnach ein Mann oder zwei Frauen. Weiters ist die Frau nur zur Hälfte erbberechtigt (vgl. Sure 4,11). Als Grund dafür wird die Unterhaltspflicht des Mannes angegeben. Kaum ein islamischer Staat versucht dieses Gesetz ernsthaft zu verändern - unter dem Vorwand, dass es sich hier um gottgegebene Gebote handelt. Der religiöse Diskurs in der islamischen Welt sei nach Meinung dieser Feministinnen frauenfeindlich, davon unterscheide sich der fundamentalistische Diskurs nur graduell - beide würden versuchen, die Errungenschaften von 100 Jahren Frauenkampf rückgängig zu machen. Eine Emanzipation der Frau könne daher nur außerhalb des religiösen Rahmens erfolgreich sein.

* Nicht zuletzt finden sich in der islamischen Frauenwelt auch überzeugte "Islamistinnen", die die neuen Freiheiten des Westens als Bedrohung ihrer Lebensweise und ihrer Überzeugungen erleben. Diese Frauen schließen sich freiwillig fundamentalistischen Bewegungen an - insbesondere dann, wenn die Moderne nicht hält, was sie verspricht, und wenn sie nur einige wenige begünstigt.

Die Autorin, Theologin, forschte jahrelang zum Islam in Österreich. Ihr Buch: "Islam in Österreich. Eine religionssoziologische Untersuchung" (Frankfurt/M 1997), bislang die einzige ausführliche Publikation zum Thema, ist zur Zeit vergriffen.

Buchtipps

DIE ISLAMISCHE FRAU IST ANDERS. Vorurteile und Realitäten. Von F. Akashe-Böhme. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997. 96 S., kart., öS 145,-/e 10,54

FRAUEN IM ISLAM. 55 Fragen und Antworten. Von Hadayatullah Hübsch. 3. Aufl., Betzel Verlag, Nienburg o. J. 207 S., kart., öS 145,-/e 10,54

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