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Rot-weiß-rotes Korea?

1945 1960 1980 2000 2020

Günter Bischof schrieb eine internationale Geschichte des okkupierten Österreich 1945 - 1955.

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Günter Bischof schrieb eine internationale Geschichte des okkupierten Österreich 1945 - 1955.

Der österreichisch-amerikanische Zeithistoriker Günter Bischof, Professor an der Universität New Orleans, Begründer eines der erfolgreichsten Österreichzentren in der US-Universitätslandschaft, schrieb ein wichtiges Buch. Dem in blendendem Englisch dicht geschriebenen Werk über Österreich im ersten Kalten Krieg von 1945 bis 1955 ist eine aufmerksame Leserschaft nicht nur im anglo-amerikanischen Raum sicher. Bischofs Ziel war, "eine internationale Geschichte des okkupierten Österreich" zu schreiben. Dies ist ihm voll gelungen. Sie ist von jenen Provinzialismen frei, die in jedem Land bei Historikern zu finden sind, die sich allzu ausschließlich mit der eigenen Geschichte befassen. Er ist auch ein ausgewiesener Experte für die Geschichte der amerikanischen Außenpolitik und Diplomatie.

Österreich als "Europas Korea": Diese Charakterisierung eines hohen US-Diplomaten im Jahre 1952 gefällt Bischof. Sie illustriert sein erfolgreiches Bemühen, die Österreichfrage der Nachkriegszeit im Kontext weltpolitischer Überlegungen zu analysieren. Er setzt sich über Modetrends der Geschichtsschreibung hinweg und bekennt sich zum Primat politischer Entscheidungsprozesse und zur Rolle handelnder Individuen. Nicht nur Politiker und - im Hinblick auf das Besatzungsregime - Militärs, sondern auch weniger im Rampenlicht stehende Berufsdiplomaten, wie der brillante Amerikaner Llewellyn Thompson, werden gebührend gewürdigt. Die Darstellung wird von minutiös ausgewiesenen archivalischen Quellen überwiegend amerikanischer, österreichischer, französischer, englischer und deutscher, nicht jedoch russischer Provenienz gespeist, die Verarbeitung der umfangreichen Literatur zur Geschichte des Ost-West-Konflikts ist hervorzuheben.

Revolution von unten?

Die Darstellung setzt bereits 1938 ein. Bischof übernimmt die von Gerhard Botz geprägte Dreiteilung der NS-Machtübernahme "von unten", "von oben" und "von außen". Botz sprach allerdings nuancierend von "pseudo-revolutionärer Machtübernahme von unten", "scheinlegaler Machtergreifung von oben" und einer "übermächtigen Intervention von außen". Anders und problematischer als Botz, spricht Bischof von einer revolutionären Machtergreifung von unten. Er schildert bedrückend das Wüten von Teilen vor allem der Wiener Bevölkerung gegen die Juden. Aus der "Freudenmasse" spaltete sich die "Hetzmeute" ab, wie kürzlich Ernst Hanisch im Handbuch der NS-Herrschaft in Österreich schrieb. Bischof vertritt die Auffassung, dass im Terrorsystem, das den Massenmord an den Juden Europas verübte, die Österreicher überrepräsentiert waren.

Hier sind in letzter Zeit vorsichtigere Stimmen zu hören, etwa jene Wolfgang Neugebauers im Handbuch der NS-Herrschaft in Österreich. In bestimmten Bereichen (SS-Offiziere der Einsatzkommandos) muss diese Auffassung wohl, wie ein neues Buch des Amerikaners F. MacLean nahelegt, revidiert werden. Gleichwohl gab es genug "Ostmärker" und genug Gebiete, in denen sie bei Terror und Vernichtung die führende Rolle spielten, in Holland, Serbien, dem Bezirk Lublin mit den Vernichtungslagern Sobibor und Treblinka. Bischof weist zurecht darauf hin.

Brauchbare Geschichte Sehr kritisch äußert er sich zur "Erfindung" und "Vermarktung" einer "brauchbaren Geschichte" in den Anfangsjahren der Zweiten Republik. Die "Okkupationstheorie" ist die besondere Zielscheibe seiner Kritik. Der Rezensent möchte dazu dreierlei in Erinnerung rufen. Erstens hat die "Okkupationstheorie" Österreich nicht daran gehindert, sich gerade in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches intensiv mit der Verfolgung von NS-Verbrechen zu befassen. Die Amnesie oder genauer gesagt die Insensibilität bezüglich der NS-Zeit war weniger ein Resultat der Okkupationstheorie denn eine Konsequenz des Wettlaufs der Parteien um die Integration und die Stimmen der ab 1949 wieder wahlberechtigten ehemaligen Nationalsozialisten. Sie erreichte nach der NS-Amnestie von 1957 ihren Höhepunkt in den sechziger und frühen siebziger Jahren mit notorischen Fehlurteilen der Geschworenengerichte. Zweitens sei daran erinnert, dass innenpolitisch die Sozialisten, mit besonderer Vehemenz Adolf Schärf, gegen die Okkupationstheorie Sturm liefen, weil sie die Weitergeltung des Konkordats von 1934 begünstigte. Drittens sei betont, was der Rezensent an anderer Stelle gesagt hat: Wäre es nach 1945 nicht zur starken, häufig überzeichneten Abgrenzung des "Österreichischen" vom "Deutschen" gekommen, hätte Österreich nicht den Status des befreiten Landes reklamieren können, wozu die Moskauer Erklärung von 1943 eine Chance bot. Erinnert sei an die Bezeichnung des Schulfaches Deutsch als "Unterrichtssprache", nach Unterrichtsminister Hurdes auch "Hurdestanisch" genannt.

Hätte sich Österreich lediglich als besiegte "Ostmark" empfunden, wäre die Zweite Republik in der Tat nichts als einer der aus der Konkursmasse des "Großdeutschen" Reiches hervorgegangenen deutschen Staaten. Nie hätte sich jenes Bewusstsein der österreichischen Identität entwickeln können, das jüngeren Generationen so selbstverständlich erscheint.

Sich den Besatzungsmächten zuwendend, betont Bischof die vernichtende Wirkung der Massenvergewaltigungen im von der Roten Armee besetzten Gebiet. Diese sowie spätere willkürliche Verhaftungen und Entführungen bewirkten wohl mehr noch als die wirtschaftliche Ausbeutung der sowjetischen Zone oder die kommunistische Ideologie die dauernde Ablehnung des Sowjetsystems durch die große Mehrheit der Bevölkerung. Die Westmächte, die Amerikaner noch mehr als Briten oder Franzosen, konnten sich im Kalten Krieg umso eher als schützende und materiell helfende Freunde Österreichs profilieren.

Die USA zögerten Bischof weist nach, wie sehr der beginnende Kalte Krieg in Österreich zunächst, 1945/46, ein sowjetisch-britischer Konflikt war. Die USA übernahmen nur schrittweise die Führungsrolle, dann allerdings umso konsequenter. Der brillant geschilderten Geschichte der Österreichfrage im Kalten Krieg setzt Bischof zwei thematische Schwerpunkte. Erstens die Militarisierung des Kalten Krieges von 1948 bis 1952. Unter dem Eindruck der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei 1948 und dann noch mehr durch den Ausbruch des Koreakrieges 1950, betrieben die USA eine Politik der verteidigungspolitischen Integration Westösterreichs in das entstehende NATO-Verteidigungsnetz, auch wenn die westalliierten Truppen in Friedenszeiten (!) dem NATO-Kommando formell nicht unterstanden. Dazu kam die Errichtung und Ausrüstung kleinerer österreichischer Truppenkörper (B-Gendarmerie) und die Vorbereitung eines Aufgebots wehrfähiger Männer als potentielle Hilfstruppen im Ernstfall. Bischof dokumentiert auch den massiven Einsatz der USA für den raschen Aufbau einer österreichischen Armee ab 1955 und deutet die weitere Unterstützung der USA für das als verlässlich angesehene Bundesheer nach der Erklärung der Neutralität an. Die Armeefrage war für die USA 1955 ohne Zweifel eine conditio sine qua non ihrer Zustimmung zum Abzug aus Österreich.

Bischofs zweiter Schwerpunkt ist "the Leverage of the Weak", die Hebelkraft der Schwachen und Kleinen in der internationalen Politik. Dies ist sogar der Untertitel seines Buches. An der Politik von Bundeskanzler Julius Raab ab 1953 illustriert er den Versuch, nach Stalins Tod zwischen den Westmächten und der Sowjetunion mehr Bewegungsfreiheit zu erlangen. Ihren Höhepunkt erreichte Raabs Politik bekanntlich im Frühjahr 1955 mit der Geschicklichkeit, mit welcher er die Chance nutzte, die sich durch die als Konsequenz von Chruschtschows Aufstieg flexibler werdende sowjetische Politik eröffnete.

Raabs Entschluss, unter faktischer Ausschaltung der Westmächte mit Moskau zu verhandeln, wies den Weg zum mit der Neutralität gekoppelten Staatsvertrag und zum Abzug der vier Mächte. Bischof zeigt die Konsternation der Briten und Amerikaner ob dieser Emanzipation, er zeigt allerdings auch den Primat der politischen gegenüber der militärischen Führung der USA. Der Rezensent schätzt allerdings die "Hebelkraft der Schwachen" etwas geringer ein als Bischof und hat es an anderem Ort begründet. Dies tut jedoch der Bedeutung des Buches keinen Abbruch. Es wird die Befassung mit Österreichs Geschichte zwischen 1938 und 1955 im Ausland, zumal in der anglo-amerikanischen Welt, maßgeblich beeinflussen.

Austria in the First Cold War 1945-1955 - The Leverage of the Weak Von Günter Bischof, Macmillan Press Ltd., London und St. Martin's Press, New York 1999, 237 Seiten, geb, US-$ 72,-

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