Digital In Arbeit

Rundreise durch die schönen neuen Alpen

1945 1960 1980 2000 2020

Alpiner Massentourismus mit all seinen Folgeerscheinungen ist eine noch relativ junge Erscheinung - dafür aber eine um so dynamischere. Was harter Tourismus für die Alpen bedeutet, wird in Goldegg mit harten Fakten belegt.

1945 1960 1980 2000 2020

Alpiner Massentourismus mit all seinen Folgeerscheinungen ist eine noch relativ junge Erscheinung - dafür aber eine um so dynamischere. Was harter Tourismus für die Alpen bedeutet, wird in Goldegg mit harten Fakten belegt.

In den letzten zwei Jahre haben Mitarbeiter der Münchner Gesellschaft für ökologische Forschung, intensiv in allen sieben Alpenländern - von Slowenien bis zu den französischen Seealpen, von Garmisch bis Como - fotografiert und dokumentiert. Sie "wollten weder Postkartenidyllen noch Katastrophenszenarien bieten, sondern eine differenzierte Sichtweise der Alpen, ihrer mannigfachen Kultur, ihrer vielfältigen Natur und ihrer aktuellen Problematik."

Die Ergebnisse ihrer Recherche sind zur Zeit in der Ausstellung "Schöne neue Alpen - Eine Ortsbesichtigung" auf Schloß Goldegg im salzburgischen Pongau zu sehen.

Den Besuchern ist die Frage: "Sind die Alpen noch zu retten?" mit auf ihren Rundgang gegeben, der ausgehend im düsteren Schloßkeller, immer den Bergschuhspuren entlang, zu einem lichten Fenster im ersten Stock führt, wo der Blick wieder in die Goldegger Wirklichkeit entlassen wird.

Dazwischen gibt es 250 Bilder, Schautafeln und Videovorführungen, die auf die Diskrepanz zwischen Idylle und Realität alpiner Lebensräume aufmerksam machen. "Ein Mythos entsteht dann, wenn der Ist-Zustand nicht mehr mit dem Soll-Zustand übereinstimmt."

Die Alpen als Werbeträger dienen nur mehr in der Rolle des plakativen Hintergrunds, sind Kulisse geworden für den als Brauchtum ausgegebenen Folklore-Kitsch: "Berge und Bewohner zum Vermarkten". Wo am wenigsten vom Althergebrachten, vom Ursprünglichen und Unverfälschten erhalten geblieben ist, wird am meisten die Mär von der Gemütlichkeit im urigen Bergdorf bemüht - die Sprache wird zum Ersatz von Realität.

Zur Wirklichkeit allerdings gehören 13 Millionen Menschen, die in 6.123 Alpen-Gemeinden ihre Heimat finden. Gemeinsam mit jährlich 100 Millionen Besuchern und der europäischen Ökonomie, für die der 1.200 Kilometer lange und 300 Kilometer breite "Dachgarten Europas" vor allem ein Verkehrshindernis darstellt, haben sie die Alpen verändert.

Diese werden weiträumig nur mehr als Nutzfläche definiert: Für Tourismus, Freizeit, Industrie, Energie und Verkehr - mit allen Begleiterscheinungen. Vor allem "weil hier noch archaische Strukturen des Ländlichen fast direkt neben allen Phasen der Modernisierung und der wachsenden städtischen Regionen vorkommen."

26 Prozent der Alpen verstädtern, und 20 Prozent sind stark vom Tourismus beeinflußt. Vor allem die Täler sind dicht besiedelt und vom Verkehr belastet. Dazu kommt der urbane Druck der inner- und randalpinen Agglomerationen: Zürich, München, Innsbruck, Salzburg im Norden, Turin, Mailand, Bozen, Klagenfurt im Süden, Genf, Grenoble und Nizza im Westen sowie Graz und Wien im Osten.

300.000 Schweine hin- und hergeführt Die Menschen aus den Großstädten flüchten - auf der Suche nach der Gegenwelt - in die Berge. "Aber je mehr Gegenwelt wir suchen, desto mehr Mitgebrachtes finden wir vor: ein fataler Kreislauf."

Zitate aus Aldous Huxleys utopischem Roman "Schöne neue Welt" begleiten den Weg durch die Ausstellung. Frappante Bezüge zu aktuellen Erscheinungen können damit hergestellt werden: "Liebe zur Natur hält keine Fabrik beschäftigt. Man hatte daher beschlossen, die Liebe zur Natur abzuschaffen, ... nicht aber den Hang, die Verkehrsmittel zu benützen."

Über 300.000 Schweine exportiert Belgien in die italienische Po-Ebene, wo sie mit Milch aus Deutschland gemästet, geschlachtet und zu Parmaschinken verarbeitet wieder Richtung Norden unterwegs sind. Über die Alpen werden jährlich 11.800 Tonnen holländische Tomaten nach Italien transportiert. Den verkehrten Weg legen 12.500 Tonnen italienische Tomaten nach Deutschland zurück. 255.000 Tonnen Kartoffeln verfrachtet man zum Veredeln in den Süden. 20.000 Tonnen bleiben als Abfall dort, der Rest wird zurückgekarrt.

Obwohl das Verkehrsaufkommen jetzt schon unerträgliche Ausmaße angenommen hat, und massive Proteste der zum Handkuß kommenden Alpenbewohner hervorruft, ist keine Trendwende in Sicht. Mit einer Zunahme von 50 Prozent bis zum Jahr 2005 wird spekuliert.

Volksmusik, volkstümliche Musik, alpine Schlager sind der akustische Hintergrund zu den Bildern und Texten. Ein Potpourri von scheinbar Unversöhnlichem in der Musik. Unversöhnliches nebeneinander auch auf den Schautafeln: Alpen als Bühne, bloßer Event-Raum, der Zehntausende Zuhörer anlockt; Pumpspeicherkraftwerke als ideale Filialen für Atomkraftwerke, da bei geringerem Bedarf der obere Stausee billig mit Hilfe von Atomstrom für die teuren Spitzenzeiten gefüllt werden kann. Daneben Bilder gelungener Wiederaufforstung und vorbildlicher Almbewirtschaftung.

Die Ausstellung kapriziert sich nicht bloß auf Schattenseiten der Entwicklung. Nicht zum radikalökologischen Angriff auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation wird von den Zinnen des Schlosses Goldegg aus geblasen. Man findet daher auch gelungene Beispiele dafür, wie sich alpine Landschaft und Kultur in unserer Zeit darstellen können.

Am Beispiel Lesachtal wird "sanfter Tourismus" durchbuchstabiert. Die Käsereigenossenschaft Cansiglio in der italienischen Provinz Belluno steht als Modell für ein ökologisch sinnvolles und ökonomisch tragfähiges Konzept. Weitwanderwege, Bergwaldprojekte, energiebewußte Gemeinden und Verkehrsverbünde beweisen den Sinn und Erfolg nachhaltiger Regionalentwicklung.

Vor allem die ungewohnte Perspektive, mit der man auf eigentlich Alltägliches schaut, macht den eigentümlichen Reiz der Bilder aus. Nichts vollkommen Neues wird geboten, die Betonbunker im "Hosenträgerstil" sind jedem aus eigener Anschauung geläufig. Der Devotionalienhandel mit Souvenirs an jeder Straßenkehre, der obligate Bosnastand auf den Paßhöhen - alles schon erlebt, überall schon konsumiert. Und doch: Der andere Blickwinkel erschreckt, gerade das Gewöhnliche schockiert, das immer noch Wilde und Schöne fasziniert erneut.

"Ich bin mir nicht sicher, ob das Alte immer das Richtige ist", kommt Mario Broggi, langjähriger Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA, auf einer Schautafel mit unterschiedlichsten Kulturlandschaften zu Wort: "Welche Landschaft wollen wir eigentlich? Und: Wie war die Landschaft früher, was ist die Referenzlandschaft für uns? Ist das 1860, 1900 oder 1950? Die Kulturlandschaft war und ist in fortwährender Änderung begriffen ..."

Eine Widerstands- und Initiativkultur Broggi verurteilt das Festhalten an Bildern, die nicht mehr den sozialen Realitäten entsprechen. "Eine Inszenierung des Ländlichen und die Vortäuschung einer nicht mehr real vorhandenen Harmonie sind nicht zeitgemäß. Wo die Kulturlandschaft nicht mehr Teil des Produktionskreislaufes ist, muß der Einsatz von Fördermitteln hinterfragt werden."

Für Sylvia Hamberger, Mitgestalterin der Ausstellung, werden gesamteuropäische Probleme "in den Alpen wie in einem Hohlspiegel fokussiert". Aber gerade in den Gebirgsregionen hat sich "eine Widerstands- und Initiativkultur entwickelt", die für das ganze demokratische Europa beispielhaft sein könnte.

Beim Verlassen der Ausstellung müssen alle Besucher an einer riesigen Schneekanone vorbei, die am Ausgang positioniert ist. Werden die Menschen in den Gebirgsregionen es schaffen, an diesen Ungetümen, und all dem wofür sie stehen vorbeizukommen? "Schneekanonen verbrauchen drei Dinge, mit denen wir besonders sparsam umgehen sollten: Wasser, Energie und Ruhe." Sind die "Schönen neuen Alpen" nur ein Teil von Aldous Huxleys Zukunftsvision einer "Schönen neuen Welt"?

Ausstellungszeiten Die Ausstellung "Schöne neue Alpen" im Schloß Goldegg ist zu sehen bis 10. Februar; Donnerstag bis Samstag (ab 1. Februar täglich) von 14.00 bis 18.00 Uhr, sonntags von 10.00 bis 18.00 Uhr; Führungen am Sonntag um 11.00, 12.00, 14.00, 15.00 und 16.00 Uhr; Für Schulklassen gibt es ein eigenes Workshopprogramm; Info-Telefon: 06415/8234-0

FURCHE-Navigator Vorschau