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Rußland schwelgt in Nostalgie

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Ist Rußland bedrohlich? Wir beurteilen die Lage in Rußland meist nach westlichen Standards. Wie stabil ist dieses riesige Land aber aus russischer Sicht?

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Ist Rußland bedrohlich? Wir beurteilen die Lage in Rußland meist nach westlichen Standards. Wie stabil ist dieses riesige Land aber aus russischer Sicht?

dieFurche: Wie weit hat sich die Situation in Rußland bereits stabilisiert? Gibt es schon so etwas wie eine neue Struktur?

Irina Scherbakowa: Zunächst war alles undurchdacht. Es gab und gibt für vieles nicht die richtigen Gesetze. Wir konnten nicht wie die Länder Osteuropas an eine vorher bestandene Tradition anknüpfen. Vor allem die Landwirtschaft ist bis jetzt ziemlich katastrophal, chaotisch. Nur ein kleiner Anteil wird von selbständigen Bauern betrieben. Es gibt kaum Kredite. Es ist unklar, wem der Boden gehört. Die Duma verabschiedet einfach nicht die entsprechenden Gesetze. Das alte Kolchos-System gibt es immer noch, aber es funktioniert schlecht. Immerhin gibt es aber wieder russische Lebensmittel. Sie sind übrigens heute sehr beliebt, nachdem man entdeckt hat, daß die Lieferungen aus dem Westen - auf die man sich zunächst gestützt hatte - qualitativ sehr schlecht war.

dieFurche: Also gibt es einen Wandel zum Besseren?

Scherbakowa: Ja, sehr langsam. Es gibt keine Schlangen mehr vor den Geschäften.

dieFurche: Können sich die Menschen die Waren leisten?

Scherbakowa: Die sozialen Unterschiede sind enorm. Aber das gab es auch unter den Kommunisten, wenn auch verdeckt. Heute treten sie offen zutage. Es wird mit dem Reichtum geprotzt, egal ob er kriminellen Ursprungs ist. Überall rund um Moskau entstehen richtige Schlösser. Für die armen Schichten - viele leben am Rande der Existenz, besonders ältere Leute - ist das kaum faßbar.

dieFurche: Ist die Armut sehr weit verbreitet?Scherbakowa: Ja. Kirijenko hat von 25 Prozent der Bevölkerung gesprochen. Viele sind zur Selbstversorgung zurückgekehrt. Darum verhungert man auch nicht. Was sich wirklich abspielt, ist aber schwer zu erfassen. Es wird so viel illegal abgewickelt. Man macht sich keine Vorstellung, wie weit verbreitet die schwarzen Geschäfte sind. Sowohl Unternehmen wie Arbeitnehmer spielen da mit, um Steuern zu umgehen.

dieFurche: Wie beurteilen Sie das Funktionieren des derzeitigen politischen Systems?

Scherbakowa: Im Vergleich zu 1991 hat sich die Situation verbessert. Damals rechnete man von Tag zu Tag mit einem Putsch radikaler Kräfte des Militärs. Man denke an Lebed. Viele haben auch damit gerechnet - und mit dem Gedanken geliebäugelt -, daß sich ähnliches abspielen könnte, wie Hitler 1933 unternommen hat. Nun, das hat man irgendwie in den Griff bekommen. In dieser Hinsicht ist die Situation nicht mehr so bedrohlich. Auch das Verkehrssystem funktioniert. Und Moskau ist ein Kapitel für sich. Wer in die Stadt kommt, hat das Gefühl, diese Stadt ist in voller Entwicklung. Hier ist zwar ein Kapitalismus, wie er mir nicht gefällt, am Werk, aber hier wird an jeder Ecke gebaut. Dieser Aufbruch spielt vor allem für das Bewußtsein der Jugend eine große Rolle. Man muß bedenken, in den zehn postkommunistischen Jahren ist eine neue Generation herangewachsen. Meinem Gefühl nach ist sie nicht von Resignation geprägt. Aber vielleicht sehe ich das mit den Augen eines Großstadtmenschen. Dennoch scheint mir, die junge Generation lebt in der Erwartung eines wirtschaftlichen Aufschwunges.

dieFurche: Gibt es eine kommunistische Nostalgie?

Scherbakowa: Ja. Aber das Nostalgische betrifft nicht nur den Kommunismus. Die Nostalgie ist allgemein. Sicher gibt es die Nostalgie, die den schönen Schein der Nachkriegs-Sowjetunion, der Siegermacht pflegt. Dann gibt es die Nostalgie, die den Mythos des zaristischen Rußland kultiviert. So entstehen die neuen Kathedralen. Bei den Intellektuellen gibt es die Nostalgie der sechziger Jahre, der Zeit des Dissidententums, in der die Kultur eine so große Rolle gespielt hat. In den Medien werden die Schlager aus den Dreißiger- bis zu den Sechzigerjahren kultiviert.

dieFurche: Wie hat sich das Bild des Westens entwickelt?

Scherbakowa: Da gab es, wie erwähnt, den Traum vom Heil in der Demokratie. Amerika als beste Demokratie der Welt. Nachdem nun aber viele die Welt kennengelernt haben - schließlich macht heute eine entstehende Mittelschicht Urlaub in der Türkei oder Griechenland, reisen viele Studenten in den Westen -, erkennt man die Krise, die im Westen herrscht. Die Zeit ist vorbei, wo man befürchtete, daß die Besten auf- und davongehen würden. Die dynamischen Menschen bleiben lieber im Land.

dieFurche: Wird das westliche System als Modell angesehen?

Scherbakowa: Ja, zum Teil. Man hat sich in vielen Bereichen umgesehen, aber festgestellt, daß die Übertragung nicht wirklich geht. Daher stellt sich jetzt auch wieder ein gewisser Protektionismus ein. Das Russische wird wieder gepflegt. So wurden den Regierungsmitgliedern die Mercedes gestrichen und ihnen wurden schwarze Wolgas verordnet. Eines der größten Probleme ist wohl, daß das Steuersystem nicht funktioniert.

dieFurche: Welche Rolle spielt die Mafia?

Scherbakowa: Das ist kompliziert. Zunächst: Wann gab es in Rußland jemals Zeiten, wo die Kriminalität nicht eine bedeutende Rolle gespielt hat? Auch in den am besten geordneten Zeiten der Monarchie gab es staatliche Korruption. In der Stalin-Ära sah es ein bißchen anders aus. Aber selbst damals landeten die Kunst-Trophäen aus Deutschland in den Datschas bei Generälen und KGB-Größen. Und in der Breschnew-Ära war die Elite äußerst korrupt, im Kaukasus blühte der Drogenhandel, die Schwarzwirtschaft. Geändert hat sich, daß die Kriminalität sich weitaus mehr in der Öffentlichkeit abspielt, sehr brutal ist, internationale Verbindung hat. Bestimmt nimmt die Mafia Einfluß auf die Politik. Aber bei der Beurteilung des Phänomens muß man vorsichtig sein.

dieFurche: Was wollen Sie damit sagen?

Scherbakowa: Es ist gefährlich den Kampf gegen die Kriminalität einfach als Wahlslogan zu verwenden, um nach außerordentlichen Maßnahmen zu rufen. In Wirklichkeit kämpft man dann mit diesen Mitteln gar nicht gegen die Mafia, sondern man mißbraucht sie. Wir haben das - wie wir jetzt aus Dokumenten erkennen - in den zwanziger Jahren erlebt. Das Schüren der Angst vor der Mafia erinnert ein wenig an das Gespenst von der jüdischen Weltverschwörung. Es ist zum Teil Instrument, um den Ruf nach der "starken Hand" zu begründen. Andererseits haben wir erlebt, daß vor einem Monat in Nischni Novgorod ein Mann zum Bürgermeister gewählt worden ist, der jetzt verhaftet ist. Er besitzt eindeutig kriminelle Verbindungen.

dieFurche: War das bekannt?

Scherbakowa: Ja. Auf der einen Seite hat man Angst vor der Mafia. Andererseits ist man an die alltägliche Kriminalität gewöhnt. Im Laufe all der Jahre gab es bei uns ja nicht nur politische Gulag-Insassen, sondern eine Unzahl von Menschen, die durch kleinere oder größere Delikte ins Gefängnis wanderten. Fast jede russische Familie kam mit dem Gefängnis in Berührung: Saß man nicht selbst, so war es ein Familienmitglied - oft für lächerliche Übertretungen.

dieFurche: Kriminalität gehört also mehr zum russischen Alltag, als wir uns vorstellen?

Scherbakowa: Ein russisches Sprichwort sagt, niemand sei vor einer Gefängniskarriere sicher. Rußland war nie ein richtiger Rechtsstaat. Dem Staat wurde immer unterstellt, im Unrecht zu sein. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht grundlegend ändern.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person: Sie sammelte in der Sowjetära Interviews mit Gulagopfern In Moskau geboren und aufgewachsen, begann Irina Scherbakowa dort auch Anfang der siebziger Jahre mit ihrem Studium der Germanistik. Viele suchten damals solche "Nischen-Studien", in denen man keinen zu engen Kontakt mit dem Staat und seinen Strukturen hatte. Nach dem Studium wirkte sie in den Medien, vor allem in Literaturzeitschriften, zeitweise als Redakteurin. Als es möglich wurde, freischaffend als Übersetzerin tätig zu werden, ergriff sie diese Chance. Zehn Jahre übersetzte sie deutsche Literatur ins Russische. "Es gibt keinen DDR-Autor, von dem ich nicht irgend etwas übersetzt habe." Seit 1991 ist sie Dozentin an der Russischen Staatlichen Universität in Moskau. Dort wirkt sie im Bereich "mündliche Geschichte" (ab Ende der siebziger Jahre begann sie Interviews zu machen, vor allem mit Opfern der Gulags) und des Stalinismus.

Irina Scherbakowa hat zwei Töchter, die ältere ist 23, die jüngere zwölf Jahre alt.

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