Russlands Traum vom "Dritten Rom"

Wie Patriarch und Präsident dem Volk eine Seele zurückgeben wollen.

Osternacht in Moskau - im orthodoxen Kalender 35 Tage nach den Kirchen im Westen. In der riesigen, neuen Christus-Erlöser-Kathedrale steigern sich Patriarch und Metropoliten, Chöre und Solisten, Kerzenduft und Weihrauch in einen Rausch von Farben, Klängen und Wohlgerüchen. "Christus voskresse" - Christus ist auferstanden, ruft Aleksij II. Schlag Mitternacht. Er wird es in dieser Nacht immer wieder tun. Und das Volk, dichtgedrängt hier, in tausenden Kirchen Russlands und vor den TV-Schirmen, es antwortet, wie das seit tausend Jahren gute Übung ist: "Vo istinu voskresse" - er ist wahrhaft auferstanden.

70 Millionen Russen haben - so erzählt der Patriarch am nächsten Abend zufrieden - diesmal die Osterliturgie aktiv miterlebt. Sogar die Kosmonauten hätten ihm per Funk ihre Ostergrüße geschickt. Hundertfach verkünden auch Transparente über Moskaus Stadtautobahnen: "Christus ist auferstanden."

In dieser Osternacht 2008 erlebt ganz Russland auch eine Szene von tiefer Symbolik: Wie Aleksij II. während der grandiosen Auferstehtungsliturgie vor den scheidenden Präsidenten Wladimir Putin samt Thronfolger Medwedew hintritt, sie segnet, für das Miteinander dankt - und dann die Ehefrauen umarmt, die sich doch so vorbildhaft um den Haushalt mühen und so den Männern für ihre Sorge um Russland und die Welt den Rücken freihalten …

Ostern, so sagt anderntags ein prominenter Literat, Ostern sei schon immer der größte Feiertag im Herzen der Russen gewesen - aber eben nur dort und nicht im Kalender des Staates. "Jetzt endlich fällt die Freude des Volkes, der Kirche und der Regierung wieder zusammen. Das ist ein Segen." Und er fügt hinzu: "Nicht alle Russen sind gläubig - aber alle sind orthodox!"

"Wunder der Auferstehung"

Moskau 2008 - Fest der Auferstehung. "Ein Wunder ist geschehen - die Auferstehung des Glaubens nach dem langen Karfreitag unserer Geschichte", sagt der Patriarch. "Sie wollten Gott töten - es ist ihnen nicht gelungen. Jetzt geht es um die Heilung der zerstörten Seelen."

Die russische Seele: 17 Jahre nach der großen Wende von 1991 sind Staat und Kirche "wie siamesische Zwillinge" (so ein Moskauer Auslandskorrespondent), um der verletzten russischen Seele neuen Inhalt und neue Stabilität zu geben. Denn seit 1991 war ja noch weit mehr zerfallen als nur die KP und die UdSSR. Aus dem radikalen Wandel hin zu Marktwirtschaft (sprich Brutal-Kapitalismus) und Demokratie (sprich Oligarchie), aus sozialer Not und ideologischer Leere waren Demütigung und Frustration gewachsen; war die Selbstachtung verloren gegangen.

Bald erkannten Präsident und Patriarch den Wert des jeweils anderen. Beide Gestalter des Neuen - und doch beide mit einer Vorgeschichte im alten System.

Was Putin für Russland braucht, ist ein ideologisches Fundament, ein Wertekanon, der tief in der Geschichte ankert - vor Lenin und Stalin.

Was Aleksij erhofft, ist eine Staatsführung, die der Kirche wieder Raum gibt: Gesetzlich, materiell, protokollarisch. Ein Staat, der nicht nur goldene Kuppeln und neue Kathedralen erstrahlen lässt, sondern möglichst die alte byzantinische "Symphonia" neu belebt, die Allianz von Thron und Altar - trotz strikten Verfassungsgebots eines säkularen Staats. "Die nationale Politik Putins wäre ohne Orthodoxie nicht möglich gewesen", sagt ein Beobachter. Und: "Der Kirche ginge es heute nicht so gut, wäre da nicht Putins Strategie."

Still aber wirkungsvoll hat der Mann im Kreml auch mitgeholfen, den Ansturm religiöser Konkurrenz aus dem Westen abzuwehren - vor allem Sekten von Scientology bis zu den Satanisten. Zur Ökumene hält Russlands Orthodoxie selbst nüchterne Distanz - im Gefühl wachsender Stärke und Verankerung. "Gegenseitige Ehrlichkeit und Liebe" - viel weiter ist der Horizont christlicher Annäherung hier nicht gespannt. Treue zur russischen Nation ist auch Treue zur Orthodoxie - und umgekehrt. Zum Vorteil beider.

Trotz aller Harmonie: Es bleibt ein hartes, tägliches Ringen von Staat und Kirche - um Rückgabe von Kircheneigentum, um Priesterausbildung und Religionsunterricht. Immer herausgefordert von Altkommunisten und Demokraten, die sich ein neues Russland nicht als die Wiedergeburt alter Zeiten erträumen. Sogar im traumhaft renovierten Kloster Sergjev Posad (früher Zagorsk), Zentrum theologischer Ausbildung, gesteht ein Priestermönch: "Es gibt in Klöstern, aber auch unter Bürgern, eine Tendenz, die über diese neue große Nähe zwischen Kirche und Staat nicht begeistert ist."

Wohin also geht Russland? Im Vorfeld der jüngsten Wahlen war es das große Thema, dominiert von massiver Kritik am westlichen "way of life". Metropolit Kyrill von Smolensk, nach Aleksij der wichtigste Hierarch und "Außenminister" der russischen Orthodoxie, lässt seine Osterpredigt genau dort gipfeln: "Verliert euch nicht an die Gier! Versklavt eure Seele nicht ans Geld! Verkauft euch nicht an die neue Ideologie!"

Keine Stunde später hat er für seine Gäste aus Österreich einen Kreis prominenter Russen um sich geschart - eine bemerkenswerte Mahlgemeinschaft. Da sitzen der Präsident des Schriftstellerverbandes (Intelligenz), der Sprecher des Parlaments (Politik), der Chef der Zarenfamilie Romanow samt Vertretern des einstigen Adels (Aristokratie) - und Abgesandte des machtvollen "Bundes der orthodoxen Bürger Russlands", einer Allianz von Nationalkonservativen und Kirchennahen.

Moskaus Blick nach Osten

Ausgerechnet Kyrill war es, der Ende 2007 der bisher radikalsten Spielart russischer Zukunftsvisionen seinen Segen gegeben hat. 70 Autoren hatten auf 800 Seiten "die Welt von Morgen" entworfen - und der Metropolit präsentierte sie persönlich am Sitz des Patriarchats.

Die Kerngedanken dieser "Russischen Doktrin":

* Schluss mit der Nachahmung des Westens und fremden Einflüssen (Globalisierung, Liberalisierung, unbeschränkte Demokratie und Pressefreiheit);

* "Veröstlichung" Russlands als künftiges Kernland in Eurasien - und Allianz mit China, Japan, Indien und Muslimen;

* Wiedergeburt eines russischen Imperiums als "Drittes Rom" - im Kampf gegen "das neue Heidentum aus dem Westen" und die "neue Barbarei aus dem Süden";

* enges Bündnis Staat-Kirche mit der Orthodoxie als "Grundpfeiler nationaler Identität" auch für Millionen Nicht-Orthodoxe - bis hin zur Umwandlung in eine konfessionelle Staatsform;

* und: Größtmögliche Macht dem Präsidenten - an autokratische und aristokratische Grundelemente gekoppelt.

"Die Krise des angelsächsischen Projekts wirft die Frage nach einem neuen Weltführer auf", heißt es da. "Erneut verlangt also die Geschichte nach dem integrierenden Potenzial der russischen Zivilisation."

Nur eine ultrakonservative Thesensammlung - oder doch mehr? Es wäre tragisch, müssten Russlands Demokraten angesichts solcher Ideen wieder antiklerikal werden.

Moskau 2008: Eine Metropole im Übergang zwischen Altlast und Aufbruch - architektonisch, politisch und geistig. Zerrissen zwischen Selbstzweifeln und wachsendem Nationalismus. Und voll von Träumen über neue Werte und eine neue Würde - zur Stärkung Russlands und zur Rettung der Welt.

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