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"Säkularisierung ist auch eine Wunde"

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Die Säkularisierung ist eine wirkmächtige Erzählung über die Weltlichkeit der Welt, die Welt-Werdung der Welt. Wir dürfen die Moderne gerade nicht verteufeln. Denn sie bedeutet auch, alles ganz anders denken zu können - etwa von der Existenz eines Gottes aus."

Die Trennung von Staat und Kirche wird für gewöhnlich als Errungenschaft beschrieben. Der italienische Philosoph Ugo Perone sieht das anders: Mit der Säkularisierung ging auch etwas verloren, was den Menschen heute fehlt.

DIE FURCHE: Wenn man sich als Philosoph mit dem Christentum beschäftigt, hat man es in der eigenen Zunft oft schwer. Sie konfrontieren die Philosophie immer wieder bewusst mit religiösem Denken. Was treibt sie dabei an?
Ugo Perone: In der Tat ist es nicht leicht, als Philosoph und zugleich als christlicher Denker aufzutreten. Das scheinen inzwischen zwei ganz eigene Planetensysteme zu sein, die sich eher abstoßen als anziehen. Aber das war nicht immer so. Und ich glaube, es ist an der Zeit, an die gemeinsamen Wurzeln christlichen und philosophischen Denkens zu erinnern.

DIE FURCHE: Gibt es eine Krise der säkularen Philosophie?
Perone: Ja, das sehe ich so. Die sich betont säkular gebende Philosophie ist im Blick auf die Frage, ob sie noch Visionen einer neuen, anderen, anstrebenswerten Zukunft anbieten kann, an ein Ende gekommen. Moderne Philosophie erscheint oft unwillig, die großen Begriffe wie Wahrheit oder die Frage, was der Mensch sei, in den Mund zu nehmen. Das Säkulare wird dabei als das Normale angesehen, der religiöse Mensch steht automatisch unter Ideologieverdacht. Aber auch der philosophische Anspruch einer umfassenden Wahrheitsformulierung wird in Frage gestellt. Dem entspricht Nietzsches Rede vom Tod Gottes: Dies meint den Verlust jedes Referenzpunktes. Es gibt kein Oben und kein Unten mehr. Es ist also Zeit, die Säkularisierung auch philosophisch zu durchdenken.

DIE FURCHE: Was bedeutet philosophisch durchdenken?
Perone: Die Philosophie soll zunächst einmal erkennen, dass sie von der Säkularisierung betroffen ist und nicht als Siegerin daraus hervorgegangen ist. Sie hat mit dem Ausschluss des Religiösen nicht nur einen wertvollen Schatz an Bedeutungen und Sinnstiftungspotenzialen verloren, sondern auch eine der letzten Großerzählungen: Die Erzählung vom Menschen, auf den es wirklich ankommt, der auf die Transzendenz und zugleich auf seinen Nächsten verwiesen ist. Gute Philosophie braucht die Metaphysik. Das gilt auch nach dem postulierten Ende der Metaphysik noch.

DIE FURCHE: Aber kann man solch postsäkulare Philosophie einfach so konstruieren? Wir können doch nicht einfach wieder den göttlich beseelten Kosmos beschwören?
Perone:
Das können wir nicht - aber die Praxis zeigt doch, dass der Mensch nach Transzendenz, nach Sinn und Bedeutung hungert. Auf dieses Bedürfnis muss auch die Philosophie antworten -und sie bleibt derzeit meines Erachtens eine Antwort schuldig. Die Krise, die stattgefunden hat, ist das Ende eines a priori vorausgesetzten und als unmittelbar erlebten und als allgemein gültig verstandenen Sinns. Die Krise betrifft jeden Versuch einer das Ganze umfassenden Wahrheit, selbstverständlich vor allem den Versuch einer religiösen Wahrheit.

DIE FURCHE: Aber entspricht es nicht gerade dem Selbstverständnis des modernen Menschen, dass er bei der Suche nach Sinn nicht mehr die Religion benötigt?Perone: In der Praxis zeigt sich doch, dass viele Menschen dieser Freiheitsgewinn -denn als solcher wird Säkularisierung dargestellt - zugleich überfordert: Einerseits wollen wir von jeder vorausgesetzten Wahrheit absehen, andererseits brauchen wir eine orientierungsfähige Weltanschauung. Glücklicherweise ist mit der Säkularisierung eine kulturelle Form zu Ende gegangen, nicht aber sind die Inhalte verschwunden. Der Glaube bleibt möglich, wie auch die Liebe, wie auch ein christlich orientiertes Leben. Die Herausforderung ist es, die Kraft solcher Inhalte nicht nur zu hüten, sondern sie zu Ausgangspunkten einer sinnstiftenden Anschauung zu machen.

DIE FURCHE: Das klingt nach Religion als "Plan B" für den überforderten Menschen.
Perone: Das wäre mir natürlich zu wenig. Religion ist eine produktive Kraft, die das Leben verändert, die den Menschen auf ein Transzendentes hin ausrichtet, ohne ihn von der Welt abzulenken. Wenn man es christlich ausdrücken möchte: Der entscheidende Moment ist die Menschwerdung Gottes, das Ereignis Jesus Christus. Dort fallen Transzendenz und Immanenz, Sinn und Bedeutung zusammen. Das ist das Urdatum der Transzendenzverwiesenheit des Menschen.

DIE FURCHE: Ist nicht die Rede von der Säkularisierung heute zu einer Art Großerzählung geworden, die - wie Jürgen Habermas' Schlagwort von der "postsäkularen Gesellschaft" andeutet - heute an ein Ende gekommen ist?
Perone:
Habermas hat eingesehen, dass die Welt viel komplexer ist, als es ein schlichter Begriff wie Säkularisierung zu erfassen vermag. Gesellschaften sind ungleichzeitig: in Ostdeutschland ist Säkularität ganz normal, in den USA ist dies eher die Ausnahme -und doch sind beide Gesellschaften modern. Insofern war der soziologische Begriff der Säkularisierung nie wirklich zutreffend. Aber aufgeben dürfen wir ihn deswegen nicht, vielmehr müssen wir Säkularisierung als das begreifen, was sie ist: Eine wirkmächtige Erzählung über die Weltlichkeit der Welt, über die Welt-Werdung der Welt.

DIE FURCHE: Dann müsste man die Säkularisierung also gerade nicht verteufeln, wie das kirchlicherseits oft genug geschieht, sondern als Motor der Weltgestaltung loben?
Perone:
Ja. Vielleicht wird es verständlicher, wenn wir statt Säkularisierung mit Dietrich Bonhoeffer von "mündiger Welt" reden. In seinen Gefängnisbriefen schreibt Bonhoeffer einen bedenkenswerten Satz: "Die mündige Welt ist gottloser und darum vielleicht gerade Gott-näher als die unmündige Welt." Aber aus heutiger Perspektive muss man zugleich zugeben, dass die Entflechtung von Welt und Gott auch eine Geschichte des Abbruchs ist. Säkularisierung ist immer auch eine Wunde; denn seither ist ein immanenter Nihilismus in der Welt, der sich nicht zuletzt auch im Terror dieser Tage Ausdruck verschafft.

DIE FURCHE: Terror und Depression als Signaturen einer Zeit, die den Wert der Religion aus dem Auge verloren hat?
Perone:
Terror und Depression als Ausdruck der Dialektik der Säkularisierung, ja, als eine demaskierte Moderne schlechthin. Aber ich bin kein Fatalist -wir dürfen die Moderne gerade nicht verteufeln, sondern müssen die kleinen Spielräume der Freiheit sehen: Moderne bedeutet nämlich auch, immer neu anfangen zu können, alles auch ganz anders zu denken -etwa von der Existenz eines Gottes aus.

DIE FURCHE: Was empfehlen Sie vor diesem Hintergrund den Kirchen?
Perone: Die Kirchen sollten die Säkularisierung nicht bejammern, sondern als Chance sehen, um die Differenzen hervorzukehren: Wenn man eine Kirche betritt, überschreitet man eine Schwelle, die zwei Welten trennt. Und dieser Übertritt kann den Menschen -gerade auch den säkularen, ganz und gar weltlichen Menschen -bereichern durch die Erfahrung des ganz und gar Anderen. Es gibt nichts Langweiligeres als Gottesdienste, die den Alltag zu kopieren versuchen. Da zieht die Kirche immer den Kürzeren. Die Kirchen können vielmehr einen anderen Blick anbieten, sie ver-rücken uns sozusagen.