Scharia - einfach nur Scharia?

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Einige islamische Strömungen suchen nach einer neuen, effektiveren "Soziallehre": Ein Weg zur islamischen Demokratie?

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Einige islamische Strömungen suchen nach einer neuen, effektiveren "Soziallehre": Ein Weg zur islamischen Demokratie?

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die unter den Menschen hervorgebracht worden ist", die "beste", weil diese Gemeinschaft zum Guten auffordere und das Tadelnswerte verbiete. Dieser Offenbarungstext, von Gott selbst gegeben und von Mohammed, seinem Propheten, im Koran niedergeschrieben (Sure 3, Vers 110) dokumentiert nach muslimischem Verständnis die existentielle Überlegenheit der an die Lehren Mohammeds Glaubenden vor allen anderen Völkern und Religionen der Welt.

Für die schweren Demütigungen, die Muslime in der Geschichte erfuhren (Kreuzzüge, technische, wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit Europas) fanden Gelehrte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Antwort in einer modernen Auslegung des Korans, die bis heute zum festen Bestand der Glaubenslehre aller Islamisten zählt: "Weicht ein Volk von der ursprünglichen Reinheit der wahren Religion ab, so gibt Gott dieses Volk dem Niedergang und der Knechtschaft preis."

So suchen islamische Gruppen, gemäßigte ebenso wie radikale, von Marokko bis Indonesien das islamische Recht durchzusetzen: "Scharia, einfach nur Scharia", lautet ihr Motto zur Lösung der politischen und ökonomischen Krisen durch Islamisierung der Gesellschaft ihrer Region. Je größer die Mißstände, desto stärker wenden sich die Menschen diesen Ideen zu, da alle anderen Ideologien kläglich versagten. Ein auf dem Islam basierendes politisches System erscheint an der Schwelle zum dritten Jahrtausend Millionen von Muslimen als die größte Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Weg zum Seelenheil Scharia bedeutet im ursprünglichen Sinn des Wortes "Weg". Gemeint ist der Weg zum Seelenheil. Die Scharia ist kein Gesetzbuch, sondern eine Rechts- und Werteordnung, bestehend aus einer Reihe anerkannter Grundsätze und religiös-juristischer Schriften, die der Gegensätze und Widersprüche nicht entbehren. Sie stützt sich auf 200 der insgesamt 6.000 Koranverse und bietet detaillierte Regeln sowohl für Rituale wie für die Gestaltung des Alltags. Dazu zählen Erbregeln, das Verbot von Schweinefleisch und Alkohol, von Glücksspiel und Wucher, sowie oft drakonische, als Recht Gottes geltende Strafen, wie das Handabschneiden für Diebstahl und andere Züchtigungen (Hudud).

Da der Koran nicht das gesamte Leben der Menschen ausreichend präzise regelt, wurden weitere Rechtsquellen zugelassen; die Hadithe (überlieferte Aussprüche Mohammeds), der Konsens der islamischen Gelehrten, sowie das Verfahren des Analogieschlusses.

Die Scharia ist keine starre Größe. Die meisten klassischen Rechtsschulen treten für ihre flexible Auslegung ein, die dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung trägt. Sie stützen sich auf das Koranwort, Gott wolle es den Menschen leicht machen, sein Gesetz zu befolgen. So fanden Rechtsgelehrte schon in der Vergangenheit Wege, die Anwendung der Hudud-Strafen zu verhindern, indem sie fast unüberwindbare Beweishürden aufstellten.

Das "Gottesgesetz" ist völlig autonom, gilt unabhängig von jeder staatlichen Ordnung oder von gültigem positivem Recht. Es ist auch unabhängig von jeder offiziellen Körperschaft oder religiösen Institution. Da der Islam alle Bereiche des Lebens regelt, läßt er sich laut der Mehrheit der gläubigen Muslime nicht mit einer säkularen Staatsform vereinen. Die Scharia soll einzige Rechtsquelle sein, sowie Verhaltensnorm - nicht nur des Bürgers, sondern auch seines Herrschers.

Die von den Theoretikern erstrebte "vollständige islamische Gesellschaft" wurde in der Geschichte jedoch nie erreicht. Vielmehr wurde das religiöse Gesetz als mehr oder weniger abstrakte Grundlage des islamischen Staates betrachtet. Die Folge ist eine immer größer werdende Lücke zwischen einer pragmatischen Herrschaft und dem von der Scharia vorgegebenen idealen Zweck derselben. Obwohl fast alle überwiegend von Muslimen bewohnten Staaten heute in ihren Grundgesetzen Bezüge zum Islam verankert haben, gibt es nur eine kleine Zahl, die Scharia-Gesetze auch in der Praxis durchsetzt. Am weitesten gehen Pakistan, Sudan und vor allem Saudi-Arabien. Die Taliban in Afghanistan suchen eine radikale Auslegung der Scharia, und zuletzt erstrebt auch Tschetschenien eine volle Hinwendung zum "Islamischen Recht".

In der Islamischen Republik Iran besitzt die Verfassung Vorrang über die Scharia. Nach diesem Grundgesetz ruht die Macht des Staates im Willen des Volkes. Der Staat - nicht die Scharia - ist die Rechtsquelle. Als der damalige Präsident und heutige "Geistige Führer" Hodjatoleslam Ali Khamenei, 1988 die Scharia zur höchsten Rechtsquelle erheben wollte, widersprach ihm Revolutionsführer Khomeini in einem öffentlichen Brief, der klar den Vorrang der "revolutionären Logik" und der Gesetze der Republik über das islamische Recht bekräftigte.

Scharia als Deckmantel Verschiedene Motivationen bewegen herrschende Regime, zur Scharia Zuflucht zu suchen. Zahlreiche Autokraten benützen sie als Deckmantel für ihre politischen Interessen, zur Absicherung ihrer nicht im Volk verankerten Legitimität: Unter Berufung auf Gott läßt sich die meist tiefgläubige Bevölkerung gefügig halten. Krasse Menschenrechtsverletzungen, die in starkem Kontrast zu den Grundlehren des Korans stehen, werden im Namen des Islams begangen und dienen ausschließlich zur Abstützung autoritärer Macht. Saudi-Arabien bietet dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Amnesty International beklagt willkürliche Festnahmen und jahrelange Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren, Prozesse ohne Rechtsbeistand und die Anwendung der Hudud-Strafen - von Auspeitschen, über Amputationen bis zu Exekutionen.

Mit wachsender Emanzipation bemühen sich die islamischen Staaten aber verstärkt, Eigenes zur Geltung zu bringen und dadurch Authentizität zurückzugewinnen. Deshalb haben sie zunehmend islamische Prinzipien in ihre Rechtssysteme eingegliedert. Die Islamisierung macht sich besonders im Familien-, aber auch im Strafrecht bemerkbar. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Frau, deren Diskriminierung sich nach westlichem Menschenrechtsverständnis verschärfen dürfte.

Die verschiedenen islamischen Strömungen sehen zwar alle die Scharia als Schlüssel zu einer neuen Ordnung für diesen Teil der Welt. Sie haben aber höchst unterschiedliche Auffassungen über die Auslegung des "Gottesgesetzes", nicht zuletzt auch deshalb, weil eine konkrete politische Philosophie auf der Basis der Scharia bis heute nicht entwickelt wurde. Bis heute bleiben die Vorstellungen über das "Islamische Recht" vage und die Rufe nach seiner Einführung damit oft Demagogie.

Iran gescheitert Radikalere islamische Gruppen erstreben zwar grundsätzlich die Anpassung der Gegenwart an das Ideal der Urgemeinschaft. Doch diese starre Auslegung verliert mehr und mehr an Attraktivität. Zudem wurden die Islamisten zunehmend durch das Scheitern des "iranischen Modells", das seine Ziele einer gerechteren, einer moralischen Ordnung weit verfehlte, ebenso wie die Entwicklungen in dem von einem islamistischen Militärregime beherrschten Sudan diskreditiert.

Die Turbulenzen, die den Nahen Osten erschüttern, haben die Erwartungen, die die Massen in islamische Gruppen und ihre Führer setzen, drastisch gesteigert und schon heute vielfach enttäuscht. Islamisten haben weder greifbare wirtschaftliche Fortschritte erzielt noch grundsätzliche politische Rechte. Sie haben höchstens im Bereich der öffentlichen Moral eine Bewußtseinsänderung erreicht. In Ägypten und Tunesien vermochten selbst die gemäßigten islamischen Bewegungen nicht einmal ihre eigene Legalisierung zu erwirken, in der Türkei schwebt über ihnen das Damoklesschwert des Verbots.

Viele islamistische Organisationen haben aber soziale Hilfsnetze geschaffen und durch ihre effiziente Arbeit auf einem Sektor, in dem der Staat häufig versagt, große Popularität gewonnen. Sie konnten diese Netze aber bis heute nicht als Basis für den Aufstieg zu politischer Macht nutzen. So glauben weniger und weniger radikale Islamisten, daß sie mit den bisher angewandten Methoden die Macht in einem Staat an sich reißen können. Immer häufiger stellen sie sich deshalb die Grundsatzfrage, wie sie einer einmal aussprach: "Vielleicht können wir nur ein Nachhutgefecht führen, und alle unsere bisherigen Errungenschaften werden durch Abnutzung vernichtet ..."

Umdenken notwendig Eine wachsende Zahl von Islamisten begreift so die Notwendigkeit des Umdenkens, sei es im Iran, in Ägypten, in Saudi-Arabien, in Kuwait, in Syrien oder anderswo. Ähnlich ergeht es islamischen Traditionalisten, die als legitime religiöse und politische Führer zunehmend an Rückhalt verlieren. Eine neue Debatte entbrannte um ein uraltes Problem: Wie lassen sich die Grundprinzipien des Islam mit den modernen Werten von Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit der Geschlechter vereinbaren?

Mehr und mehr steht heute für islamische Strömungen nicht mehr der Grundsatz der Souveränität des Volkes selbst in Frage, sondern nur noch sein Ausmaß. Die traditionelle Bedeutung des Begriffs "Schura" (Beratung) ist heute in den Augen einer wachsenden Zahl von Islamisten überholt. So meint der iranische liberal-islamische Oppositionelle Ibrahim Yazdi: "Nach jahrelanger Diskussion kamen viele Islamisten zu dem Schluß, daß allgemeine Wahlen und die Institution eines Parlaments dem Begriff der ,Beratung' am besten entsprechen." Der Iran unter Präsident Chatami setzt dafür bereits das eindrucksvolle Beispiel eines Reformprozesses, dessen Ausgang für die Entwicklung künftiger islamischer Systeme von großer Bedeutung sein kann. Auf der Suche nach neuen sozialen Formeln, die nicht von außen aufgezwungen werden und den Bedürfnissen der Menschen in islamischen Ländern gerecht werden, ist aber noch ein steiniger Weg zurückzulegen.

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