Schreiben als Gebetsform

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Am 20. April 1970 stürzte er sich in die Seine. Im November wäre Paul Celan 80 geworden. Seine Gedichte - oft in christlichen Predigtvorlagen gewaltsam gefügig gemacht - zeigen eine "abgrundtiefe Gläubigkeit ohne Glauben".

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Am 20. April 1970 stürzte er sich in die Seine. Im November wäre Paul Celan 80 geworden. Seine Gedichte - oft in christlichen Predigtvorlagen gewaltsam gefügig gemacht - zeigen eine "abgrundtiefe Gläubigkeit ohne Glauben".

Als 1989 eine Auswahl von Paul Celans Gedichten in englischer Sprache erschienen war, forderte der Kulturphilosoph George Steiner die Leser des "New Yorker" auf: Lassen Sie ihn Ihr Leben betreten. Auf Risiko. Wissend, daß er es ändern wird wie der Archaische Torso Apollos, welcher in Rilkes bekanntem Gedicht uns genau dazu aufruft: "Du mußt dein Leben ändern".

Mit dem Hinweis auf die schwere Verständlichkeit von Celans Gedichten drücken sich viele um die Lektüre - und damit um das Risiko der Beunruhigung und möglichen Veränderung, wenngleich hier die skeptische Frage erlaubt sei, ob wir es uns überhaupt noch gestatten, von Gedichten beunruhigt oder gar verändert zu werden. Und so genügt es manchen auch, sich beim Nennen des Namens Paul Celan der "Todesfuge" zu erinnern, die ihnen ein wohlmeinender Deutschlehrer als literarische Totenklage für die sechs Millionen ermordeter Juden nahebringen wollte.

Aber Paul Celan hat in den letzten Jahren seines Lebens den Abdruck der "Todesfuge" in Anthologien und Lesebüchern untersagt; selbst als man ihn bei einer Lesung während seines Israelbesuchs 1969 darum bat, dieses bekannteste seiner Gedichte zu lesen, hat er sich geweigert und in einem Interview erklärt, es sei eine Frühform seiner Dichtung, von der er sich aber jetzt weit entfernt habe. Gewiß war es nicht der Inhalt, von dem er sich distanzierte, denn der Holocaust und eine unerbittliche Gottsuche nach Auschwitz, eine Gottsuche auf eigene Verantwortung, blieben der dunkle Grundakkord seiner Dichtung.

Gott nach der Schoa Paul Celan wäre in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden, wenn er nicht vor dreißig Jahren, am 20. April, seinem Leben ein Ende bereitet hätte. Ingeborg Bachmann hat in ihrem Roman "Malina", in der Figur des Fremden, verschlüsselt Paul Celan dargestellt und den Selbstmord Celans in der Seine völlig konsequent als Spätfolge des Holocausts, wenn sie schreibt: Er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken.

In Czernowitz in der Bukowina 1920 geboren, wo sich seine Familie noch durch und durch als österreichisch gefühlt hatte, ist Celan nach Lager und Zwangsarbeit 1945 zuerst nach Bukarest gegangen, dann kurzzeitig nach Wien und schließlich nach Paris emigriert. Seine Eltern waren, wie Tausende Bukowiner Juden, deportiert und im Winter 1942 von der SS in einem KZ östlich des Bug ermordet worden. Erst nun, nach dem Tod der Eltern, fand das Jüdische Eingang in Pauls Dichtung, schreibt Israel Chalfen, der Biograph von Celans Jugendjahren, ihr Schicksal identifizierte er mit dem tausendjährigen Leidensweg seines Volkes.

Und mit der Sprache, der deutschen Sprache, die unverloren blieb, obwohl sie die Sprache der Mörder war, suchte er nach den tausend Finsternissen todbringender Rede Standort, Orientierung und Wirklichkeit für sein Leben.

Diese Orientierungssuche, auffindbar in seinen Gedichten, war sosehr auch eine Gottsuche, ja eine mitunter sogar blasphemische Gottesbefragung, daß die katholische Theologin Lydia Koelle feststellen kann, die Theodizeefrage ist sicher der Ort der Theologie in der Celan-Forschung und eine außerordentliche Anregung, ja Herausforderung für die gesamte gegenwärtige Theologie. Nie zuvor war die christliche Theologie sosehr auf das Zeugnis jüdischer Künstler angewiesen wie heute, denn mit der Erfahrung der Vernichtung sind alle Möglichkeiten einer positiven Darstellbarkeit Gottes in Zweifel zu ziehen, somit steht bei jeder Theologie nach der Schoa, der jüdischen wie der christlichen, nicht der Gott einer Konfession, sondern der konfessionslose Gott auf dem Spiel.

Lydia Koelles Dissertation "Paul Celans pneumatisches Judentum. Gott-Rede und menschliche Existenz nach der Shoah" ist 1997 erschienen und kann nach Inhalt und Umfang bereits als Standardwerk einer theologischen Befragung des Werks von Paul Celan gelten. Zahlreiche Autoren vor ihr haben sich mit der religiösen Dimension in Celans Gedichten beschäftig, viele allerdings durch zu einfache Interpretationen, die dem Dichter fast gewaltsam christliche Konnotationen abringen und damit oft den Eindruck erwecken, als möchten sie ihn eher für bedeutungsschwangere Predigtvorlagen gefügig machen, als seiner eigentlichen Intention nachgehen. Nicht weniger problematisch sind aber auch jene Publikationen, die den religiösen und Kontext nur marginal darstellen.

Nach der Lektüre von Lydia Koelles Buch ist der Leser, auch wenn er sich nicht als Experte versteht, nicht nur durch die Fülle und Sorgfalt des aufgearbeiteten Materials beschenkt, sondern auch überzeugt, daß das Anliegen Paul Celans eigentlich nur im Wissen um das Ringen um sein pneumatisches Judentum (im Unterschied zu einem thematischen, was wohl auch herkömmlich und äußerlich praktiziertes meint) verständlich wird. Seine Gedichte wollten eine Gestalt des "Geistes" sein, der im griechischen pneuma und im Hebräischen ruach heißt. In Gerschom Scholems Kabbala-Buch "Von der mystischen Gestalt der Gottheit" unterstrich Paul Celan nachdrücklich die Zeilen mit pneumatischen Augen sehen und mit pneumatischem Herzen erkennen und Ruach, der Geist, ist die Kraft der Sprache. Folglich wird in Koelles Buch auch den Bezügen zur jüdischen Mystik der Kabbala, aber auch zur Mystik Meister Eckharts ausführlich nachgegangen.

Wenn Moshe Feldenkrais, der Begründer jener nach ihm benannten Selbstwahrnehmungsmethode, mit dem Paul Celan in Kontakt war, Celans Religiosität eine abgrundtiefe Gläubigkeit ohne Glauben nennt, dann ist mit Gläubigkeit wohl religiöses Erleben, persönliche Antwort und innerer Vollzug gemeint, der Wunsch, Gott zu verwirklichen - im Unterschied zum Glauben an die Auslegungsschemata verfaßter Religion. Von Celan ginge eine geist- und lebenserneuernde Wirkung aus, schreibt Lydia Koelle, wie von all jenen Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft sichtbar angehören, aber Gott suchen oder sich ihm verpflichtet fühlen, ... die ihm im Abseitigen zu begegnen suchen. Der Dichter habe gegenüber dem Theologen das Privileg, zum undogmatischen Denken befreit zu sein, wenn er sich mit "letzten Dingen" auseinandersetzt.

Der gläubigste Ketzer Ähnliches meint wohl auch Ilana Shmueli, die Jugendfreundin aus Czernowitzer Tagen, die Celan im Oktober 1969 auf seinen Erkundungen in Jerusalem begleitete und auch die letzten Monate bis zu seinem Tod am 20. April 1970 mit ihm in Verbindung stand, wenn sie sagt: "Er war der gläubigste Ketzer." Dieser Aufenthalt in Israel, vor allem in Jerusalem, war auch für ihn Ziel einer zionistischen Sehnsucht geworden (Ich brauche Jerusalem, wie ich es gebraucht habe, ehe ich es fand) - lange nach dem Tod des Vaters, dessen Zionismus Paul einst scharf abgelehnt hatte. Lydia Koelle ist für zwei Kapitel ihres Buches den Spuren dieses Aufenthalts in Israel nachgegangen, den Spuren bei den Menschen, die damals mit ihm beisammen waren - und den Spuren in den Gedichten, die daraus entstanden waren, hellen Gedichte auch, in denen das Gedächtnis der Toten und die Sehnsucht nach Heimat und liebender Geborgenheit schimmern. Aber die Hoffnung, vielleicht dort die Probleme und Rätsel seines Lebens lösen zu können, erwies sich als unerfüllbar.

Celan hat für das Verständnis seiner Gedichte die Aufmerksamkeit erbeten. Jene Aufmerksamkeit, die Malebranche (von Celan zitiert!) das Gebet der Seele genannt hat. Ebenso hat er die Notiz von Franz Kafka Schreiben als Form des Gebetes für sich abgeschrieben, so wie jenen Satz der jüdischen Theologin Margarete Susman: Das Sch'ma Jisrael, das "Höre Israel" zu verwirklichen, ist eine Bereitschaft, ein Geöffnetsein mit Leib und Seele für das Unhörbare, das mich aufruft.

Aufmerksamkeit, Bereitschaft, Geöffnetsein, diese drei, könnten das Unhörbare in den Gedichten Paul Celans vernehmen lassen, die Aufforderung an den Leser, du mußt dein Leben ändern.

Paul Celan Bei Wein und Verlorenheit, bei beider Neige: ich ritt durch den Schnee, hörst du, ich ritt Gott in die Ferne - die Nähe, er sang, es war unser letzter Ritt über die Menschen-Hürden.

Sie duckten sich, wenn sie uns über sich hörten, sie schrieben, sie logen unser Gewieher um in eine ihrer bebilderten Sprachen.

aus: Die Niemandsrose (1963) BUCHTIPS Paul Celan. Von Wolfgang Emmerich.

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek/Hamburg 1999. 189 Seiten, TB, öS 94,-/e 6,83 Paul Celans pneumatisches Judentum. Gott-Rede und menschliche Existenz nach der Shoah.

Von Lydia Koelle. Matthias Grünewald Verlag, Mainz 1997. 434 Seiten, brosch., öS 424,-/e 30,81 SYMPOSION Unverloren. Trotz allem Internationales Paul Celan-Symposion in Wien Referenten: Wolfgang Emmerich/Bremern, Lydia Koelle/Köln, Ilana Shmueli/Israel, Milo Dor/ Wien, Jacob Allerhand/Wien, Peter Ruzicka u. a.

Termin: 12. und 13. April 2000 Ort: Sendesaal des RadioKulturhauses, 1040 Wien, Argentinierstraße 30a Das Programm kann beim Ö1-Service, 1040 Wien, Argentinierstraße 30 a, Tel. 01/50170-371 angefordert werden.

Veranstalter: ORF, Österreich-Kooperation, Österreichische Kulturvereinigung, Literarisches Forum der Katholischen Aktion

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