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Schuldbekenntnisse sind nicht genug

Die Schatten der Vergangenheit sind länger, als manche wahrhaben wollen. Nun hat sich herausgestellt, dass auch in der evangelischen Kirche und ihrer Diakonie in Deutschland während der Nazizeit Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen sind. So hatte zum Beispiel die evangelische Kirche in Berlin von 1943 bis zum Kriegsende ein Zwangsarbeitslager eingerichtet, dessen Insassen vorwiegend zum Ausheben von Gräbern eingesetzt wurden. Neben 26 evangelischen sollen auch drei katholische Gemeinden von dieser Ausbeutung Gebrauch gemacht haben.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Präsident der Diakonie räumten vor drei Wochen in einer gemeinsamen Stellungnahme ein, dass die Kirche damit am Zwangs- und Unrechtssystem Nazideutschlands beteiligt war. Außerdem kündigten sie an, man werde sich mit umgerechnet 70 Millionen Schilling an der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter beteiligen.

Einmal mehr zeigt sich, dass nicht nur einzelne Christen, sondern auch die Kirchen als ganze in der Nazizeit Schuld auf sich geladen haben. Die römisch-katholische Kirche will sich vorerst nicht an der Entschädigung von Zwangsarbeitern beteiligen, sondern zunächst die historischen Fakten prüfen. Doch auch sie kommt nicht darum herum, sich der schuldhaften Vergangenheit zu stellen. Fest steht bereits, dass im Kloster Ettal Zwangsarbeiter zum Einsatz kamen. Luthers Satz von der Kirche als der großen Sünderin, mit dem sich die katholische Kirche bis heute schwertut, ist für beide Konfessionen von beklemmender Aktualität. Auch in Österreich haben die Kirchen noch längst nicht alles getan, um die eigene Vergangenheit und ihre Verstrickung in Unrecht und Gewaltherrschaft detailliert aufzuarbeiten.

Vage Schuldbekenntnisse und Vergebungsbitten ohne tätige Reue sind nicht genug.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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