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Krieg & Frieden

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Sophienkathedrale - © iStock/tverkhovinets   -   Sophienkathedrale in Kiew

Schwieriger Dialog: Die Kirchen in der Ukraine

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Zwischen Konkurrenz und Miteinander: Zwei orthodoxe Kirchen und die griechisch-katholische Kirche sind die größten Religionsgemeinschaften im Land. Dialogversuche bleiben schwierig – auch im Krieg.

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Zwischen Konkurrenz und Miteinander: Zwei orthodoxe Kirchen und die griechisch-katholische Kirche sind die größten Religionsgemeinschaften im Land. Dialogversuche bleiben schwierig – auch im Krieg.

Die Ukraine ist durch konfessionelle Vielfalt geprägt. Laut einer Umfrage des Kiewer Rasumkow-Zentrums von 2021 bezeichnen sich etwa 68 Prozent der Ukrainer als gläubig. Dabei ist im Westen des Landes die religiöse Praxis stärker, als im Osten und Süden. Es gibt keine amtliche Erfassung der Konfessionszugehörigkeit (nur eine wenig aussagekräftige der religiösen Organisationen). Die besagte Umfrage zeigt aber, dass sich etwa 60 Prozent der Bevölkerung der Orthodoxie zuordnen und etwa neun Prozent der – besonders im Westen des Landes starken – Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK). Dagegen liegt die Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche bei einem Prozent, der sehr vielfältige Protestantismus bei 1,5 Prozent. Der Anteil von Juden und Muslimen beträgt 0,1 bzw. 0,2 Prozent.

Die Orthodoxie ist – abgesehen von Splittergruppen – in zwei große Jurisdiktionen geteilt. Es gibt die bislang zum Moskauer Patriarchat (MP) gehörende Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK), die sich am 27. Mai 2022 auf einer Kirchenversammlung (Sobor) durch eine Statutenänderung aber für unabhängig erklärt hat. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) ist dagegen 2018 aus einem Vereinigungsprozess von ukrainischen Kirchen entstanden, die (überwiegend) bisher gesamtorthodox nicht anerkannt waren. Anfang 2019 wurde diese Kirche vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel als autokephal (also unabhängig) anerkannt. Dieser Akt hat das MP zur (einseitigen) Aufkündigung der Kirchengemeinschaft veranlasst. Dieser Bruch belastet die Orthodoxie weltweit bis heute stark und behindert gemeinsame Problemlösungen.

Wer gehört zu welcher Orthodoxie?

Schwierig ist die Frage der Zuordnung: Laut der erwähnten Umfrage haben sich 2021 24 Prozent der Befragten zur OKU bekannt, 13 Prozent zur UOK, 22 Prozent bezeichneten sich aber auch nur als „einfach orthodox“. Dem höheren gesellschaftlichen Zuspruch der OKU steht die institutionelle Stärke der UOK gegenüber (Anfang 2021 ca. 12.000 bzw. 7000 Gemeinden).
Die religiöse Toleranz in der Ukraine ist generell hoch. Aufgrund der seit den 1990er Jahren existierenden Spaltungen in der Orthodoxie besteht aber eine teils konfliktträchtige Konkurrenz zwischen den beiden Kirchen. Nach dem Angriff Russlands im Februar 2022 haben sich praktisch alle Religionen und Konfessionen der Ukraine gegen den Krieg und für die Verteidigung des Landes ausgesprochen, ebenso der 1996 gegründete Gesamtukrainische Rat der Kirchen und religiösen Organisationen, der über 95 Prozent des religiösen Sektors repräsentiert. Mit dem Krieg sind die bestehenden Spannungen in den Hintergrund getreten.

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