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Seele im Reagenzglas

Ein geflügeltes Sprichwort läßt uns „den Kopf verlieren", wenn uns etwas völlig danebengeht. Stellen Sie sich vor, dies gilt nun nicht im übertragenen Sinn, sondern tatsächlich. Nun, vielleicht nicht ganz tatsächlich, nicht gleich den ganzen Kopf, aber doch einen Teil davon. Und nicht die Nasenspitze, nicht das Ohrläppchen, sondern, sagen wir, einen Hirnlappen. Und da nicht nur plastische Chirurgie uns wieder ganz (schön) machen kann (oder will), sondern dies auch die Hirnchirurgie versucht, lassen Sie sich nun einen neuen Hirnlappen drannähen.

Zugegeben, dies ist etwas salopp formuliert und von den tatsächlichen Möglichkeiten und Durchführbarkeit her gesehen noch Zukunftsmusik. Aber selbst wenn bisher nur winzige chirurgische Eingriffe ins Gehirn gemacht werden, lassen Sie sich trotzdem eine Frage auf der Zunge zergehen: Wer sind Sie dann? Noch Sie selbst? Oder schon ein bißchen ein anderer? Und schon geht die Fragerei weiter. Wer bin ich denn jetzt? Was passiert denn, wenn ich „Ich" sage?

Es sind dies sehr alte Fragen, die nun angesichts neuer Möglichkeiten wieder an Wichtigkeit in der öffentlichen Diskussion gewinnen. Es sind Fragen, die um unser Bild vom Menschen kreisen. Und wenn gilt, daß unser Vermögen, diese Fragen zu stellen, uns erst zum Menschen macht, dann sind diese Fragen untrennbar mit unserer Geschichte verwoben. , Von daher ist auch klar, daß die Beligion und späterhin die Philosophie bei diesen Fragen ein wichtiges Wort beizutragen hatten, und wohl auch noch haben. Auch wenn sich heutzutage noch eine neue Beligion, deren Anhänger an die „Götter in weißen Mänteln" glauben, dazugesellt hat. In dieser neuen Beligion gilt der Grundzug, dasjenige, was uns zu Menschen macht, im Körper einen ganz bestimmten Platz zuzuweisen. Das griffige Ergebnis lautet: „Ich bin mein Gehirn" (so nachzulesen bei Thomas Nagel). Vor dem Hintergrund, was Computer zu leisten in der Lage sind und wieweit sie dabei das menschliche Gehirn imitieren, wird das Hirn selbst zu einem - wenn auch auf ganz besondere Weise - leistungsfähigen Computer. Nun, ein Computer ist eine Maschine, man kann kaputte Teile einfach auswechseln, der Computer bleibt noch immer was er ist. Gilt dies nun aber auch für den Menschen, näherhin für sein Gehirn?

Auch wenn die Wissenschaften, die sich mit dem Phänomen menschliches Gehirn beschäftigen, scheinbar jeder Frage nachspüren, so ist hier dennoch die Philosophie auf den Plan gerufen. Denn bei näherem 1 linsehen stellt sich heraus, daß die modernen Neurowissenschaften auf versteckte Voraussetzungen zurückgreifenf die sie ungerechtfertigterweise nicht hinterfragen. So läßt sich mit dem Philosophen Oswald Schwemmer festhalten, daß das Bild, das unsere Vorstellung uns anbietet, ein im Gehirn an einem bestimmten Platz ausmachfea-res Ereignis sei, wesentliche Dimensionen ausspart. Denn zu einer Gesamtschau müßten wir nicht nur über unser Gehirn, sondern auch über unseren Körper hinausgehen, und auch die Weltsituation mitbetrachten, mit der wir in Wechselwirkung stehen. Erst in dieser Wechselwirkung ergeben sich unsere Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erinnerungen. Dies bestätigt eine Beobachtung, die - und hier setzt auch die Theologie mit ihren Fragen ein - die Wissenschaften als Ersatzreligion einerseits entlarvt und andererseits auch auf deren Begrenztheiten verweist. Man kann sagen, daß sich die Wissenschaften einer „Beagenzglasmenta-lität" verschrieben haben, die die Un-abgeschlossenheit unseres Daseins in beide Bichtungen, Vergangenheit wie Zukunft, verdrängt; in ein dünnes Böhrchen drängt. Das, was im Bea-genzglas unter - wohlgemerkt - von uns konstruierten Bedingungen funktioniert, wird allzu leicht naiv auf die Wirklichkeit hochgerechnet und Wahrscheinlichkeiten werden als Bealitäten ausgegeben. Die Wissenschaften müssen zugeben, daß sie, betrachtet man ihre Grundannahmen, viel weniger wissen und viel mehr glauben, als sie vorgeben.

Aber kehren wir nochmals zu den Fragen am Anfang zurück. „Wie viele Leute bin ich? Wer ist ich? Wer ist dieser Zwischenraum, der zwischen mir und mir steht?" um mit dem Schriftsteller Fernando Pessoa zu reden. Die Beligion, hier namentlich die christliche, und auch große Teile der Philosophietradition haben diesen Personkern, dieses Ich, mit dem Wort „Seele" bezeichnet. Ein Wort mit vielen Bedeutungsunterschieden und ebenso vielen Bedeutungsverschiebungen. Ein erster großer Markstein in der philosophischen Entwicklung des Begriffs ist sicherlich Aristoteles, für den die Seele das Wesens-, Wirk- und Gestaltprinzip des Körpers ist. Die menschliche Seele unterscheidet sich von Pflanzen und Tieren dadurch, daß nur in sie der Geist hereinbricht, der sie zu Erkenntnis und zur Freiheit im Handeln befähigt. Allerdings ist bei ihm die Seele sterblich. So mußte dann 'Thomas von Aquin, der im wesentlichen an die Vorstellungen von Aristoteles anknüpft, diese mit der Unsterblichkeit der Seele im christlichen Sinn versöhnen.

Der biblische Befund, den Thomas mit zu beachten hatte, ist allerdings auch keineswegs einheitlich. Der im hebräischen Text des ersten Testaments dafür verwendete Ausdruck näpas läßt sich als Kehle, Hals, Begehren, Seele, Leben und Person übersetzen. Das Wort dürfte in seinem Stamm ein zischendes Atmen lautmalerisch darstellen. Es erklärt damit die Verwendung für den Halsbereich und wenn Gott (in Gen 2,7) dem Menschen den Lebensodem in die Nase bläst, entsteht dadurch erst Leben, der Mensch wird in der damit verbundenen Gottebenbildlichkeit Person und seine Seele - wenn auch erst in einer viel späteren Phase -zum unsterblichen Personkern des Menschen. Die näpas bezeichnet das Leben schlechthin, das Blut - schon damals ein besonderer Saft - wird mit ihr gleichgesetzt und sie unterscheidet das Individuum von der Gesamt heit des Volkes.

Auch das zweite Testament kennt keine einheitliche Lehre von der Seele. Die Denkweise und die verwendeten Ausdrücke schlössen stark an das erste Testament an. Die näpas heißt nun psyche und wird weiterhin mit dem Leben gleichgesetzt (vgl. Mt 6,25; Mk 8,35-38; Lk 14,26). Die Unsterblichkeit der Geistse*ele wird allerdings vorausgesetzt (vgl. Mt 10,28). Die krasse Aufteilung und Gegenüberstellung von Seele und Leib, wie er aus dem griechischen Bereich vor allem.von Piaton her bekannt ist, fehlt allerdings.

Bei Paulus fungiert das Herz als das Zentrum des menschlichen Selbst. Er knüpft dabei bei einem anderen Begriff des ersten Testaments an, bei leb-ab, was Herz, Gefühl, Wunsch, Vernunft und Willensentschluß bedeuten kann. Das Fleisch ist bei ihm, entgegen unserem Sprachgebrauch, eine fremde, den Menschen beanspruchende Macht, der Leib hingegen das Selbstverständnis des Menschen und die Einbezogenheit in Gottes schöpferisches Heilshandeln. Insgesamt läßt sich sagen, daß der Mensch nicht als Summe seiner Einzelteile aufgefaßt wird, daß sich allerdings die Gesamtheit in einem Teil konzentrieren kann. Mit der Bückbindung an lebab versöhnt Paulus auch Glaube und Vernunft, der Glaube verhindert Erkenntnis nicht, sondern ermöglicht sie erst, was sogar für die Wissenschaften, wie oben angedeutet, zu gelten scheint.

Kann nun dieses Menschenbild jenes der modernen Wissenschaft ersetzen? Sollen wir plötzlich wieder mit dem Herzen zu denken beginnen statt mit dem Hirn? Natürlich nicht, im anatomischen Sinn. Wenn man allerdings bedenkt, daß solche Vorstellungen die Beagenzglasmentalität vermieden und einen umfassenderen Blick auf den Menschen freigegeben haben, läßt sich eine metaphorische Anknüpfung als Abstreifen so mancher Scheuklappen wohl vorschlagen. Und auch wenn sich nun aus dem Blick auf den biblischen Befund kein Bezept ergeben hat - die Bibel ist nun einmal kein Kochbuch - wo denn nun das Ich zu finden sei, so bleiben wesentliche Anknüpfungspunkte, die Wegmarken darstellen ohne uns zu einer Maschine oder dem Inhalteines Beagenzglases zusammenzustutzen.

Der Autor ist

Philosoph und Theologe sowie Studien leiter und Kurator am Bildungshaus St Virgil in Salzburg.

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