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"Serben müssen zwischen zwei Übeln wählen"

Vielen Serben ist klar, dass der Weg zur Wahl am Ortsfriedhof enden kann - trotzdem, es gibt keine Alternative, meint Jugoslawiens Botschafter in Österreich Mihaljo KovacÇ.

die furche: Für Jugoslawiens Präsident Vojislav KosÇtunica sind die Sicherheitsgarantien für Serben bei den Wahlen "ungenügend" und im Kosovo gibt es starke Widerstände gegen den Urnengang. Wie bewerten Sie die Lage?

Mihajlo KovaÇc: Tatsache ist, dass die UNMIK und die KFOR die Grundvoraussetzungen für normale Wahlen im Kosovo nicht gewährleistet haben. Ich frage mich, ob ein einziger Italiener in Südtirol zustimmen würde, unter bewaffnetem Schutz zur Wahlurne zu gehen, vertrieben aus seinem eigenen Heim, die ganze Zeit Zielscheibe der österreichischen (deutschen) Mehrheit? Vielen Serben ist es klar, dass der Weg zu den Wahllokalen im Kosovo auch auf dem Ortsfriedhof enden kann.

Aber noch immer hat niemand von den Gegnern des Urnengangs eine überzeugende Alternative gegeben. Die entscheidenden Fragen bleiben: Wird das serbische Interesse im Exil, in isolierten Enklaven, in Belgrad oder durch die Präsenz im Kosovo-Parlament - egal wie unvollkommen sie sein mag - leichter zu verteidigen sein? Wird das Schicksal der 1.300 vermissten Serben leichter durch Proteste in Belgrad und durch Straßenblockaden zu klären sein oder dadurch, dass diese Frage im Kosovo-Parlament unaufhörlich aufgeworfen wird?

Man muss wissen, dass die Kosovo-Serben unzählige Male seitens des MiloÇsevi´c-Regimes betrogen wurden und heute niemandes Versprechen glauben - auch nicht der neuen Regierung in Belgrad. Sie müssen jedoch zwischen zwei Übeln wählen und erstmals über ihr Schicksal alleine entscheiden. Meiner Meinung nach müssten sie, wenn sie das Fortbestehen des Kosovo in Serbien und Jugoslawien aufrichtig wünschen, die Empfehlungen des Staatspräsidenten und des Premiers befolgen, umso eher, da diese bereit sind, durch tägliches politisches Engagement ihre Rechte zu verteidigen.

die furche: Die serbische Regierung scheint unter Djindji´c weniger an einem Verbleib des Kosovo und Montenegros bei der Republik Jugoslawien interessiert zu sein als der jugoslawische Präsident KosÇtunica?

KovaÇc: Die Spekulationen darüber, wer im neuen Belgrader Establishment für den Fortbestand des Kosovo und Montenegros im Rahmen Jugoslawiens mehr und wer weniger interessiert ist, vernebelt den Kern des Problems. Nach den Wandlungen in Serbien wäre es heute viel schwieriger, eine Abspaltung Montenegros und die Unabhängigkeit des Kosovos zu erklären. Daher ist es natürlich, dass in Europa und weltweit die Zahl der Verbündeten und Sponsoren jener Kräfte in Jugoslawien abnimmt, die unser Land auch weiter zersplittern und teilen möchten.

Ungeachtet einiger Differenzen teilen sowohl Präsident KosÇtunica als auch Premier Djindji´c die Überzeugung, dass mit demokratischen Mitteln und Assistenz der Staatengemeinschaft alle Probleme Südosteuropas gelöst werden können. Das Volk in Serbien hat für eine solche Option gestimmt, und ich bin sicher, es wird nie mehr für jene Kräfte stimmen, die diese Probleme durch Gewalt und bewaffnete Konflikte lösen möchten.

die furche: In der UN-Resolution 1244 ist das Kosovo ein "integraler Teil Jugoslawiens". Kann nach den Wahlen ein albanisch dominiertes Parlament (Serben rund 20 Prozent) trotzdem die Unabhängigkeit beschließen?

KovaÇc: Im Abkommen ist ausdrücklich festgelegt, dass das neue Kosovo-Parlament über die Unabhängigkeit dieser Provinz nicht abstimmen und nicht entscheiden kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend jemand in der Welt, insbesondere in Europa die Schaffung eines Kleinstaates befürworten würde, in dem Kriminalität, Terrorismus und ethnischer Hass herrschen, wie es im Kosovo der Fall ist.

Übrigens könnte sogar unter idealen Umständen die Abspaltung des Kosovo ein Signal für viele Minderheiten in Europa sein, ein ähnliches Abenteuer der Umgestaltung der Grenzen zu beginnen, was zur herrschenden Philosophie des vereinten Europas im Widerspruch steht.

Das Gespräch führte Peter Schmidt.

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