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Sich ins Bild hineinbegeben

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Ikonen üben heute nicht nur im Osten, sondern auch im Westen eine große Faszination aus: zahlreiche erfolgreiche Ausstellungen zeigen das ebenso wie das Interesse an Ikonenmalkursen.

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Ikonen üben heute nicht nur im Osten, sondern auch im Westen eine große Faszination aus: zahlreiche erfolgreiche Ausstellungen zeigen das ebenso wie das Interesse an Ikonenmalkursen.

Der Ikonenspezialist Eckhard Sauser - so wird erzählt - berichtete in einer Vorlesung, er habe um mehr als hunderttausend Schilling eine alte Ikone gekauft. Er sei sehr froh über diese Erwerbung. Einige Wochen später teilte er mit: "Ich habe die Ikone wieder zurückgetragen. Es war eine Fälschung." Ein Student fragte schüchtern: "Herr Professor, wie haben Sie das erkannt?" Sauser darauf: "Da fragen Sie noch??? Ich habe die Ikone drei Wochen lang in meiner Wohnung stehen gehabt. Es ist keine Begegnung zustande gekommen."

So wie Sauser haben viele die Überzeugung, etwas Besonderes in Ikonen entdecken zu können. Etwa die zahlreichen Beter in der berühmten Tretjakow-Galerie in Moskau. Sie sind ein anderes Beispiel dafür, welche Faszination Ikonen bis heute ausüben können. Dabei gibt es im heutigen Rußland neben ernsthafter Frömmigkeit wohl auch viel Aberglauben über die magische Wirkung und geheimnisvollen Kräfte, die von Ikonen ausgehen sollen, ja sogar von Strafen, die Ikonen für ihre Mißachtung verhängen.

Der Ursprungsgedanke ist wesentlich einfacher: Es geht wohl um so etwas wie ein "Hineinschlüpfen" in das Bild, um die Betrachtung des Abbildes, um zum Urbild zu gelangen, wie es der Kirchenvater Gregor von Nyssa (335- 394) beschreibt: "Der Betrachtende begibt sich in das Bild hinein und wird dadurch den Weg zum Urbild (das heißt zu Christus, Anm.) gewiesen und dazu entflammt, diesen Weg zu gehen."

Ein Grundmoment der gesamten Ikonenmalerei kann an der biblischen Erzählung von der Verklärung Jesu (Mk 9,2-10) erläutert werden: Für einen Augenblick, so eine ostkirchliche Deutung der Stelle, hat Christus seine himmlische Herrlichkeit den drei Jüngern gezeigt. Im irdischen Menschen wird die himmlische Herrlichkeit sichtbar. Genau das will die Ikone darstellen, im irdischen Bild den verherrlichten Christus, die Herrlichkeit des Reiches Gottes.

Himmlisch und irdisch Immer wieder bricht aber auch an diesem Thema die Frage aus: Ist es überhaupt möglich, mit irdischen Mitteln die himmlische Wirklichkeit darzustellen. Dabei wird es - wie in der Theologie des öfteren der Fall - erst dann richtig interessant, wenn man sich mit einer Frage so lang beschäftigt, daß man merkt, sie nicht zu verstehen. Im Ikonoklasmus, dem Bildersturm des frühen Mittelalters, bewegt dieses Thema "Bilder ja oder nein" für 120 Jahre die byzantinische Christenheit in einer heute kaum mehr nachvollziehbaren Intensität.

Streitpunkt war, ob es zulässig ist, Bilder von Lebendigem zu malen und gar zu verehren. Wesentlichstes Gegenargument bildete das Bildverbot des ersten der Zehn Gebote ("Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgend etwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde", Ex 20,4). Von diesem Gebot war allerdings strittig, ob es noch gilt, oder, so wie die Kultvorschriften des Alten Testament, als durch den Neuen Bund aufgehoben zu verstehen sind.

Die Frage kulminiert an der Darstellung Christi: Ist es möglich, die beiden Naturen Christi, Gott und Mensch, in einem Bild darzustellen?

Als sich schließlich die Bilderfreunde durchsetzten, zählte vor allem die Antwort auf diese Frage: Die Ablehnung der Darstellung des Bildes Christi sei eine versteckte Häresie, nämlich die Leugnung seiner Menschwerdung. Wenn Christus ganz Mensch geworden ist, dann ist es möglich, sein menschliches Antlitz zu umreißen, oder, wie es wörtlich heißt, zu "umschreiben". Wer aber den historischen Jesus sah, sah nicht nur den Menschen, sondern den, der Gott und Mensch war. Analoges gilt für sein Bild. (Ausführlich ist dies im 1998 neu aufgelegten Buch "Die Christus-Ikone" von Kardinal Schönborn dargestellt.)

Auf Grund des Bewußtseins, mit dem Bild gleichzeitig etwas von der irdischen und von der himmlischen Wirklichkeit zu umschreiben, werden Ikonen unter Einhaltung verschiedener Vorschriften hergestellt: Oft wird nur nach innerlicher Vorbereitung durch Gebet "geschrieben", häufig in Klausur. Manche schreiben nur vom frühen Morgen bis zur ersten Mahlzeit zu Mittag, um in dieser Zeit auch mit ihrem eigenen Körper den Hunger auszudrücken. Man muß "ganz leer" sein, um sich auf die geistige Mitte konzentrieren zu können.

Diese Haltung drückt etwas von der Ehrfurcht von dem aus, als was die Ikone verstanden wird, als Bild in dessen Gold sich etwas von dem himmlischen Licht bricht, das zu stark ist, um unmittelbar betrachtet zu werden.

Auch der Begriff Schreiben ist schon eine Deutung, wird doch die Ikone als bildhaftes Schreiben des Evangeliums verstanden (siehe dazu nebenstehenden Text des Konzils von Konstantinopel).

Ikone als Evangelium Zweifellos gelten und galten nicht für alle Ikonen diese strengen Vorschriften. In Rußland etwa besaßen zumindest in der Zarenzeit viele Häuser eine "schöne Ecke", etwas wie einen Herrgottswinkel, in dem sich an Stelle des Kruzifixes eine Ikone findet. Bei so viel Nachfrage nach Ikonen war es unmöglich den Bedarf durch die Arbeit von Mönchen allein zu decken. Dementsprechend wurden Ikonen ab dem 18. Jahrhundert oft serienmäßig hergestellt: Einer malt immer wieder das Gesicht, einer die Kleidung, einer den Hintergrund. Viele alte Ikonen, die heute am Markt sind, sind auf diese Art entstanden. Die ersten Absolventen des wieder eingerichteten Ikonenlehrganges von Sergej Posad sehen sich dagegen wieder der Tradition verpflichtet, die ganze Ikone zu malen, wenngleich die "inneren Vorschriften" als weniger verbindliche eingestuft werden.

Spätestens seit der Kommentierung durch Symeon von Thessaloniki 1429 ist der Bilderkanon in der ganzen orthodoxen Kirche im wesentlichen einheitlich.

Vor allem die Bilder der Ikonostase, jener Wand, die den Altarraum vom Raum für die Getauften trennt, sind festgelegt: An der Tür eine Darstellung der Verkündigung, meist auf einer Seite der Engel, auf der anderen Maria: Durch die Verkündigung gibt es Zugang zum Ort, an dem Christus in besonderer Weise gegenwärtig ist. Die Verkündigung ist das Tor dazu. Rechts davon findet sich meist eine Christus-Ikone und links eine Ikone der Mutter Gottes. Rechts der Christus-Ikone findet sich oft eine Darstellung von Johannes dem Täufer, oft von der Seite dargestellt: Sein ganzes Wesen ist hinweisen auf Christus - so sieht ihn die östliche Ikonographie. Links neben der Mutter Gottes ist oft der Patron der Kirche dargestellt.

Die Ikonostase kann nach Belieben erweitert werden. Das genannte Programm ist nicht in allen Kirchen und allen Ländern gleich, das oben angegebene Schema entspricht aber in vielen Fällen.

DIE CHRISTUS-IKONE. Eine theologische Hinführung. Von Christoph Schönborn. Wiener Dom-Verlag, Wien 1998. 260 Seiten, geb., öS 278,

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