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Sicherheit, die beunruhigt

1945 1960 1980 2000 2020
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Elektronische Erkennungs- und Überwachungssysteme nehmen überhand. Ihr überzogener Einsatz stellt Grundprinzipien der Demokratie in Frage.

Nicht einmal zehn Jahre alt ist er nun, der neue EU-Pass, und schon steht ihm eine Änderung ins Haus. Ab 2004 sollen in dem Dokument biometrische Daten des Inhabers gespeichert werden. Die Übereinstimmung von Träger und Inhalt des Dokuments soll durch Erfassung körperlicher Merkmale des Pass-Inhabers sichergestellt werden. Der Finger-Abdruck ist ein solches Zeichen. Weil man ihn mit der Kennzeichnung von Verbrechern assoziiert, hat er jedoch ein schlechtes Image.

So geht man dazu über, kennzeichnende Merkmale des Gesichts so zu erfassen, dass sie elektronisch gespeichert werden können. Änderungen des Aussehens durch Bart, Gewichtszu- nahme, eine andere Frisur sollen die Erkennung nicht stören. Eine "quasi unfehlbare Kontrolle", erklärte kürzlich Asa Hutchison, Vizechefin des US-Ministeriums für Heimatschutz. Von den USA geht Druck aus, dieses System einzuführen.

Viel Missbrauch möglich

Abgesehen von der Tatsache, dass Zweifel an der Einsatzfähigkeit der biometrischen Erkennung geäußert werden (siehe Seite 3), wirft dieser weitere Schritt der digitalen Erfassung von Persönlichkeits-Merkmalen grundsätzliche Fragen auf: Wie hoch sind die Kosten dieser Bemühungen, unsere Gesellschaften vor Terror und Kriminalität zu schützen?

Information, die elektronisch erfasst ist, kann leicht weitergegeben werden. Sicher, zunächst regeln strenge Bestimmungen den vertraulichen Umgang mit solcher Information. Wer aber garantiert dafür, dass es nicht zur Weitergabe der Daten, zu deren missbräuchlicher Verwendung kommt?

Da jeder sein Gesicht vor sich herträgt, lüftet jede Videoaufnahme, auf der jemand aufscheint, dessen Anonymität gegenüber jedem, der über den Gesichtscode verfügt. Bedenkt man, wie viele Videogeräte mittlerweile im öffentlichen Raum Tag ein, Tag aus in Betrieb sind, wird deutlich, welche Zahl zuordenbarer Spuren der Mensch dann hinterlässt. Je größer aber die Speicher- und Datenverarbeitungskapazität der Geräte wird, umso mehr Interessenten wird es für solche Daten geben.

Abgesehen von solchem Missbrauch aber ist der heute gepflegte Zugang, den Bürger prophylaktisch zu überwachen, um ihn vor Gefahren zu bewahren, sehr fragwürdig. Kampf gegen den Terrorismus, gegen organisierte Kriminalität, Schutz vor Vandalismus sind zunächst einleuchtende Argumente für die Dauerbeobachtung von Plätzen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Garagen, für die Überwachung von Telefon und Internet. Wegen der Überfülle des anfallenden Datenmaterials geht man dazu über, es automatisiert auf Auffälligkeiten abzusuchen.

Nur ja nicht auffallen

Für diese Suche muss man Normalverhalten definieren, um das, was davon abweicht, dann näher zu untersuchen. Fühlt sich der Mensch aber beobachtet, gerät er unbewusst unter Druck, sich der vermuteten Norm entsprechend zu verhalten, also in der Parkgarage keine auffallende Bewegung zu machen, am Telefon und im E-Mail-Verkehr bestimmte Ausdrücke und Themen zu vermeiden.

Methoden der Sicherung durch vorbeugende Beobachtung drängen darüber hinaus den observierten Normalverbraucher in die Position des potenziellen Übeltäters. Wer nämlich auffällig wird - und sei es nur durch Systemfehler -, alarmiert die Überwachung und löst Reaktionen aus. Um den Verdacht loszuwerden, muss der "Übeltäter" nun aufklären, warum er sich nicht der Norm entsprechend verhalten hat. Gedankenloses Agieren kann so zum Problem werden.

Noch gravierender aber: Soziale Systeme werden dadurch behandelt, als wären es technische. Bei letzteren deutet tatsächlich jede Abweichung auf einen Fehler hin, den es zu beheben gilt. Wer diese mechanistische Vorstellung aber auf soziale Systeme überträgt - genau das geschieht mit der Vielfalt der vorbeugenden Überwachung - zerstört deren Menschlichkeit. Denn der Mensch wird seiner Besonderheit beraubt, wenn er zur Datenmatrix wird, zum Zahlenmuster, das seine Gesichtsform, seine typischen Bewegungen, seine genetische Struktur, seine Krankheitsgeschichte, seine Ausgaben, seine Telefonate und vieles andere mehr beschreibt.

Man sagt uns zwar, diese Information diene dazu, das System reibungslos unseren Bedürfnissen anzupassen. Tatsächlich aber macht es den Menschen, den Souverän des Systems, zum Rädchen in dessen Getriebe. Optimiert wird das System, indem es Menschen in eine Schablone presst.

Ein hoher Preis für die Sicherheit, wenn sie auf der Annahme beruht, Alltagsabläufe bedürften zu ihrer Absicherung einer Dauerüberwachung. Geflissentlich übersehen wird nämlich, welche Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten auf diese Weise entstehen.

Damit steht eine äußerst drängende Frage im Raum: Untergräbt dieses unausgesprochene, aber immer deutlicher spürbare Misstrauen dem Bürger gegenüber nicht auf sehr subtile Weise das eigentliche Fundament westlicher Demokratien?

christof.gaspari@furche.at

Elektronische Erkennungs- und Überwachungssysteme nehmen überhand. Ihr überzogener Einsatz stellt Grundprinzipien der Demokratie in Frage.

Nicht einmal zehn Jahre alt ist er nun, der neue EU-Pass, und schon steht ihm eine Änderung ins Haus. Ab 2004 sollen in dem Dokument biometrische Daten des Inhabers gespeichert werden. Die Übereinstimmung von Träger und Inhalt des Dokuments soll durch Erfassung körperlicher Merkmale des Pass-Inhabers sichergestellt werden. Der Finger-Abdruck ist ein solches Zeichen. Weil man ihn mit der Kennzeichnung von Verbrechern assoziiert, hat er jedoch ein schlechtes Image.

So geht man dazu über, kennzeichnende Merkmale des Gesichts so zu erfassen, dass sie elektronisch gespeichert werden können. Änderungen des Aussehens durch Bart, Gewichtszu- nahme, eine andere Frisur sollen die Erkennung nicht stören. Eine "quasi unfehlbare Kontrolle", erklärte kürzlich Asa Hutchison, Vizechefin des US-Ministeriums für Heimatschutz. Von den USA geht Druck aus, dieses System einzuführen.

Viel Missbrauch möglich

Abgesehen von der Tatsache, dass Zweifel an der Einsatzfähigkeit der biometrischen Erkennung geäußert werden (siehe Seite 3), wirft dieser weitere Schritt der digitalen Erfassung von Persönlichkeits-Merkmalen grundsätzliche Fragen auf: Wie hoch sind die Kosten dieser Bemühungen, unsere Gesellschaften vor Terror und Kriminalität zu schützen?

Information, die elektronisch erfasst ist, kann leicht weitergegeben werden. Sicher, zunächst regeln strenge Bestimmungen den vertraulichen Umgang mit solcher Information. Wer aber garantiert dafür, dass es nicht zur Weitergabe der Daten, zu deren missbräuchlicher Verwendung kommt?

Da jeder sein Gesicht vor sich herträgt, lüftet jede Videoaufnahme, auf der jemand aufscheint, dessen Anonymität gegenüber jedem, der über den Gesichtscode verfügt. Bedenkt man, wie viele Videogeräte mittlerweile im öffentlichen Raum Tag ein, Tag aus in Betrieb sind, wird deutlich, welche Zahl zuordenbarer Spuren der Mensch dann hinterlässt. Je größer aber die Speicher- und Datenverarbeitungskapazität der Geräte wird, umso mehr Interessenten wird es für solche Daten geben.

Abgesehen von solchem Missbrauch aber ist der heute gepflegte Zugang, den Bürger prophylaktisch zu überwachen, um ihn vor Gefahren zu bewahren, sehr fragwürdig. Kampf gegen den Terrorismus, gegen organisierte Kriminalität, Schutz vor Vandalismus sind zunächst einleuchtende Argumente für die Dauerbeobachtung von Plätzen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Garagen, für die Überwachung von Telefon und Internet. Wegen der Überfülle des anfallenden Datenmaterials geht man dazu über, es automatisiert auf Auffälligkeiten abzusuchen.

Nur ja nicht auffallen

Für diese Suche muss man Normalverhalten definieren, um das, was davon abweicht, dann näher zu untersuchen. Fühlt sich der Mensch aber beobachtet, gerät er unbewusst unter Druck, sich der vermuteten Norm entsprechend zu verhalten, also in der Parkgarage keine auffallende Bewegung zu machen, am Telefon und im E-Mail-Verkehr bestimmte Ausdrücke und Themen zu vermeiden.

Methoden der Sicherung durch vorbeugende Beobachtung drängen darüber hinaus den observierten Normalverbraucher in die Position des potenziellen Übeltäters. Wer nämlich auffällig wird - und sei es nur durch Systemfehler -, alarmiert die Überwachung und löst Reaktionen aus. Um den Verdacht loszuwerden, muss der "Übeltäter" nun aufklären, warum er sich nicht der Norm entsprechend verhalten hat. Gedankenloses Agieren kann so zum Problem werden.

Noch gravierender aber: Soziale Systeme werden dadurch behandelt, als wären es technische. Bei letzteren deutet tatsächlich jede Abweichung auf einen Fehler hin, den es zu beheben gilt. Wer diese mechanistische Vorstellung aber auf soziale Systeme überträgt - genau das geschieht mit der Vielfalt der vorbeugenden Überwachung - zerstört deren Menschlichkeit. Denn der Mensch wird seiner Besonderheit beraubt, wenn er zur Datenmatrix wird, zum Zahlenmuster, das seine Gesichtsform, seine typischen Bewegungen, seine genetische Struktur, seine Krankheitsgeschichte, seine Ausgaben, seine Telefonate und vieles andere mehr beschreibt.

Man sagt uns zwar, diese Information diene dazu, das System reibungslos unseren Bedürfnissen anzupassen. Tatsächlich aber macht es den Menschen, den Souverän des Systems, zum Rädchen in dessen Getriebe. Optimiert wird das System, indem es Menschen in eine Schablone presst.

Ein hoher Preis für die Sicherheit, wenn sie auf der Annahme beruht, Alltagsabläufe bedürften zu ihrer Absicherung einer Dauerüberwachung. Geflissentlich übersehen wird nämlich, welche Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten auf diese Weise entstehen.

Damit steht eine äußerst drängende Frage im Raum: Untergräbt dieses unausgesprochene, aber immer deutlicher spürbare Misstrauen dem Bürger gegenüber nicht auf sehr subtile Weise das eigentliche Fundament westlicher Demokratien?

christof.gaspari@furche.at