Sie lassen sich nichts mehr sagen

Mehr als zwei Jahrtausende ist das Jammern über die jeweils "heutige Jugend" schriftlich belegt. So hat auch die elterliche Klage - "Sie lassen sich nichts mehr sagen" - stets neu Saison. Und wer sich aus welchen Gründen immer nach einer Jugend sehnt, die sich in ihre Vorgaben fügt, dem wird der moderne Trend des familiären Aushandelns verdächtig erscheinen.

Dabei stellt das Prinzip des Aushandelns eine besonders zeitgemäße, ja konkurrenzlose Schule des gegenseitigen Respekts dar.

Und warum sollten die Jungen sich einfach etwas sagen lassen? Weil die Älteren sich genug (oder zu viel?) sagen haben lassen müssen? Weil die heute Maßgeblichen ihren eigenen Widerstand seinerzeit vergessen oder selbst auf die Mühe des Widerspruchs im jungen Alter (zu oft?) verzichtet haben?

Je pluraler die Gesellschaft, umso bewusster und begründeter muss Verhalten sein, das von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Wer sich da ohne Einsicht etwas sagen lässt, kommt in eine Situation, in der das Scheitern schon vorprogrammiert ist.

Junge Menschen dürfen sich nicht alles sagen lassen - um ihrer selbst und ihrer eigenen Zukunft willen. Sie müssen sich bewähren können, eigene Erfahrungen machen, auch die Erfahrungen des Scheiterns, vor dem sie zu viele bewahren wollen.

Aber die Älteren, ja die ganze Gesellschaft ist auf den oft schmerzlichen Dienst einer Jugend angewiesen, die sich nicht alles sagen lässt. Wer hilft ihnen denn sonst, überkommene Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen, das eigene Lebenskonzept in einem neuen Licht zu sehen? Wer fordert denn sonst so unnachgiebig Argumente, zwingt zur Auseinandersetzung und deckt Widersprüche auf?

Wer eine Jugend, die sich nicht alles sagen lässt, wertschätzen kann, zählt zu den Glücklichen, für die das Leben nicht primär Vergangenheit, sondern auch Gegenwart und Zukunft hat.

Martin Jäggle ist Professor an der Religionspädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit .

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