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"Sind sehr gleichgültige Gesellschaft geworden"

1972-84, als er Generalsekretär des Weltkirchenrates war, herrschten politische The-men vor. In den 90er Jahren aber ist welt- und kirchenweit das Gemeinsame zurückgegangen, konstatiert der heute 80-jährige Philip A. Potter im Gespräch über Welt, Christen und Ökumene.

die furche: Was sollten Christen und Kirchen in der derzeitigen Weltlage tun?

Philip A. Potter: Wir leben in einer Zeit, wo die Gewalt sehr stark ist. Eine Hauptaufgabe für Christen wäre, herauszufinden, warum das so ist. Des weiteren geht es darum, miteinander in Kontakt zu kommen: Ein Hauptgrund für die Gewalt ist das Fehlen von Beziehungen. Wir stehen dafür, Beziehungen zu fördern, Menschen zu befähigen, über ihre Unterschiede zu sprechen, sich auszudrücken. In den neunziger Jahre kümmerten sich die Menschen immer mehr bloß um Eigeninteressen: Das Gemeinsame war kaum mehr ein Thema.

die furche: Die heutige Situation resultiert aus dem fehlenden Gemeinsamen?

Potter: Ja. Die Ereignisse des 11. September zeigen dies ganz deutlich.

die furche: Amerika erklärt, es führe Krieg gegen den Terrorismus. Es gibt Christen, die das einen gerechten Krieg nennen.

Potter: Ich wäre sehr vorsichtig, von einem gerechten Krieg zu sprechen, denn wir leben in einer sehr ungerechten Gesellschaft. Man muss immer bei sich anfangen: Heißen wir etwa Ausländer bei uns willkommen und ermöglichen wir es ihnen, am Leben in unseren Ländern teilzunehmen? Ich frage mich, ob wir nicht eine sehr gleichgültige Gesellschaft geworden sind: Jeder geht seinen Weg, und solange wir unser Stück vom Kuchen bekommen, geht es uns gut, also wozu sollen wir uns Sorgen machen über jene, denen es nicht gut geht? Wir erwarten von denen, denen es nicht gut geht, dass sie still sind und unsichtbar bleiben. Das ist das gegenwärtige Verhalten.

die furche: Einige meinen, der von Samuel Huntington angekündigte "Clash of civilizations" zwischen der christlichen und der islamischen Welt sei da.

Potter: Das halte ich für übertrieben. Das Buch "Clash of civilizations" wurde von einem Konservativen geschrieben, und hinter diesem "Clash" steht der Versuch, die Vorherrschaft der amerikanischen Kultur zu gewährleisten. Aber diese Art "Zivilisation" ist kein unschuldiger Begriff. In der ökumenischen Bewegung reden wir seit Jahren von der "Begegnung" der verschiedenen Zivilisationen.

die furche: Das Schlagwort unserer Zeit heißt Globalisierung: Bedeutet Globalisierung jene Weltgemeinschaft, die Sie sich wünschen?

Potter: Leider handelt es sich nicht um eine Globalisierung der Beziehungen, sondern um eine Globalisierung des Kapitals. Es ist allgemein bekannt, dass rund zwei Billionen Dollar auf Finanzmärkten zirkulieren: All dies ist nur ein Zeichen für das allgemeine Verhalten. Wir haben keine Beziehungen miteinander, die Finanzen stehen heute an erster Stelle. Die einfache Art, untereinander in Beziehung zu treten, der traditionelle Handel etwa, wird als minder eingestuft, ist weniger interessant.

die furche: Ihre Analyse der Weltpolitik gilt entsprechend für die Kirchen: Auch im Weltkirchenrat dominierte bis in die achtziger Jahre das Politische - Aktionen gegen die Apartheid oder für die Frauenbewegung.

Potter: Das war nicht etwas "Politisches", sondern etwas sehr "Theologisches"! Denn es ging um die Verantwortung der Christen in dieser Welt. Manche, die dieses Engagement nicht wollten, nannten es "politisch". Heute herrscht jedoch allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber zentralen Dingen des Lebens. Auch wenn man die Vereinten Nationen ansieht, ist nicht mehr dieselbe Qualität eines Zugangs zu internationalen Fragen zu finden.

die furche: Ein großer Konflikt im Weltkirchenrat besteht zur Zeit zwischen der Orthodoxie und den Kirchen der Reformation. Gerade orthodoxe Kirchen beschuldigen den Weltkirchenrat, zu "politisch" zu agieren.

Potter: Diese Frage ist nicht eine Frage der Orthodoxie an sich, sondern eine Frage, woher die jeweiligen Orthodoxen kommen. Es stimmt, dass die Orthodoxen generell mehr an den ekklesiologischen Themen interessiert sind, das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Zentren der östlichen orthodoxen Kirchen etwa liegen in der Krisenregion Naher Osten. Der Weltkirchenrat engagierte sich für diese Kirchen stark, auch wenn wir darüber wenig öffentlich gesprochen haben. Oder die Lage in Russland: Während der kommunistischen Herrschaft durften die Kirchenleute als einzige international tätig sich sein. Wir vom Weltkirchenrat waren hier ebenfalls stark engagiert - auch direkt mit der Regierung. Nur wenige wissen, dass wir durch diese Kontakte viele Gewissengefangene frei bekommen konnten. Wenn wir damals viel Lärm um diese Dinge gemacht hätten, wäre das nicht geschehen. Es ist natürlich die Frage, warum 1998 viele orthodoxe Bischöfe zur letzten Weltversammlung des Weltkirchenrates in Harare nicht gekommen sind. Ich denke, sie meinten, dass ihr Standpunkt nicht ordentlich gehört würde. Außerdem zeigen sich unter den Orthodoxen selbst mindestens so große Positionsunterschiede wie zwischen Orthodoxen und anderen Kirchen.

die furche: Wie kann die Ökumene weitergehen?

Potter: Natürlich gibt es zur Zeit eine Krise. Noch einmal Russland: Das ist jetzt ein offenes Land, in dem die Kirche bedrängt ist. Es herrscht Säkularisierung, Menschen kommen nicht automatisch zur Kirche - obwohl viele Kirchen voll sind - es gibt ähnliche Problemen wie im Westen. Wir müssen lernen, ähnliche Probleme miteinander zu teilen. Es ist Zeit, in der ökumenische Bewegung - dazu gehört auch die katholische Kirche -, den eigenen Stolz zurückzustellen und uns gemeinsam der Frage zu stellen, wie wir heute das Evangelium vermitteln können - in einer Situation, die wir gar nicht analysieren können, weil alles so schnell geschieht, dass wir kaum nachkommen. Den Kirchen fehlt es an gegenseitiger Kommunikation. Es ist schon seltsam, dass wir in einer offenen Gesellschaft nicht imstande sind, zueinander offen zu sein.

die furche: Eine große Gruppe von Christen, die nicht im Weltkirchenrat vertreten ist, die aber schnell wächst, sind die evangelikalen Gruppierungen: Wie sehen Sie deren Rolle?

Potter: Diese Gruppen wachsen bei einer bestimmten Art Menschen. Die katholische Kirche und die Kirchen im Weltkirchenrat wollen das ganze Evangelium verkünden und nicht nur "Seelenmassage" betreiben. Die Evangelikalen hingegen versuchen, den Menschen mit einer bestimmten Spiritualität zu packen ...

die furche: Aber ist nicht trotzdem Kontakt mit ihnen nötig, nicht zuletzt, weil sie etwa in Lateinamerika enormen Zulauf haben?

Potter: Es hat immer Kontakte gegeben! Schon allein aufgrund der Tatsache, dass es immer schwieriger wird, Spirituelles zu vermitteln, sind diese Kontakte nötig.

die furche: Viele der evangelikalen Gruppen haben eine "unpolitische" Spiritualität, sie haben kein Interesse daran, politische Zustände zu ändern, wie gerade Sie immer gefordert haben.

Potter: Diese Gruppen bringen eine bestimmte Spiritualität, welche bestimmte Menschen anspricht. Darunter sind sicher solche, welche die Früchte der Gesellschaft ernten, aber dafür nicht kämpfen wollen. Dieses Problem muss man deutlich sehen. Aber wer meint, dass sich die Kirchen zu sehr in die Politik einmischen, dem erwidere ich klar: Dieses Engagement ergibt sich aus dem Evangelium, es ist Teil unseres Auftrags als Christen.

die furche: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und den anderen Kirchen?

Potter: Seit dem Ende des II. Vatikanums hat es zwischen der katholischen Kirche und den anderen Gemeinschaften ein sehr offenes Verhältnis gegeben. Es gibt auch heute eine große Zahl an Kontakten nicht zuletzt von Laiengruppen in vielen Teilen der Welt. Hier herrschen keinerlei Animositäten. Aber wenn Sie nur die Diskussionen innerhalb der katholischen Kirchen betrachten, sehen Sie: Es herrscht nicht mehr der gleiche Enthusiasmus wie vor 20, 30 Jahren. Solche Entwicklungen kennen wir in allen Gemeinschaften. Ein Problem ist, dass wir, die wir uns stark für die Ökumene engagiert haben, die nächste Generation nicht darauf vorbereitet haben, weiter zu tun. Dieselbe Diskussion wie innerhalb der katholischen Kirche gibt es im Weltkirchenrat. Und wir müssen auch in Betracht ziehen, mit welcher Rasanz sich die Gesellschaft entwickelt: Die Welt anno 2001 ist nicht mehr die gleiche wie 1990! Der einzige Zeitpunkt, an dem Menschen innehalten und nachdenken, ist, wenn etwas passiert wie am 11. September. Notwendig wäre eine viel entschlossenere Anstrengung für das, was uns wirklich betrifft. Die Kirchen brauchen dabei eine viel demütigere Haltung: Wir alle müssen voneinander lernen. Es ist jetzt keine Zeit zu jammern und sich zurückzuziehen: Wir müssen aufstehen und uns den Fragen stellen.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Zur Person: Karibik - Genf - Lübeck

Am 19. August feierte Philip A. Potter den 80. Geburtstag. Der auf der Karibik-Insel Dominica Geborene studierte auf Jamaica und in London Theologie. Ab 1950 war Potter als methodistischer Pfarrer auf Haiti tätig, 1954 wechselte er als Jugendsekretär zum Weltkirchenrat (Ökumenischer Rat der Kirchen) nach Genf. Nach weiteren Tätigkeiten für die methodistische Missiongesellschaft und den Weltkirchenrat wurde Potter 1972 zu dessen Generalsekretär gewählt, seine Amtszeit endete 1984. Damals gehörten dem Weltkirchenrat 300 orthodoxe und protestantische Kirchen mit 400 Millionen Mitgliedern an. Als erster farbiger Generalsekretär prägte Potter die Programme des Weltkirchenrates stark - darunter die Bekämpfung des Rassismus sowie der Apartheid in Südafrika, Initiativen zur Alphabetisierung und für die Rechte der Frau. Heute lebt Philip A. Potter in Norddeutschland, er ist mit der Lübecker evangelisch-lutherischen Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter verheiratet. Am 30. Oktober 2001 verlieh ihm die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Wien das Ehrendoktorat. ofri

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