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Sind wir von allen guten Geistern verlassen?

Diese Redewendung bekam man als öffentlicher und aktiver Christ und Katholik in den letzten Wochen so häufig zu hören, daß sie sich geradezu als Motto einer Pfingstmeditation aufdrängt: Von welchen guten oder bösen Geistern verlassen oder getrieben ist die katholische Kirche Osterreich in die größte Katastrophe seit 1945 - ja was nun -geschritten, getaumelt oder getrieben worden? Und - weniger aktuell-polemisch und dafür etwas grundsätzlicher formuliert: Kann man von der gegenwärtigen Kirche Österreichs noch ernsthaft und glaubwürdig behaupten, daß es der Geist Gottes ist, der aus ihr zu den Menschen spricht?

Um es zuerst einmal deutlich genug zu sagen: Wenn die Kirche alle sind, also nicht nur die Mitglieder der Bischofskonferenz, sondern alle Gläubigen - zu denen ja auch die Bischöfe gehören -dann kann man beruhigt sagen: Der Geist Gottes scheint nicht ausgelöscht zu sein - in den vielen lebendigen Gemeinden, in den vielen Gruppen der kirchlichen i Verbände und Organisationen, in den Gotteidiensten, in der Bildungsarbeit, im cari-tativen und politischen Engagement vieler Christen. Hier - wie etwa in den Mitarbeitern der Caritas - findet man jene Personen, die einem gerade in dieser Zeit als glaubwürdige Vertreter der katholischen Kirche vorgehalten werden.

Es fällt nicht leicht, des zu sagen, weil man keinem Unrecht tun will, der sein Bestes gibt -coch ist die gegenwärtige Krise unse--er Kirche keine des gläubigen Volkes, sondern eine der Hierarchie. Und nur, weil man katholischerseits immer noch Hierarchie und Kirche gleichsetzt, spricht man von einer Krise der Kirche. Nicht um die Hierarchen zu Sündenböcken zu machen, muß dies gesagt werden, sondern um die Ursachen dort zu suchen, wo sie sind- und um die Therapie dort anzusetzen, wo sie helfen kann.

• Um es in ein paar deutlichen Beispielen zu sagen: Eine Zeitung oder der ORF will die Meinung „der Kirche” zu einer Frage wissen - und fragt einen Bischof oder das Sekretariat der Bischofskonferenz. Natürlich könnte er auch einen Religionssoziologen über die Meinung der praktizierenden Katholiken befragen. Denen sagt man zwar unentwegt, daß sie die Kirche seien - doch ohne sie zu fragen, welche Kirche sie sein wollen.

Ein anderes Beispiel: Ein publikumswirksamer Diözesanbischof tritt im Fernsehen auf und sagt etwas, was viele Katholiken falsch finden. Am nächsten Tag müssen sich viele von ihnen vorhalten lassen, was doch die Kirche für altmodische und widersinnige Lehren vertrete. Und das, obwohl hinter diesem Bischof nur mehr drei Prozent der Gläubigen stehen.

Die Fernsehnation erblickt in diesem Bischof den Sprecher der Bischöfe -was er nicht ist. Oder der Gläubigen -was er noch viel weniger ist.

Die Fernsehleute laden ihn immer wieder gerne ein: als Quotenkrokodil. Denn es steigert die Einschaltziffern, wenn ein Bischof im Fernsehen unhöflich und grimmig um sich beißt. Vorsichtige Distanzierungen einzelner Bischöfe in den nächsten Tagen verstärken nur noch den Eindruck: Hier beruft sich einer auf den Geist, den er vertreibt.

Die Wirksamkeit der Massenmedien bringt es mit sich, daß Tausende engagierter Christen nicht soviel an Glaubwürdigkeit bringen können, wie ein einziger Amtsträger in einer einzigen zynischen Wortmeldung verspielt. Wenn es um den Geist Gottes geht, der in vielen Gottesdiensten und Aktivitäten ungezählter Christen spürbar wird, muß einem nicht bang um die Kirche Österreichs sein. Wenn es um den Geist der „hierarchischen Selbstdarstellung” der Kirche geht -dann ist die Kirche wirklich von allen guten Geistern verlassen. Seltene Lichtblicke wie die ersten Auftritte des neugewählten Vorsitzenden der Bischofskonferenz oder die Vorstellung des neuen Erzbischof-Koadjutors von Wien mit seiner offenherzigen Entschuldigung für eine frühere Wortmeldung zeigen, daß es auch anders ginge.

Ein letztes Beispiel: Ein Kirchenvolks-Begehren sammelt in einer Unterschriftenaktion Zustimmungserklärungen zu Anliegen, die allesamt schon längst die Zustimmung von weit über der Hälfte der aktiven Katholiken finden. Seriöse Meinungsumfragen bestätigen das. Und nun wird heiß diskutiert, ob das Kirchenvolk öffentlich begehren darf, was es innerlich schon längst begehrt. Man ist versucht zu fragen, in welchem Jahrhundert man lebt. Ist es nicht schon längst gute, alte Lehre der Kirche, daß aus dem „con-sensus” der Gläubigen der Geist Gottes spricht. Daß also auch die übereinstimmende Meinung des Gottesvolkes eine Art sein kann, wie Gott zu uns redet? Könnte es sein, daß der Geist Gottes einmal nicht aus dem Mund der Amtsträger zu den Gläubigen spricht, sondern umgekehrt. Man wird sich doch noch für katholisch halten dürfen, wenn man das für möglich hält.

Ein zeitgemäßes Pfingstgebet müßte keineswegs neu formuliert werden - man müßte nur den Blick von der gesamten Erde auf die Kirche allgemein und die Kirche Österreichs im besonderen konzentrieren: „Sende aus deinen Geist und alles wird neu geschaffen - und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!”

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