"Skandal bei America'"

Kleine Zeichen und eine erste große Personalentscheidung: das Pontifikat Benedikts XVI. nimmt Konturen an - und nährt Hoffnungen ebenso wie Befürchtungen.

Benedikt XVI. ist nun einen Monat im Amt, erste Konturen seines Pontifikats sind zu erkennen. Manches mag bloß äußerlich sein, wie, dass der Papst wieder im offenen Wagen durch die Menge fährt und sich nicht unter einen Glassturz stellen muss wie sein Vorgänger. Anderes deutet auch auf neue inhaltliche Akzente: So will Benedikt XVI. nur mehr Heiligsprechungen persönlich vornehmen, Seligsprechungen hingegen nicht mehr: Johannes Paul II. war 1338 Selig- und 482 Heiligsprechungen - mehr als alle seine Vorgänger zusammen! - vorgestanden; Benedikt XVI. scheint demgegenüber die Konzentration auf weniger Aufgaben zu bevorzugen - wenn man will, kann dies ein Zeichen dafür sein, dass dieser Papst nicht "alles" selber machen will.

Ähnlich kann die Beschleunigung des Seligsprechungsprozesses für den Vorgänger gedeutet werden: Hier setzte der Papst die Fünfjahresfrist außer Kraft, die nach Johannes Pauls II. Tod laut Kirchenrecht hätte verstreichen müssen. Benedikt XVI. entsprach damit der von vielen Kardinälen während der Sedisvakanz unterzeichneten Petition, der neue Papst möge die Seligsprechung Johannes Pauls II. beschleunigen. Wohlwollende Kommentatoren interpretierten dies als Zeichen des Neuen, auf die Meinung der Kardinäle und Bischöfe eingehen zu wollen, also der viel geforderten Kollegialität von Papst und Bischöfen im Wort zu sein.

Die erste wirklich sichtbare Spur zog der Ratzinger-Papst aber mit der Ernennung des Erzbischofs von San Francisco, William Levada, zu seinem Nachfolger an der Spitze der Glaubenskongregation. Jedenfalls dieser Entscheidung kommt eine Richtungsbestimmung zu: Der in Lehrfragen zweitwichtigste Posten an der Kirchenspitze ist nun mit einem Bischof aus den usa besetzt, also aus dem zweiten "Krisen"-Kontinent der katholischen Kirche. Joseph Ratzinger, der Europäer, und William Levada, der Nordamerikaner, kommen aus den Gefahrenherden für jenen "Relativismus", den Benedikt XVI. als Kardinal Ratzinger so bekämpfte.

Levadas Standpunkte bei den "heißen Eisen" der kirchlichen Lehrpositionen sind ebenso klar wie die Ratzingers, allerdings konzedieren ihm us-Medien ("Ein theologischer Hardliner mit einem moderaten Anstrich", so etwa die New York Times) durchaus "Kreativität" in der Umsetzung: Als Erzbischof des Schwulen-Mekka San Francisco war Levada in einer Hochburg des "liberalen" Katholizismus gefordert. Als im Jahr 1997 die Stadt San Francisco von allen Subventionsnehmern (d.h. auch der katholischen Kirche ) verlangte, Sozialleistungen für deren Angestellte auch auf die unverheirateten Partner im gleichen Haushalt auszudehnen, lief das auf die Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften durch die Hintertür hinaus. Levada löste dieses Problem, indem jeder kirchliche Angestellte San Franciscos eine zweite Person (eine Tante, einen Elternteil, einen guten Freund etc.) als Empfänger der Sozialleistungen benennen konnte - er erweiterte also den Kreis der Anspruchsberechtigten und vermied so direkt eine De-facto-Akzeptierung homosexueller Partnerschaften.

Solch Kreativität wird Levada in seiner neuen Position mehr als brauchen. In den usa ist die römische Glaubensbehörde nämlich wieder im öffentlichen Gerede, seit dieser Tage bekannt wurde, dass der Jesuit Thomas Reese, einer der prominentesten Katholiken des Landes (auf cnn war Reese rund um Papst-Tod und Papst-Wahl täglich als kompetenter Kommentator zu sehen), als Chefredakteur der renommierten Jesuitenzeitschrift America gegangen wurde. Seit Jahren gab es ein konservatives Kesseltreiben gegen Reese, weil in America immer wieder auch romkritische theologische Auseinandersetzungen stattfanden. Allerdings gab America dabei immer den "romtreuen" Positionen gleichermaßen Raum und und brachte auch das Lehramt zu Gehör. Dennoch hat die Glaubenskongregation im März Reese' nunmehrige Demission verlangt. Damals war Joseph Ratzinger, jetzt Papst, noch ihr Präfekt...

In einem kirchlichen Medium soll also nicht einmal die Diskussion kontroverser Themen möglich sein? Diese Aussicht erzürnt liberalere Katholiken in den usa aufs Höchste. Das moderat kirchenreformorientierte, angesehene Magazin Commonweal titelte mit: "Skandal bei America". Nicht nur in Amerika: Auch in Europa sollten da die Alarmglocken schrillen.

otto.friedrich@furche.at

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