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"Solche Probleme sind extra ausgetüftelt"

1945 1960 1980 2000 2020

oRF-Doyenne Barbara Coudenhove-kalergi über Österreichs Weg der Integration, die Burka-Debatte und die Rolle der Flüchtlingsthematik im Präsidentschafts-Wahlkampf.

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oRF-Doyenne Barbara Coudenhove-kalergi über Österreichs Weg der Integration, die Burka-Debatte und die Rolle der Flüchtlingsthematik im Präsidentschafts-Wahlkampf.

Sie habe auch keine Pauschallösung für die Flüchtlingsfrage parat, es brauche aber viele kleine Schritte, sagt Barbara Coudenhove-Kalergi, die bei der Caritas Flüchtlingen Deutsch lehrt.

Die Furche: Sie haben letztes Jahr im August gegenüber der FURCHE gesagt, Österreich könnte in puncto Flüchtlinge viel mehr tun. Sind Sie noch immer dieser Meinung?

Barbara coudenhove-Kalergi: Wir hören medial vor allem, wie schwierig diese Herausforderung der Integration von 90.000 Flüchtlingen ist, die letztes Jahr angekommen sind. Im Großen und Ganzen haben wir das aber recht gut bewältigt. Laut Experten hätte es ohne das Engagement der NGOs und Zivilgesellschaft eine humanitäre Katastrophe gegeben. Hinter jeder Erfolgsgeschichte eines Flüchtlings steht mindestens ein Einheimischer. Die unmittelbare Aufgabe ist jetzt, jene zu integrieren, die schon hier sind. Aber in letzter Zeit haben ein paar ÖVP-Politiker offenbar nichts anderes zu tun, als sich zu überlegen, wie man es den Angekommenen noch schwerer machen kann. Ihrer christlich-sozialen Gründungsidee wird die ÖVP mit dem Kurs nicht mehr gerecht - im Gegenteil.

Die Furche: Die ÖVP will für die viel zitierte Obergrenze von 37.500 Flüchtlingen für 2016 eine solche Rechenmethode anwenden, dass die Grenze bereits früher erreicht ist. Halten Sie es für legitim, als kleiner EU-Staat zu sagen: "Das Boot ist voll" - auch wenn Menschen laut Genfer UN-Flüchtlingskonvention Recht auf Asyl hätten? coudenhove-Kalergi: Das halte ich nicht für legitim, aber ich sehe das Dilemma. Weltweit sind 52 Millionen Menschen auf der Flucht. Natürlich ist das eine Jahrhundertaufgabe. Ich bin froh, dass ich nicht diejenige sein muss, die an der Grenze Menschen sagen muss, welche unter Einsatz ihres Lebens hier her gekommen sind:"Ihr müsst wieder zurück." Was aus den Millionen Flüchtlingen werden soll, darüber zerbrechen sich die besten Experten der Welt die Köpfe, die Pauschallösung gibt es wohl nicht, nur viele kleine Schritte. Aber es ist zu billig, zu sagen, "die EU versagt" oder "die Politik versagt". Die Furche: Was halten Sie vom diskutierten Vollverschleierungsverbot, wie es in Frankreich, den Niederlanden und Belgien gilt?

coudenhove-Kalergi: Diese Burka-Debatte wird zur Staatssache aufgebläht. Ich habe in meinem Leben in Österreich noch keine Burka gesehen, und die wenigen Niqab-Trägerinnen kommen alle aus dem Hotel Intercontinental in Wien und sind saudische Touristinnen. Das ist unsere letzte Sorge.

Die Furche: Aber ist das abgesehen von der quantitativen Dimension nicht eine Frage der Menschenrechte und der Menschenwürde?

coudenhove-Kalergi: Wir wollen in Österreich vieles nicht haben, aber ich meine, das ist ein künstlich aufgeblasenes Problem, das von den wirklichen Problemen ablenken soll. Dasselbe trifft zu, wenn man sich Strafen ausdenkt für jene, die nicht Deutsch lernen wollen. In meiner kleinen Caritas-Einrichtung, in der ich Deutschkurse halte, haben wir eine Warteliste von 200 Leuten, die auf einen Kursplatz warten.

Die Furche: Die Effekte der Vollverschleierung sind, dass Frauen unsichtbar werden, alle uniform aussehen, in ihrer Bewegungs- und Sichtfreiheit eingeschränkt sind, ihre Identität nicht feststellbar ist, was aber für Amtswege, zum Lenken eins Fahrzeuges, für Bankgeschäfte etc. nötig wäre.

coudenhove-Kalergi: Es ist ziemlich klar, dass uns das allen nicht gefällt. In Deutschland hat man einen guten Kompromiss gefunden: Bei Polizeikontrollen, vor Gericht, etc. darf diese Vollverschleierung nicht sein. Ob auf der Straße wer in dieser Aufmachung daherkommt, kann man per Zwang nicht regeln. Die Furche: In Deutschland urteilte ein Gericht, dass eine Abendschülerin keinen Niqab (nur ein schmaler Sehschlitz) im Unterricht tragen darf. Was halten Sie davon? coudenhove-Kalergi: Ich würde als Lehrerin auch sagen: "Das geht nicht!" Es ist auch die Frage aufgetaucht, ob Lehrerinnen einen Niqab tragen sollen. Aber keine Niqab-Frau wird Lehrerin, solche Probleme sind extra ausgetüftelt. Mich ärgern solche Diskussionen. Lehrerinnen mit Kopftuch halte ich hingegen für unproblematisch. Ich habe einmal in der Schule einer muslimischen Religionslehrerin, einer modernen jungen Frau, im Unterricht zugesehen. Sie hat Arbeitsblätter verteilt, auf denen drei Vorbilder abgebildet waren: Der Prophet, ein türkischer Popsänger und ein Fußballer. Ich habe einen Buben gefragt: "Wen hast du dir als Vorbild ausgesucht?" Er hat natürlich den Fußballer gewählt. Da war von Indoktrination keine Rede.

Die Furche: Die Welt entwickelt sich mit den regelmäßigen Terrorattacken derzeit ein wenig in eine Richtung, die dem sozialen Klima gegenüber Flüchtlingen gar nicht gut tut. Wie empfinden Sie das? coudenhove-Kalergi: Auch da müssen wir relativieren. Ich verstehe, dass die Franzosen sehr beunruhigt sind. In Österreich hat es keine Terrorattacken gegeben. Wir sollten uns mehr unserer positiven Startbedingungen bewusst werden. Die Religionslehrerinnen sind in Österreich ausgebildet, unterstehen dem heimischen Unterrichtsministerium. Und wir haben die Tradition des Vielvölkerstaats. Eine Anekdote dazu: Im ersten Weltkrieg ist ein Regiment bosniakischer Muslime mit Fes am Kopf durch die Steiermark marschiert. Als sie von den Steirern angepöbelt wurden, stellte die Behörde sofort klar: Das geht nicht mit unseren Soldaten. Dieser Zugang ist das Gegenteil von dem, was in Frankreich derzeit geschieht, wo das Gesetz besagt: Deine Kleidung darf nicht die Zugehörigkeit zu einer Religion dokumentieren. Aber in Österreich war immer Integration, nicht Assimilation die Leitidee. Man kann ein guter Muslim und ein guter Österreicher sein. Die Furche: Von dem positiven Zugang merkt man, wenn man die Boulevard-Zeitungen liest, wenig.

coudenhove-Kalergi: Es wird zwar viel geschimpft, es gibt die unselige Kronen Zeitung mit über drei Millionen Lesern und die unselige FPÖ, aber eigentlich funktioniert Integration ganz gut. Favoriten ist türkisch, aber kein Viertel, in das sich keiner hineintraut. In Wien brennen keine Asylheime. Darauf könnten wir stolz sein. Ich bin traurig, dass wir mit dieser Tradition nicht mehr Vorreiter sind. Unsere Praxis ist besser als unsere Politik.

Die Furche: Das Flüchtlingsthema betrifft vor allem die Städte, doch gerade in vielen ländlichen Regionen erhielt Hofer viele Stimmen.

coudenhove-Kalergi: Umfragen zeigen: Die größte Ausländerfeindlichkeit oder Skepsis besteht dort, wo es weit und breit keine Ausländer gibt. In Wien sind die meisten, hier sind auch die Wahlergebnisse nicht so rechts. Aber vielerorts sind sich die Leute der Gefahren einer Hofer-Wahl nicht bewusst. Er hat ja gesagt: "Ihr werdet Euch wundern, was alles geht." Natürlich kann er ganz legitim -wenn die FPÖ stärkste Partei wird -den Herrn Strache mit der Kanzlerschaft betrauen. Ein Teil der ÖVP würde sicher mitgehen. Das wäre nicht nur wegen des Images im Ausland schlecht, ich möchte auch nicht in einem Land leben, in dem die Ideenwelt des Herrn Strache die Leitkultur wird. Der Hofer ist ja ein sehr geschickter Politiker, der sehr freundlich und sympathisch auftritt. Man soll mit Recht nicht die Nazi-Keule schwingen bei allen Hofer-Wählern. Aber wenn jemand sagt, dass Odin Wiesinger sein liebster Maler ist und mit der Kornblume herumläuft ...

Die Furche: Glaubt man aktuellen Umfragen, wird trotz allem eher Hofer in die Hofburg einziehen.

coudenhove-Kalergi: Erst einmal kommt die Stichwahl. Laut Verfassungsexperten hat sich der Verfassungsgerichtshof wohl ins Boxhorn jagen lassen von der FPÖ. Man muss die Gefahr eines Hofer-Sieges stärker aufzeigen. Viele Wähler haben wohl arglos einen netten, jungen Mann vom Land gewählt und sich gedacht: "Was brauchen wir den alten Professor aus der Großstadt?" Das heißt aber nicht, dass sie einen freiheitlichen Kanzler haben wollen.

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