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Solidarität! Aber wie?

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Am 1. Mal wird Solidarität besonders großgeschrieben. Was soll sie bewirken, um nicht zur bloßen Parole zu verkommen?

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Am 1. Mal wird Solidarität besonders großgeschrieben. Was soll sie bewirken, um nicht zur bloßen Parole zu verkommen?

Solidarität: es gibt wenige Wörter, die so häufig benutzt, beschworen und auch strapaziert werden wie dieses. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo Aufrufe stattfinden, sich mit irgendwem oder irgendwas zu solidarisieren: mit dem gestrauchelten Skispringer-Star Andi „Goldi" Goldberger - um das jüngste Beispiel zu nennen - aber auch immer wieder mit Arbeitslosen, Ausländern, Flüchtlingen, Frauen, mit Greenpeace usw. Aber auch gegen Umweltzerstörung, Tierversuche, Genmanipulation, drohende Islamisierung, Verlagerung von Betrieben ins billige Ausland usw. usw.

In vielen Appellen geht es aber nicht nur um irgendein Tagesanliegen, sondern um Grundsätzliches: Immer wieder ist die Bede davon, daß die Menschheit noch nie so schicksalsverbunden war wie heute angesichts der globalen Umweltzerstörung, angesichts von. Armut und Hunger in großen Teilen der Welt. Im Geist der Solidarität müsse die Entwicklung der Humanität und des Friedens in der Welt vorangetrieben werden. Im Gegenzug wird häufig die zunehmende Tendenz zur Entsolidarisie-rung in der Wohlstandsgesellschaft der reichen Industriestaaten beklagt.

Über die Ursachen dieser Solida-ritäts-Abbröckelung wurde schon viel geschrieben. Fest steht, daß es offensichtlich keine Balance mehr gibt zwischen Ich und Wir, viele Menschen hauptsächlich nur mehr nach ihrem persönlichen Nutzen streben, die Welt nur mehr unter dem eigenen Blickwinkel betrachten. Es wird immer weniger gefragt, was schulde ich dem anderen, meinem Mitmenschen, der Umwelt?

Die Kehrseiten der Entwicklung eines exzessiven Individualismus haben starke Vereinsamung, Sinn- und Orientierungsverlust gebracht. Auch hier wird das Prinzip der Solidarität als Gegenmittel gesehen, auf das man setzen muß.

„Warum Solidarität?" könnte nun jemand fragen. Gibt es darauf eine schlüssige Antwort? Im Grunde könnte die Antwort eigentlich nur lauten: „Solidarität, weil das etwas Gutes ist!" Ein gutes Wort. Eine Idee, die im Grunde keiner Begründung bedarf; sie begründet sich durch sich selbst.

Doch damit ist nicht alles gesagt. Denn der gute Klang des Wortes verleitet dazu, sich gar nicht mehr den Kopf zu zerbrechen, was denn damit eigentlich gemeint ist. Dieser Begriff ist so positiv besetzt, daß man ihn verwenden kann, wann und wie immer man will. Immer signalisiert er etwas Gutes. Und dagegen kann dann wohl niemand sein.

Aber das ist ein Irrtum. Denn dieser Begriff hat in Wirklichkeit viele Bedeutungen, er schillert zwischen verschiedenen Vorstellungen, Inhalten, Interpretationen, Positionen und Sichtweisen. Er wird für handfeste politische Ziele ebenso verwendet wieals Parole für ein Miteinander, aber auch gegen einen gemeinsamen Feind. Er beschäftigt Wissenschaftler, Sozialpsychologen ebenso wie Philosophen. In den siebziger und achtziger Jahren etwa befaßten sich sozialpsychologische Untersuchungen mit sozial erwünschten Verhaltensweisen und propagierten das „Lernziel Solidarität". Auch die Neue Linke in Europa glaubte an die „Fähigkeit zum solidarischen Handeln", die man erzieherisch fördern und beliebig vermehren könne. Solidarität ist aber auch längst - neben Freiheit und Gerechtigkeit - einer der verbindlich gewordenen „Grundwerte".

Wenn es sich doch um mehr als nur um eine beliebig nutzbare, wohlklingende Parole handelt - was ist Solidarität dann? Kann sie tatsächlich ein Produkt der Erziehung, der Selbstkultivierung sein, oder ist sie vielmehr eine Naturanlage, ein Trieb?

Ist sie ein „gesellschaftliches" oder primär eher doch nur ein „zwischenmenschliches" Phänomen? Gibt es die „solidarische Gesellschaft" als Denkmöglichkeit und Alternative zu antisolidarischen Gesellschaftsord -hungen? Ist „Solidarität" immer etwas Gutes? Oder ist sie ein „Mittel" zu etwas Gutem, „leistet" sie etwas? Was?

Das Nachdenken über Solidarität und die Erfahrung ihres Mangels hat jedenfalls eine existentielle Tiefendimension bekommen, die die Sehnsucht nach ihr geradezu als ein Hauptmotiv der Kultur- und Gesellschaftskritik erscheinen läßt.

Mehr denn je scheinen die Menschen heute an „Entfremdung" zu leiden, an der anonymen Gesellschaft und der mangelnden menschlichen Wärme außerhalb familiärer oder freundschaftlicher Beziehungen. Mehr denn je dürfen wir uns zwar selbst „verwirklichen", mehr denn je befassen wir uns auch mit uns selbst, und trotzdem fühlen wir uns irgendwie von der Welt im Stich gelassen; sie erscheint unmenschlich und fremd, aufgezwungen und dem Menschen irgendwie nicht „wesensgemäß". Die Menschen können oder dürfen sich nicht so geben, wie sie gerne sein Solidarität begreifen. Karl Marx, Max Scheler, Aristoteles, Talcott Parsons: 4 Wege zum Verständnis eines menschlichen Miteinander. Von Elfi Thiemer.

Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main 1996, möchten - nämlich „menschlich".

Miteinander in Beziehung zu treten heißt für viele, vorher eine „Maske" aufsetzen, eine Bolle spielen zu müssen. So wird schon im alltäglichen Umgang eine „Entfremdung" erfahren, die ein menschliches Miteinander behindert; also noch bevor es darum geht, sich anderen Solidaritätserfordernissen oder -appellen außerhalb der eigenen Lebenswelt zuzuwenden.

Auch auf internationaler Ebene wird der Mangel an Solidarität beklagt. Das „Spiel der Mächte", die Durchführung von Aggressionen oder die Drohung damit, überhaupt die „organisierte Friedlosigkeit" -wie das Dieter Senghaas einmal genannt hat -, all das sind Phänomene, die eine fundamentale, alles übergreifende Solidarität verhindern.

Auch der innergesellschaftliche und innenpolitische Machtkampf läßt doch so oft erkennen, daß es an einer „Kultur der Solidarität" mangelt.

Es gibt also vielfältige Rereiche, in denen Solidarität vermißt wird. Trotzdem hat man den Eindruck, hinter allen diesen Problemdiagnosen verbirgt sich ein ganz zentrales, existentielles Leiden des Menschen am Dasein.

Diese Erfahrung kann natürlich aber nur dann ins Bewußtsein rücken und zum Anstoß des Unbehagens und Fragens werden, wenn es das Bewußtsein gibt, daß es auch anders sein könnte - und sollte.

Auf den Seiten 14 und 16 wird anhand von Beispielen aus der politi sehen Ideengeschichte dargelegt, daß Solidarität ganz unterschiedlich begriffen werden kann. Und daß daher auch die Vorstellungen und Erwartungen, die daran geknüpft werden, ganz unterschiedlich sind.

Denn was Solidarität ist oder sein kann, hängt nämlich immer auch mit einem ganz bestimmten Gesell-Schafts- und Menschenbild zusammen ...

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