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"Sommerloch beim Frauenhandel"

Mindestens 150 Frauen aus der Karibik hat ein St. Pöltner an heimische Bordelle vermittelt. Am Wochenende ist der Frauenhändlerring aufgeflogen. Der Vorfall bestätigt, dass Österreicher beim Frauenhandel im Land den Ton angeben. Ein Riesenvorteil, meint Gerald Tatzgern, der Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung von Menschenhandel und Schlepperkriminalität.

Die Furche: Am letzten Wochenende ist ein Frauenhändlerring in Niederösterreich aufgeflogen. Ein Zeichen, dass die Polizei in Österreich diese Art der Kriminalität im Griff hat?

Gerald Tatzgern: Frauenhandel ist ein gleichbleibend hohes Betätigungsfeld. Aber wir haben diesen Bereich relativ gut unter Kontrolle. Denn hier zu Lande sind es nach wie vor die Österreicher, die in diesem Geschäft den Ton angeben. Das ist nicht so, wie viele immer glauben, dass da die Russen oder andere den Markt beherrschen. Zu 90 Prozent stehen Inländer im Vordergrund.

Die Furche: Worin liegt der Vorteil für die Polizei, wenn ein Österreicher diese Frauen der Prostitution zuführt?

Tatzgern: Der Österreicher ist stabil im Lande. Das ist sehr, sehr gut. Daher können wir ihn besser und leichter unter Kontrolle halten und Ermittlungen tätigen, als wenn er beispielsweise von der Ukraine aus arbeitet.

Die Furche: Wieviele Frauen sind im Land von Frauenhandel betroffen?

Tatzgern: Schätzungen sind extrem schwierig. Offiziell gibt es in Österreich rund 3.000 Prostituierte. Wir schätzen die Zahl der tatsächlich in diesem Bereich arbeitenden Frauen aber auf doppelt so hoch. Und die Hälfte davon, also wiederum etwa 3.000, dürfte illegal im Land sein - was nicht heißt, dass alle von ihnen Opfer von Menschenhandel sind.

Die Furche: Konzentriert sich dieser Markt auf Wien.

Tatzgern: Absolut, 40 Prozent aller Fälle spielen sich in Wien ab. Aber auch die Steiermark wird zunehmend zu einem Umschlagplatz für gehandelte Frauen. Wobei sich der Frauenhandel ja nach Angebot und Nachfrage und saisonalen Schwankungen richtet. Zu Weihnachten ist mehr Geschäft, im Sommer gibt es wiederum ein Sommerloch. Deswegen sind die Frauen oft auch nur ganz kurz, ein, zwei Wochen im Land.

Die Furche: Wie geraten Frauen in die Hände von Frauenhändlern?

Tatzgern: Die Vorstellung, die Frauen würden entführt und der Prostitution zugeführt, ist fast immer falsch. Es geht eher stückchenweise. Viele werden als Putzfrauen oder Haushaltshilfen angeworben. Und als solche arbeiten sie zuerst. Dann werden sie gebeten, in diesem oder jenem Etablissement hinter der Bar auszuhelfen. Und wenn das gut geht, werden sie zum Tanzen animiert oder dass sie ein bisserl nett zu den Herren sind... Ab einem gewissen Zeitpunkt wird es echt haarig.

Die Furche: Haben die Frauen da noch die Chance auszusteigen?

Tatzgern: Da gibt es zwei Typen: Manche Damen nehmen das Geschäft der Prostitution in Kauf, weil sie dabei viel Geld wittern. Andere möchten aussteigen. Und bei denen wird dann schon Druck und Zwang ausgeübt.

Die Furche: Welche Drohungen sind Ihnen da bekannt?

Tatzgern: Neben Gewaltandrohungen wird den Frauen in Aussicht gestellt, dass man in ihrer Heimat über ihr Prostituiertenleben erzählt: "Dann kommt Schande über dich!" Oder sie setzen die Frauen unter Druck, indem man ihnen droht, der Familie zu Hause etwas anzutun.

Die Furche: Können die Frauen in dieser Situation ausreichend Schutz und Hilfe von der Polizei erhoffen?

Tatzgern: Diese Frauen kommen nur ungern zur Polizei, weil sie wissen, dass wir ihnen nur bedingten Schutz geben können. Aber wir haben auch gesetzliche Normen, an die wir uns halten müssen. Wenn eine Frau als Zeugin aussagt, können wir ersuchen, dass sie länger in Österreich bleiben darf. Aber irgendwann hört diese Frist auf, und sie muss zurück. Das wissen die Damen. Und vor der Rückkehr haben sie große Angst, denn der, den sie verpfeifen, findet sie dort auch nach zwei, drei Jahren noch.

Die Furche: Hat Österreich also keinen ausreichenden Zeugenschutz?

Tatzgern: Unser Zeugenschutzprogramm ist auf Grund der hohen Qualität sehr teuer. Der oder die Betroffene ist wirklich vom Erdboden verschwunden: neues Leben, neue Identität. Sie können sich vorstellen, was das kostet. Da kann man nicht 200 Fälle im Jahr machen, sondern wir müssen uns oft schweren Herzens die wichtigsten herauspicken.

Die Furche: Von woher kommen die gehandelten Frauen?

Tatzgern: Afrikanerinnen oder Frauen aus Lateinamerika kommen über die westliche Route: über Spanien, Frankreich. Die meisten der Frauen kommen jedoch aus dem Osten. Vor allem aus Bulgarien, aber auch aus Rumänien, der Ukraine und aus Russland.

Die Furche: Wie kommt die Polizei den Frauenhändlern auf die Spur?

Tatzgern: Das übliche Spiel. Die Konkurrenz ist sehr groß. Der eine verpfeift den anderen, weil er ihm ins Geschäft pfuscht. Der macht das nicht aus Samaritertum, sondern weil er die Konkurrenz ausschalten will. Dann haben wir Informanten, die sich in dem Milieu bewegen, bis hin zu ein- geschleusten verdeckten Ermittlern. Nur, unsere Verdächtigen werden leider immer schlauer.

Die Furche: Durchschnittlich werden in Österreich jedes Jahr zehn bis zwölf Verurteilungen wegen Menschenhandels ausgesprochen. Ist diese Zahl ausreichend?

Tatzgern: Zehn Verurteilungen in ganz Österreich sind ein Witz. Aber auch im Schlepperwesen gibt es nicht viele Verurteilungen. Diese Bereiche sind so eng mit der organisierten Kriminalität verbunden, dass es meistens schlussendlich unter diesem Titel zu Verurteilungen kommt.

Die Furche: Das heißt, es werden mehr Frauenhändler als die offiziellen zehn verurteilt, sie scheinen nur unter einem anderen Vergehen auf?

Tatzgern: Mir persönlich ist es ja egal, warum der oder der verurteilt wird. Wenn ein Staatsanwalt sagt, er klagt diesen oder jenen in ganz anderen Punkten an, ist das genauso gut.

Die Furche: Weswegen werden Frauenhändler dann oft verurteilt?

Tatzgern: Wir schnappen ihn da, wo er zu schnappen ist. Egal, ob er Dokumente fälscht, Autos verschiebt oder Schutzgelder erpresst. Daneben ist vielleicht noch "Gift" im Spiel - wenn er den Damen Drogen verabreicht, damit er sie leichter der Prostitution zuführen kann - dann gibt es die Hauptanklage wegen Drogenbesitzes oder Drogenhandels. Hauptsache ist, er kriegt seine rechtskräftige Verurteilung.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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