dadiwank - © APA / AFP / Alexander Nemenov - Armenische Soldaten gedenken am 14. November der Gefallenen im Kloster Dadiwank, das am 15. November unter aserbaidschanische Kontrolle übergeben wurde.

Sorge um die Christen in Karabach

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Der Krieg um Berg-Karabach ist verloren. Armenische Christen verlassen die Gebiete, die im Waffenstillstand vom 9. November Aserbaidschan zugesprochen wurden. Die armenisch-apostolische Kirche unterstützte auch den militärischen Kampf der Armenier. Eine persönliche Analyse.

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Der Krieg um Berg-Karabach ist verloren. Armenische Christen verlassen die Gebiete, die im Waffenstillstand vom 9. November Aserbaidschan zugesprochen wurden. Die armenisch-apostolische Kirche unterstützte auch den militärischen Kampf der Armenier. Eine persönliche Analyse.

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"Es ist schwer, sehr schwer, die Lage ist ernst“, sagt der armenische Katholikos Karekin II. mit bewegter, doch gleichzeitig ruhiger Stimme und müdem, traurigem Blick. Es ist ein heißer Spätherbsttag in Edschmiatsin, der elfte Tag des Krieges. Dessen Bilanz ist bereits erschreckend. Genau elf Tage davor, just am Tag der Kriegserklärung Armeniens und Karabachs an Aserbaidschan, war ich dem armenischen Kirchenoberhaupt schon im Flugzeug von Wien nach Jerewan begegnet. Auch damals war sein Blick
müde, er hatte seinen Aufenthalt bei Papst Franziskus in Rom aufgrund des Kriegsausbruchs unterbrochen, aber es lag noch Hoffnung in seinen Augen.

In seiner letzten Ansprache ans armenische Volk, am 10. November, ist sein Blick düsterer geworden, der übereilte Waffenstillstandsvertrag am 10. November hat ihn, wie auch das ganze armenische Volk, getroffen. Karabach ist verloren. Es droht ein Exodus aus den zuvor armenisch besiedelten und jetzt wieder an Aserbaidschan abzutretenden Gebieten, und die Angst vor einer Zerstörung der jahrhundertealten christlichen Kulturdenkmäler geht um.

Östlichstes Zentrum des Christentums

Denn Karabach war nach seiner frühen Christianisierung im 4. Jahrhundert jahrhundertelang das östlichste Zentrum des armenischen Christentums. Trotz wiederkehrender Herrschaftswechsel konnte die
Kirche eine relativ autonome Stellung bewahren und diese sogar nach der
russischen Eroberung Karabachs 1805 bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen: um 1914 zählte man dort noch 222 Kirchen und Klöster und 188 Geistliche.

Gerade im 19. Jahrhundert galt die armenische Kirche in Karabach als wahre Drehscheibe religiösen und kulturellen Lebens. Aus dieser Zeit, 1868, stammt auch die Erlöserkathedrale von Schuschi, bis heute Sitz der Diözese Karabach.

Genau dieses Herz der armenischen Kirche wurde am 8. Oktober 2020 von Bomben getroffen. Und erst unlängst, am 14. November, nach bereits unterzeichnetem Waffenstillstand von aserbaidschanischen Vandalen mit Graffiti beschmiert.

Das war kein religiöser Krieg. Dieser Krieg wurde weder durch religiöse Konflikte ausgelöst noch angefacht, obgleich mit zunehmender Dauer des Krieges religiöse Symbolik und Gefühle mehr als nur periphere Aspekte einer ethnisch-territorialen Auseinandersetzung wurden. Die Rolle der armenisch-apostolischen Kirche und ihres Klerus bei diesem Krieg, wie auch bei allen vorangehenden, ist nicht abzuweisen. Wie auch im ersten Karabach-Krieg (1988–94) sind die Gefühle durch eine besondere Form religiösen Bewusstseins, eines religiösen Nationalismus quasi, geschürt worden. Dieser war in den 1990er Jahren, nach 70 Jahren sowjetisch-
atheistischer Indoktrination, durch ein gerade wieder erwachtes religiöses Leben und eine erstarkende armenische Kirche getragen.

Wie häufig in der armenischen Geschichte galt die Kirche als Bewahrerin
und Beschützerin des Armeniertums, ein Fakt, dem sogar in der späteren Verfassung der Republik Armenien Rechnung getragen wurde. Die Kirche, die aufgrund fehlender Ressourcen Ende der neunziger Jahre humanitär wenig ausrichten konnte, sah sich in der Rolle des spirituellen und politischen Führers der vom sowjetischen Joch befreiten armenischen Nation. Im Sog der Karabachbewegung 1988 gelang es dem damaligen Katholikos Wasgen I. Paltschjan, aus einer nationalen Befreiungsbewegung auch eine Bewegung zur Wiederbelebung der Diözese Karabach zu machen. Schon einige Jahre vor der Auflösung der Sowjetunion entschieden die sowjetischen Behörden in Moskau, in
Karabach Religionsfreiheit zu garantieren und die Klöster Gandsassar und Amaras wieder zu öffnen. Bereits im November 1988 wurde Erzbischof Pargew Martirosjan zum Primas von Karabach ernannt.

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