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Sozialbericht im Schatten

Es hätte ein starker Paukenschlag werden sollen und einer lange und hervorragend vorbereiteten Publikation eine große öffentliche Resonanz geben. Doch der Terror vom 11. September stellte ein historisches Ereignis in Österreich in den Schatten, das weltweit ohne Beispiel ist: Die Präsentation des "Sozialberichts" im Rahmen des Projekts "Sozialwort - Eine Initiative der christlichen Kirchen in Österreich" am Tag danach.

Der Einblick, den dieser Bericht, in die soziale Realität in Österreich gibt, ist bedrückend. Ein Lichtblick ist, wie hier die Menschenfreundlichkeit Gottes in der sozialen Praxis der vierzehn Kirchen westlicher und östlicher Tradition in Österreich vielfältig sichtbar wird. Doch der Bericht ist keine Selbstbeweihräucherung kirchlichen Engagements im sozialen Bereich, sondern es wird auch der Schatten beschrieben, den die Kirchen hier aus unterschiedlichen Gründen selbst werfen, und wovon dieses Engagement bedroht ist. Die Konfrontation mit der Vielfalt christlicher Einrichtungen, Initiativen und Ideen wirkt motivierend und regt an, das persönliche und gemeindliche soziale Engagement kritisch zu befragen.

Aber der Sozialbericht macht auch deutlich: Gerade die offensichtliche Nähe der Kirchen und ihrer Mitglieder zur sozialen Realität in Österreich verpflichtet sie, Anwälte der Armen und an den Rand Gedrängten in der öffentlichen, politischen Auseinandersetzung zu sein. Die Klostersuppe ist kein Ersatz für das notwendige Ringen um eine Menschen würdigende Politik.

Der "Sozialbericht" ist für alle - in aber auch außerhalb der Kirchen - eine anregende Lektüre, wie besonders die ersten Stellungnahmen der Sozialsprecher der Parteien zeigen. Nur FP-Sozialsprecher Gaugg schweigt. Für den Diskussionsprozess am Weg zum gemeinsamen Sozialwort der Kirchen wäre eine breite Auseinandersetzung mit dem "Sozialbericht" wichtig. Zu Beziehen: www.sozialwort.at

Martin Jäggle ist Professor an der Religions-pädagogischen Akademie Wien und Autor von Religionsbüchern. Zusätzlich engagiert er sich in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit.

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