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Soziales Gewissen

die furche: Vor 110 Jahren hat Papst Leo XIII. mit seiner Enzyklika "Rerum novarum" die katholische Soziallehre begründet. Wieso braucht die Kirche eine eigene Sozialdoktrin?

Bischof Maximilian Aichern: Unser Herr Jesus Christus hat den Willen Gottes in seinem Heimatland kundgetan, und Augen- und Ohrenzeugen haben es weitererzählt und aufgeschrieben. Das ist uns als Wort Gottes im Neuen Testament überliefert. Es geht um Gott, aber es geht genauso um den Menschen und seine Würde, und es geht um die Schöpfung, dass wir sie in richtiger Weise nützen: Aus dieser Sicht heraus ist die christliche Soziallehre entwickelt. Mehrere Päpste haben in Aussagen zu diesem Themenkreis Bezug genommen, der erste Papst, der eine Soziallehre aus dem Geist des Evangeliums entwickelt hat, war Leo XIII. mit "Rerum novarum" 1891: Diese Enzyklika ist vor allem durch österreichische Sozialethiker - etwa Karl von Vogelsang - vorbereitet worden. Auch die folgenden Päpste - Pius XI., Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI. - und vor allem der jetzige Papst haben die katholische Soziallehre mit ihren Prinzipien der Solidarität und Subsidiarität zu einem gewichtigen Standbein in der Kirche gemacht.

die furche: Fast zweitausend Jahre - bis 1891 - ist die katholische Kirche aber ohne eigene Soziallehre ausgekommen.

Aichern: Die Kirche ist ohne theoretische Soziallehre ausgekommen. Die praktische Tat aus dem Glauben, die Hilfe für den Mitmenschen ist sehr wohl immer wieder geschehen. Wenn man etwa denkt an die Gründung von Hospizen für Reisende, an Spitäler oder Schulen: Schon dadurch ist eine "Soziallehre" praktisch verwirklicht worden. Auch Taten einzelner Bischöfe, Priester und engagierter Laien für arbeitende Menschen sprechen in der Geschichte davon. Und heute wird den Mahnungen der Kirche zu sozialen Fragen durchaus Aufmerksamkeit gewidmet. In letzter Zeit haben sich etwa die österreichischen Bischöfe zu den Ausländergesetzen gemeldet, zur Euthanasie, zur EU-Erweiterung, zur Armut in Österreich. Kirche muss vom Evangelium her ganz sicherlich soziales Gewissen sein.

die furche: Es gibt ja auch eine "österreichische" katholische Soziallehre, die - unter anderem - in Sozialhirtenbriefen niedergeschrieben steht, der letzte bekanntlich aus1990. Was ist das Spezifische an dieser Soziallehre?

Aichern: Die Sozialhirtenbriefe der österreichischen Bischöfe - auch der von 1990 - nehmen vor allem österreichische Situationen auf. Es wird aber nicht Tagespolitik getrieben, sondern es geht um allgemeine ethische Orientierungen, wobei auch zu einer Reihe von Einzelfragen Bezug genommen wird. Ich möchte aber dazusagen, nicht nur Papst und Bischöfe, sondern die Caritas in unserem Land, die Katholische Aktion, die Katholische Arbeitnehmerbewegung, einzelne Priester, Gemeinden, Theologen haben immer wieder aus dem Geist der Bibel Erklärungen in Sozialfragen abgegeben.

die furche: Das, was die Kirche sagt, wird aber immer weniger gehört. So setzen sich die österreichischen Bischöfe - und mit ihnen die große Mehrheit der Katholiken - für die Erhaltung des freien Sonntags ein. Man spürt dennoch, dass das Abbröckeln in dieser Frage weitergeht: Hat die katholische Soziallehre überhaupt noch eine Wirkung?

Aichern: Die Dokumente der katholischen Soziallehre sind "Langzeitdokumente". Da kann es inzwischen in der Gesellschaft die eine und die andere Krise geben. Was die Sonntagsarbeit betrifft: Natürlich müssen viele Menschen am Sonntag arbeiten, damit andere feiern und sich erholen können, auch Kranke müssen gepflegt werden, für Notfälle muss vorgesorgt sein. Aber wir sollen das nicht ausweiten. Das dritte Gebot Gottes: "Du sollst den Tag des Herrn heiligen", ist das älteste Sozialgesetz der Welt: Nicht nur die bestimmenden Kreise des Volkes Israel, sondern auch die Sklaven rasteten am Sabbat. Im Christentum ist das auf den Sonntag übergegangen, der als Tag gemeinsamer Ruhe gilt - aus religiösen, familiären Gründen, persönlichen und gesundheitlichen Gründen. Aber auch aus kulturellen Gründen: Denn auch gute Freizeitbeschäftigung ist von allergrößter Bedeutung. Es haben schon mehrmals in der Geschichte Diktatoren versucht - etwa Napoleon oder Stalin -, diesen Rhythmus - sechs Tage Arbeit, ein Tag Ruhe - zu ändern. Das war einige Jahre in Kraft, aber die Menschen haben das nicht durchgehalten. Der biblisch gegebene Rhythmus ist wohl angemessener. So darf man ihn auch heute verteidigen. Die Kirche wird das immer tun, auch wenn dagegen gehandelt wird. Von der katholischen Kirche Österreichs geschieht hierbei auf vielfältige Art und Weise Bewusstseinsbildung. Wir sind auch dabei, die Politiker zu bitten, den arbeitsfreien Sonntag in den einzelnen Landesverfassungen festzuschreiben, und wir wollen, dass dies auch in der Bundesverfassung verankert wird.

die furche: Hat die Kirche hier Mitstreiter?

Aichern: Sehr viele: Die Arbeitnehmervertretungen - Gewerkschaften, Arbeiterkammern - sind zu einem sehr beachtlichen Teil Verbündete. Aber auch in den Arbeitskreisen "Kirche und Wirtschaft", in denen ich mit Unternehmern zusammentreffe, habe ich immer wieder erfahren, dass der Sonntag wirklich als gemeinsamer Ruhetag aller gesehen wird. Vor einigen Monaten gab es in Brüssel ein Gespräch christlicher Unternehmer der EU-Länder mit Bischöfen und Theologen, und da war für mich sehr beeindruckend, dass einhellig der Wille da war, zum Sonntag zu stehen.

die furche: Kommt es bei den sozialen Fragen zum Schulterschluss mit der - traditionell als links eingeschätzten - Arbeiterschaft und deren Vertretern?

Aichern: Das kann durchaus sein, weil es um eine Reihe von Werten geht, die uns in unserer Gesellschaft allen gemeinsam sind. Das bedeutet aber keineswegs eine "wirtschaftsfeindliche" Haltung: Wirtschaft muss gefördert werden, denn sie gehört zum Leben des Menschen, und wir brauchen Produkte für die Gestaltung unseres Lebens. Doch gilt es immer wieder, auf die Würde der Menschen aufmerksam zu machen.

die furche: Die Katholische Soziallehre ging anfangs von einer bestimmten wirtschaftlich-politischen Situation aus. Da waren die Unternehmer, die ihre Arbeiter besser oder schlecht behandelten. Die ersten Sozialenzykliken haben sich auch mit diesem Verhältnis auseinandergesetzt. Heute ist die Lage anders: Den "Unternehmer" gibt es oft nicht mehr, Gesellschaften mit anonymen Eigentümern, Aktionären et cetera, sind an ihre Stelle getreten. Auch der "Arbeitnehmer" sieht sich einem fundamentalen Wandel gegenüber. Ist damit die traditionelle Soziallehre obsolet?

Aichern: Die Soziallehre bleibt, weil sie sich am Geist des Evangeliums orientiert. Auch wenn die "Chefitäten" andere sind, werden die Kirchen nicht müde werden, die Rechte der arbeiten den Menschen und das, was ihnen zum Leben hilft, einzumahnen.

die furche: Viele soziale Errungenschaften, die Arbeitnehmervertretungen in den letzten 100 Jahren erreicht haben, stehen zur Zeit auf dem Spiel.

Aichern: Auch hier gilt: Es ist Aufgabe der Kirchen, darauf aufmerksam zu machen, was dem Menschen gut tut und seiner Würde entspricht.

die furche: Sie sprechen von "Kirchen". Ist die Soziallehre ein ökumenisches Anliegen?

Aichern: Vor elf Jahren haben die katholischen Bischöfe den Sozialhirtenbrief geschrieben. Mit fortschreitender ökumenischer Gesinnung gehen wir in Österreich soziale Aufgaben auch ökumenisch gemeinsam an. Im Übrigen fordert uns Katholiken ja der Papst immer wieder auf, das gemeinsam zu tun.

die furche: Sind sich aber die Kirchen in den Sozialfragen einig? Haben die orthodoxen Kirchen oder die Evangelischen hier den gleichen Zugang wie die Katholiken?

Aichern: In der helfenden Tat am Menschen haben sich immer alle Kirchen engagiert, so ist es uns ja vom Evangelium her aufgetragen. Aber bei soviel Not - in Europa, in den anderen Erdteilen - ist allen Kirchen das viel stärker bewusst geworden. Und deswegen gibt es in allen Kirchen praktische Sozialarbeit. Unser ökumenisches Wollen und unsere praktische Zusammenarbeit ist so stark, dass wir hier auch gemeinsame theologische Formulierungen finden können.

die furche: Sie sind also überzeugt: Das Ökumenische Sozialwort der Kirchen wird es in Österreich geben.

Aichern: Ja. Die Vorbereitung des Ökumenischen Sozialwortes ist gewiss mehr als eine Aktualisierung des Sozialhirtenbriefes der katholischen Bischöfe: Denn die anderen christlichen Kirchen denken jetzt mit und beziehen ihre bisherige Sozialarbeit mit ein. Es zeichnen sich schon einige Herausforderungen für die Kirchen ab: die Frage nach der Arbeit der Zukunft und nach der Zukunft der Arbeit, der Umgang mit den Fremden, die Haftung der Generationen, die Frauenfrage, die Bildung, die Entwicklungszusammenarbeit - um nur einige zu nennen.

die furche: In den letzten Wochen ist die Diskussion über ein Grundeinkommen wieder aufgeflammt. Kann man ein solches Modell aus der katholischen Soziallehre ableiten?

Aichern: Aus den Grundsätzen der katholischen Soziallehre lässt sich auch das Modell eines Grundeinkommens ableiten. In jedem Land ist die soziale Situation eine andere; man muss daher im Licht der konkreten Situation entscheiden, ob ein solches Modell den Forderungen der Soziallehre am besten gerecht wird. Als die österreichischen Bischöfe 1990 den Sozialhirtenbrief verfasst haben, wurde die Frage eines Grundeinkommens sehr kontrovers diskutiert. Deshalb haben wir sie auch nicht in den Sozialhirtenbrief aufgenommen. Ein Jahrzehnt später hingegen sprechen sich auch Politiker für derartige Modelle öffentlich aus. Freilich bedarf es hier intensiven Weiterdenkens.

die furche: Katholische Soziallehre wird zumeist in Bezug auf die Welt der Lohnarbeit gesehen. Was ist aber mit der Landwirtschaft: Müsste eine christliche Soziallehre sich nicht gerade in Zeiten von BSE und Maul- und Klauenseuche sich besonders um diesen Wirtschaftszweig annehmen?

Aichern: Das ist sehr wichtig. Die katholische Kirche Österreichs und auch der Papst haben sehr wohl zu Fragen der Landwirtschaft Stellung bezogen. Der bäuerliche Berufsstand ist einer der ältesten und hat seine Bedeutung als Produzent von guten, menschenentsprechenden Nahrungsmitteln und als Pfleger der Natur. Durch heutige Wirtschaftspraktiken ist das Bild einer landwirtschaftlichen Industrie in die Welt gebracht worden. Dieses ist nicht zuletzt im Bereich der EU in größere Schwierigkeiten gekommen. Ich bin aber der Überzeugung, dass es von uns Konsumenten abhängig sein wird, wie sich die Landwirtschaft weiter entwickelt. Die EU oder die Regierungen können wohl einiges tun, um den Bauern zu helfen, das meiste aber liegt doch an uns Konsumenten - etwa ob wir gerechte Preise bezahlen für "natürliche" Produkte.

die furche: Die katholische Soziallehre sollte auch für die Kirche selbst gelten. Kirche ist ja auch Arbeitgeberin. Beachtet sie da ihre eigenen Grundsätze genügend?

Aichern: Das ist immer ein Versuch - und kann manchmal zu kurz kommen. Was die Kirche verkündet - dazu muss sie auch selber stehen. Es ist ihre Verpflichtung, für Gerechtigkeit und für soziale Art im eigenen Arbeitsbereich einzutreten. Es ist noch gar nicht lange selbstverständlich, hierbei von legitimen Interessen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu sprechen. Im Gegenteil: Als "Tendenzbetrieb" ging die Kirche häufig davon aus, dass alle in ihr Tätigen Mitglieder der Kirche und von daher im Gewissen zu ihrer Arbeit verpflichtet sind. Wir wissen heute aber, dass dies nicht angemessen ist für die Entwicklung von Arbeitsverhältnissen, denn auch in der Kirche gibt es Interessenlagen und notwendige Konflikte: Es ist allemal friedlicher und dem Geist der Soziallehre entsprechend, diese in einer geregelten Weise auszutragen. Wenn die derzeitgen Finanzperspektiven die Kirche zwingen, eigene Betriebe umzugestalten und umzuschichten, dann muss sie für die Menschen sozial weitersorgen - an einem anderen Arbeitsplatz oder in einer Art und Weise, wie es zusammen mit den Personalvertretern in den kirchlichen Betrieben erarbeitet wird. Insbesondere muss die Kirche in diesen Fällen zeigen, dass es für sie nicht nur eine Sachebene gibt, sondern dass wirklich der Mensch im Vordergrund und im Mittelpunkt steht. Auf jeden Fall ist eine noch stärkere "Durchsichtigkeit" der Vorgänge und Entscheidungen notwendig.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

Zur Person: Der Sozialbischof Das Engagement für Fragen der Arbeitswelt war dem Linzer Bischof Maximilian Aichern in die Wiege gelegt: 1932 in Wien als Spross eines Fleischermeisters geboren erlernte er den Beruf des Vaters und arbeitete im elterlichen Betrieb mit. 26-jährig wurde Aichern als Benediktiner des Stiftes St. Lambrecht zum Priester geweiht; bereits fünf Jahre später wählten ihn die Mitbrüder zum Abt-Koadjutor, bis zu seiner Berufung zum Bischof von Linz 1982 leitete er das steirische Benediktinerstift. Auch in der Diözese Linz, mit ihren vom Strukturwandel betroffenen Industriegebieten, ist Aichern mit vielen sozialen Problemen konfrontiert. In der Bischofskonferenz profilierte er sich als Mahner und Anwalt in sozialen Fragen. Aichern war federführend am Sozialhirtenbrief 1990 beteiligt, er ist auch der oberste katholische Zuständige für das geplante Sozialwort der Kirchen Österreichs. ofri Materialien zum Thema: Projekt Sozialwort Alle wichtigen Informationen gibt es im Internet unter: www.sozialwort.at - darunter: * Projektbeschreibung * Beteiligungsmöglichkeit * Terminkalender * Bestellmöglichkeit für den Sozialwort-Newsletter (sowie Newsletter-Archiv) * Vorstellung der vierzehn beteiligten Kirchen * Liste und Vorstellung von sozialen Initiativen/Einrichtungen, die sich an der "Standortbestimmung" beteiligt haben * Kontakte zu den Kirchen

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