Später Streit um Geschichtsschreibung

Der Zeithistoriker Gerhard Botz kritisierte in einem vorige Woche veröffentlichten FURCHE-Interview die von Hugo Portisch verantworteten ORF-Produktionen Österreich I und II. Diese TV-Serien seien zu erzählend und zu wenig problematisierend angelegt. Portisch habe dafür Historiker "eingekauft“. Nun antwortet einer von ihnen, Manfried Rauchensteiner.

Im FURCHE-Interview, welches der Journalist und Historiker Stefan Müller führte, kritisierte der Zeithistoriker Gerhard Botz die Aufarbeitung der Geschichte der Ersten und der Zweiten Republik durch Hugo Portisch in den TV-Serien Österreich I und Österreich II. Weil Portisch dieses "Monsterprojekt“, so Botz, machen konnte, habe "er sozusagen eine für beide damals noch großen politischen Lager akzeptable Geschichtserzählung konstruieren können“. Dies sei eine deskriptive, erzählende Politikgeschichte. Es sei aber, so Botz weiter, "nicht vertretbar“, dass Hugo Portisch als "Geschichtsvater der Nation“ gelte. Geschichte habe immer eine "problematisierende Dimension, die so wegfällt“. Welche Rolle die Zeitgeschichtler gespielt hätten? Portisch habe sich manche als Berater "eingekauft“, sagt Botz. Das hat erwartbaren Widerspruch ausgelöst - und die Debatte ist eine vielleicht fällige Aufarbeitung der Geschichtsaufarbeitung, die so, wie sie Hugo Portisch und das Team gestalteten, überfällig, korrekt und verständlich, also heilsam war. (Claus Reitan)

Lieber Herr Botz!

Als einer, der sich von Hugo Portisch hat "einkaufen“ lassen, ist es mir ein selbstverständliches Bedürfnis, Ihnen auf Ihr Interview für die FURCHE Contra zu bieten. Daran merken Sie wohl, dass ich weder zu feig noch zu träge bin, geschweige denn zu rücksichtsvoll, um Stellung zu beziehen.

Sie haben in dem Interview mit Stefan Müller - im Übrigen einer meiner Schüler, der bei mir eine sehr gute, ebenso analytische wie erzählende Dissertation geschrieben hat - viel Richtiges gesagt, sind sich dabei auch insofern treu geblieben, als Sie Ihre Position als unerschütterlich und demgemäß richtig darstellen. Sie legen auch zurecht den Finger auf eine wunde Stelle, wenn Sie beklagen, dass es häufig nicht gelingt, Wissen gut zu präsentieren. Das ist freilich nicht nur ein Problem der Geisteswissenschaften. Im Bereich der Naturwissenschaften - um eine andere Disziplin herauszugreifen - macht es freilich weniger aus, wenn Wissen nicht gut präsentiert wird. Sollten die Ergebnisse haltbare Erkenntnisse sein, dann münden sie in der Anwendung. Bei den Geisteswissenschaften ist das oft nicht der Fall. Und häufig sind ihre Vertreter selbst daran schuld.

Es ist unvermeidlich, dass viele Ergebnisse der Forschung keine entsprechende Öffentlichkeit finden. Ich nehme an, dass viele der bei Ihnen geschriebenen Dissertationen und Diplomarbeiten unpubliziert geblieben sind. (Im Übrigen: Stephan Müllers Dissertation wurde publiziert, und dennoch werden sie die meisten Historiker nicht kennen). Nichtsdestoweniger fließen die Ergebnisse in andere Projekte ein. Der Unterschied zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften liegt aber darin, dass - um ein Bonmot von Fritz Fellner zu verwenden - Menschen, die technische Neuerungen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse von einiger Relevanz nicht rezipieren, in Kürze als Trotteln dastehen, während es z. B. immer noch unproblematisch ist, wenn auch Bundeskanzler und Regierungsmitglieder Grundzüge der österreichischen Zeitgeschichte ignorieren und nicht imstande sind, den Staatsvertrag von 1955 und das Verfassungsgesetz über die immerwährende Neutralität auseinanderzuhalten. Sie sind dennoch ehrenwerte Damen und Herren. (Namen sind dem Schreiber dieser Zeilen bekannt). Und das trotz Hugo Portisch!!

Sie sehen einen Gegensatz zwischen "analytisch, deskriptiv“ und "narrativ“. Ich kann Ihnen da nicht folgen, denn für mich ist das kein Gegensatz. Und es ist eine auf einem deutschen Historikertag schon vor vielen Jahren artikulierte Binsenweisheit, dass Historiker, Geisteswissenschaftler, häufig selbst schuld sind, dass man ihre Arbeiten nicht zur Kenntnis nimmt, weil sie ein Kauderwelsch schreiben, durch das sich durchzukämpfen nur wenige bereit sind. Es sollte klar sein, dass die Erarbeitung von Erkenntnissen eine Methode erfordert. Doch wenn man die Ergebnisse präsentieren und damit mehr als zehn Fachkollegen erreichen will, dann sollte man sich eines Stils befleißigen, der auch für jene verständlich ist, die nicht "vom Fach“ sind.

Es ging um ein Anliegen

Analytisch deskriptiv gilt für die Methode der Forschung. Die Ergebnisse allgemein verständlich mitzuteilen, erzählerisch zu werden, entscheidet über die Chance der Verbreitung. Und ganz unter uns: Eine gar nicht so kleine Zahl unserer Kollegen kann sich weder verständlich ausdrücken noch einigermaßen gerade Sätze bauen (von der Orthografie ganz zu schweigen).

Ich habe es nicht nur im Fall von Hugo Portisch begrüßt, wenn meine eigenen Arbeiten, bei denen ich mich ohnedies um Verständlichkeit bemüht habe, eine Art mediale Übersetzung gefunden haben. Es ist für viele Menschen auch eine kostengünstigere Art, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen oder sie auch nur schlicht als interessant zu empfinden, wenn sie es im Rahmen des Fernsehtarifs angeboten bekommen, als sich Bücher zu kaufen, deren Preise oft jenseits von unverschämt angesiedelt sind. In diesem Punkt würde ich Ihre Aussagen noch verstärken wollen: Wenn Journalisten hergehen und Ergebnisse jahrelanger Forschung schlicht exzerpieren, plagiieren und dann unter ihrem (bekannten) Namen publizieren, dann ist das ein skandalöser Diebstahl von geistigem Eigentum. Wenn ich aber gebeten werde, Ergebnisse meiner Forschung einzubringen, um sie medial aufzubereiten, dann ist das in meinen Augen eine Publikationsmöglichkeit, die mir besonders sinnvoll erscheint.

Ich habe mich von Hugo Portisch "einkaufen“ lassen, hatte aber nie das Gefühl, käuflich zu sein. Dasselbe nehme ich von jenen an, die ebenso an Portischs großen Fernsehserien, denen man angesichts des derzeitigen medialen Crashkurses nur nachweinen kann, mitgearbeitet haben. Ich habe mich ebenso "einkaufen“ lassen wie Ihre Vorgängerin im Institut für Zeitgeschichte und Ihr Nachfolger sowie eine ganze Latte von bekannten Historikern, denen es ein Anliegen war, die Sendungen möglichst gut, inhaltlich auf dem letzten Stand der Wissenschaft und sehr wohl auch diskursiv werden zu lassen.

Dass wir/ich nur bedingt auf die Gestaltung Einfluss nehmen konnten, war eigentlich selbstverständlich, denn dafür mangelte es zumindest mir an medialer Erfahrung und dem Können. Aber ich habe viele Monate intensiv gearbeitet, mitunter zäh und verbissen um Details gerungen, mir die Rohschnitte angesehen, sämtliche Texte vor der Sprachaufnahme gelesen und so - wie ich meine - ordentliche Arbeit geleistet.

Schade, dass Sie nicht mit dabei waren! Ich habe das als völlig unangebrachte Verweigerung gesehen. Stellen Sie sich vor, alle hätten so gehandelt. Dann, aber auch nur dann, hätte man den Stab über diese Projekte brechen können. So aber will ich nicht verhehlen, dass ich nach wie vor stolz darauf bin, an den bisher größten historischen Dokumentationssendungen unseres Landes mitgewirkt zu haben.

* Manfried Rauchensteiner, Historiker und Publizist in Wien, lehrt an Universitäten

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