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Sparpaket ist eine sensationelle Leistung

Kurz nach dem 60. Geburtstag tritt Ariel Muzicant, das öffentliche Gesicht des heimischen Judentums, ab. Ein Homo Politicus zieht sich zurück. Das Gespräch führte Maria Harmer

Nach 14 Jahren - und neun Monate vor dem regulären Ende seiner Amtszeit - legte Ariel Muzicant das Präsidentenamt der Israelitischen Kultusgemeinde Wien nieder.

Die Furche: Gestern wurde Oskar Deutsch, ihr langjähriger Vizepräsident, als ihr Nachfolger vorgestellt. Zufrieden?

Ariel Muzicant: Ich hoffe, er wird als mein Nachfolger gewählt. Ich habe ihn aufgebaut, ihm überall "die Rutsche gelegt“ und werde ihn unterstützen, aber ich werde ihm keine Ratschläge erteilen. Ich sehe meine Verantwortung darin, mein Amt geordnet zu übergeben. Oft kleben Präsidenten und Politiker an ihren Sesseln, bis man sie hinausträgt. Ich wollte das anders machen.

Die Furche: Sie waren 42 Jahre in der Kultusgemeinde aktiv. Was waren die Meilensteine dieser Zeit?

Muzicant: Seit Anfang der 1970er-Jahre haben wir uns sehr intensiv um den Aufbau der Gemeinde bemüht. Wir haben Kindergärten und Schulen sowie psychosoziale Einrichtungen und Stätten für alte Menschen gebaut. Wir haben heute in Wien eine der am besten funktionierenden Gemeinden und - gemessen an der Mitgliederzahl - besten Infrastrukturen in Europa. Eine Versorgung von der Wiege bis zur Bahre. Mehr als 200 jüdische Vereine. Politische Meilensteine waren sicher der Orkan der Affäre Waldheim und die Auseinandersetzung mit der FPÖ und Jörg Haider.

Die Furche: So schwierig und belastet Ihre Beziehung zur FPÖ war (und ist), so nahe sollen Sie einer anderen Partei sein.

Muzicant: Ich bin SPÖ-Mitglied; aber ich habe auch massiv gegen Kreisky gekämpft. Ich rede mit österreichischen Politikern und versuche einzuwirken. Was jetzt mit dem Sparpaket erreicht wurde, ist eine sensationelle Leistung! Ich finde es furchtbar, dass das so negativ kritisiert wird. Wenn es so umgesetzt wird, dann schaffen wir es, ganz gut über die Krise zu kommen. Und das ist gut so.

Die Furche: Sie sind ein großer Player am Immobilienmarkt. Die neue Immobiliensteuer …

Muzicant: … ist auf meinem Mist gewachsen. Dieses Modell wurde mit beiden Koalitionspartnern besprochen. Ich bin ein sozial engagierter Mensch. Wichtig ist mir, dass es Gerechtigkeit in der Gesellschaft gibt. Ich bin Arbeitgeber, kämpfe täglich mit den Problemen der Marktwirtschaft und um wirtschaftlichen Erfolg. Ich freue mich, dass die Lösung mit der Vermögenszuwachssteuer gekommen ist, und dass man abgekommen ist von einer Substanzsteuer auf Vermögen. Das hätte nichts gebracht außer Ärger.

Die Furche: Sie sind der erste IKG-Präsident, der nach dem Holocaust auf die Welt kam und traten auch mit einem anderen Selbstbewusstsein auf als ihre Vorgänger.

Muzicant: Ich habe viele Jahrzehnte unter meinen Vorgängern gearbeitet und erlebt, wie diese gelitten haben. Die hatten das KZ überlebt und die Migration und haben versucht, ihr Leben neu zu ordnen und versucht, sich im neuen Österreich zurechtzufinden; ich möchte nicht sagen, sich zu "arrangieren“. Ich habe beschlossen, dass das für mich nicht geht, dass man manchmal auf den Tisch hauen muss, damit sich etwas ändert. Österreich muss sich zu seiner Vergangenheit bekennen und aufhören mit dem Märchen von der Opferrolle. Im Prinzip habe ich fortgesetzt, was meine Vorgänger begonnen haben - nur mit anderen Mitteln: Ich bin nicht mehr als Bittsteller aufgetreten, sondern habe auf unsere Rechte gepocht.

Die Furche: Sind Sie persönlich eigentlich ein religiöser Mensch?

Muzicant: Nein. Bei mir spielt die Religiosität sicher nicht die Rolle, die sich manche sich von einem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde erwarten würden. Ich bin ein traditioneller Jude. Ich sehe mein Judentum definiert als jüdisches Volk. Ich halte die religiösen Traditionen, aber ich bin nicht das, was man als frommen Juden bezeichnen würde. Das war ich auch nie. Ich glaube viel mehr an die Pflicht von uns Juden, menschlich zu sein und die Schwächeren zu unterstützen. Nur wenige Menschen haben das Glück, erfolgreich zu sein. Und die haben die Verpflichtung, den Benachteiligten zu helfen.

Die Furche: Wie sehen sie die Zukunft der Israelitischen Kultusgemeinde?

Muzicant: Die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinde in Wien hat sich dramatisch verändert. Nach 1945 waren es vor allem Flüchtlinge aus den Konzentrationslagern. Dann die Migration der ungarischen Juden nach 1956, dann die Zuwanderung tschechischer Juden. Und ab Ende der 1970er-Jahre die Auswanderung zahlreicher Juden aus der Sowjetunion - heute stammt ein Drittel der Gemeinde von dort. Die Mentalität hat sich auch in einer anderen Art geändert: die Jungen sind heute nicht mehr so rückwärts-orientiert. Sie studieren im Ausland, sind offen. Das ist heute eine ganz andere Welt! Wir leben in einem vereinten Europa. Die Waldheim-Auseinandersetzung wäre heute so nicht mehr möglich. Ein zentrales inneres Problem ist die Auflösung der jüdischen Gemeinden in anderen europäischen Städten. Dort werden zwar auch in Zukunft jüdische Menschen leben, aber ich prognostiziere ein Ende der engagierten Gemeinden. Was ich daher vorbereitet habe, und was mein Nachfolger jetzt angehen wird, ist zu schauen, dass Juden nach Österreich einwandern.

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