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Spukhafte Fernwirkung zweier Leben

Erika Wimmer im gespräch über ihren jüngsten Roman „Die dunklen Ränder der Jahre“. eine Frau sucht nach ihrem Vater, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird.

Das Gespräch führte Christa Gürtler.

In ihrem ebenso spannenden wie berührenden neuen Roman „Die dunklen Ränder der Jahre“ erzählt die in Innsbruck lebende Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Erika Wimmer zwei Lebensgeschichten, die unabhängig voneinander gelebt werden und sich nicht berühren, aber dennoch miteinander in der österreichischen Nachkriegsgeschichte verknüpft sind. Schauplatz der Handlung ist die südfranzösische Stadt Montpellier, in der Jeanluc Cornu seit 1945 lebt und in die Theresa kommt, um endlich diesen Mann zu treffen, der ihr Vater ist.

BOOKLET: Beide Figuren setzen sich ganz unterschiedlich mit ihrer Vergangenheit auseinander. Während Cornu unter einer neuen Identität in Frankreich lebt und seine Geschichte verdrängt, sehnt sich die Tochter danach, endlich den Vater zu treffen und mit ihm zu sprechen. Wie stark ist die Verbindung der beiden Lebensgeschichten?

ERIKA WIMMER: Ich bin von der Gegenwart ausgegangen, von der Beobachtung, dass man als Bürgerin und Bürger hierzulande von allen politischen Lagern getäuscht wird. Mit diesen Täuschungen und Enttäuschungen wollte ich mich auseinandersetzen und ich bin dabei historisch in die Kriegs- und Nachkriegszeit zurückgegangen, denn bis heute hat alles in unserer österreichischen Gesellschaft damit zu tun.

Zweitens hat mir ein befreundeter Physiker einmal von einem physikalischen Phänomen erzählt, das mir wie eine Metapher für das, was ich beschreiben wollte, vorkam. Ein Ionenpaar, das einmal miteinander in Verbindung gestanden ist, reagiert immer aufeinander, auch dann, wenn diese Verbindung gesprengt worden ist und sie sich weit voneinander entfernt befinden. Dieses Phänomen wird als spukhafte Fernwirkung bezeichnet. Wenn ein Teilchen aufleuchtet, erlischt das andere und umgekehrt. So ähnlich scheint es mir auch bei Menschen zu sein. In meinem Fall gibt es eine biologische Verbindung. Vater und Tochter kennen einander nicht, auf einer tieferen, unbewussten Ebene sind sie dennoch miteinander in Verbindung. Es hat mich gereizt, diese spukhafte Fernwirkung literarisch durchzuspielen.

BOOKLET: Die Tochter Theresa taumelt durchs Leben, sie ist Stewardess, hat viele Beziehungen zu Männern, sie erinnert sich an viele Betten, aber „keines ist wirklich das eigene“, heißt es an einer Stelle im Roman. Sie hat kein Zuhause, möchte aber endlich einmal ankommen. Warum verknüpft sie diese Sehnsucht mit ihrem unbekannten Vater?

WIMMER: Diese Geschichte einer manischen Vatersuche wurde mir zugetragen, im Laufe des Schreibens habe ich diese Suche ins Extreme, ins Unrealistische gesteigert. Ich wollte das Psychogramm einer Frau nachzeichnen, die sich an Männern orientiert, aber absolut identitätslos ist. Diese Identitätslosigkeit wurzelt in ihrer Kindheit in der Nachkriegszeit als ledige Tochter einer sozialdemokratischen Mutter in einem Tiroler Dorf unter entsprechend schwierigen Umständen.

BOOKLET: Kann sich Theresa von ihren Täuschungen befreien?

WIMMER: Es bleibt am Ende des Buches offen, aber Theresa wird sich bewusst, wie eng und wahnhaft ihr Leben geworden ist, nur auf dieses eine Ziel hin orientiert. Vielleicht ist ein Wechsel möglich, vielleicht ist die Begegnung nicht mehr nötig. Ihr Leben bekommt eine neue Dynamik, als sie endlich den falschen Namen ihres Vaters erfährt – sie hat ihn ja Jahrzehnte vergeblich unter einem anderen Namen gesucht.

BOOKLET: Auch Jeanluc Cornu täuscht sich etwas vor, er hat Angst, dass sein neues Leben wie ein Kartenhaus zusammenfällt, wenn jemand die Wahrheit über seine Identität erfährt. Warum hält er sich nach so langer Zeit noch für gefährdet?

WIMMER: Er hat sich anfangs in die Identität eines deutschen Widerstandskämpfers hineingelogen und wollte sich später, auch seiner Frau und seiner Familie gegenüber, nie mehr eine Blöße geben. Es hat damit zu tun, dass er sich nie mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat und realistisch gar nicht abschätzen kann, was es bedeuten würde, als Deserteur in Österreich erkannt zu werden, der in Notwehr jemanden umgebracht hat.

Es ist die Tragik beider Figuren, dass sie irreal und verrückt agieren, persönlich und politisch, dass sie keine Wirklichkeit erkennen.

BOOKLET: Der Roman „Die dunklen Ränder der Jahre“ berührt – das signalisiert ja schon der Titel – existenzielle Fragen. Er ist aber gleichzeitig wie alle Ihre Bücher leicht und schwebend erzählt, es gibt ja auch „die helleren Ränder der Jahre“. Wie wichtig ist Ihnen die souveräne Erzählweise und welche Rolle spielt die Sprache?

WIMMER: Ich wollte kein todernstes Buch schreiben. So tragisch die Grundkonstellation eines Lebens sein mag, so unglaublich witzig und beiläufig sind bisweilen die alltäglichen Situationen. Spannung ist mir sehr wichtig, ich wollte nicht alles verraten, sondern auch die Leserinnen und Leser täuschen und damit auf das Grundthema des Buches anspielen. Erst am Ende enthüllt sich die Geschichte der Täuschungen. Der Leser soll den Figuren folgen und neugierig darauf sein, was am Ende passiert. Ich wünsche mir natürlich, dass neben dem Vergnügen am Lesen Erkenntnisse gewonnen werden können, dass etwas von meinen Anliegen akzeptiert werden kann.

Ganz wichtig war mir beim Erzählen der Geschichte, dass die Sprache artistisch werden darf, dass man spüren darf, dass mit Sprache gespielt wird und nicht einfach Realität abgebildet wird. Die anekdotischen Passagen im Text sind noch stärker sprachspielerisch gestaltet.

BOOKLET: Ich habe den Eindruck, dass Sie nicht alle Geheimnisse Ihrer Figuren lüften möchten, oder täusche ich mich?

WIMMER: Auch Schriftsteller kennen ihre Figuren nicht bis ins Detail, sie haben ihre Eigensinnigkeiten und ihre Geheimnisse. Die Figuren in diesem Roman sind vollkommen erfunden und sind auch mir in vielerlei Hinsicht verschlüsselt geblieben. Mir war übrigens die weibliche Hauptfigur viel fremder als die männliche, die mir sehr viel sympathischer war und die ich besser verstanden habe. Überhaupt halten sich die Frauen in diesem Buch sehr bedeckt, aber dazu hat mich diese Geschichte gezwungen. Jetzt habe ich aber das Bedürfnis, in meinem nächsten Roman eine ganz starke Frauenfigur zu schaffen, als Ausgleich sozusagen. (Lacht)

Die dunklen Ränder der Jahre

Roman von Erika Wimmer Folio 2009. 272 S., geb., E 22,50

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