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Sternstunden eines Lesenden

Woher der Begriff "Buchstabe" stammt, ist nicht gesichert. In seinem Gedicht "das paradies der buchenstäbchen", mit dem Arnold Mettnitzer sein neues Werk "Buch &Seele" beginnt, hält er sich an die These, dass das Wort mit Buchenstäbchen zu tun hat, aus deren Flug und Fallen die Germanen Orakelsprüche und Entscheidungshilfen zu lesen wussten. Fotos der Künstlerin Paloma Schreiber haben festgehalten, wie Mettnitzers selbst dieses "nutzlos-zwecklos-schöne Spiel" mit den Buchenstäbchen praktizierte. Sie dienen als Illustrationen seines Buches, das er selbst "eine Liebeserklärung an das Lesen" nennt.

Der Autor, bekannt als telegener Theologe und Psychotherapeut, liefert darin eine bunte Sammlung von Gedanken, angeregt von literarischen Texten. Seine enorme Belesenheit erweist sich in der Fülle der zitierten Bücher und Autoren, von der Bibel bis zu modernen Lyrikern, von antiken Mythen bis zu Romano Guardini, Dorothee Sölle oder André Heller. Dabei streut er gern Autobiografisches ein, etwa den Beginn seiner Psychotherapie-Ausbildung bei Erwin Ringel 1991, und unerwartete, betroffen machende Abschnitte - etwa über den großen Schauspieler Oskar Werner.

In einem Kernkapitel gibt Mettnitzer einer "Psycho-logik" gegenüber reiner Logik den Vorzug: "Um diese Psycho-logik verstehen zu können, ziehe ich immer wieder Gedichte, Geschichten, Mythen und Märchen zurate, weil in ihnen verdichtet eine Wahrheit wohnt, die weit über das Historische hinausweist, ermutigt, Kraft gibt und einlädt, das Leben, das im Moment nicht nur nicht zu verstehen, sondern auch manchmal schwer zu ertragen sein mag, in einem anderen, neuen Licht zu sehen."

Der Zufall ist für ihn die "Sternstunde der Lesenden":"Lange mögen Worte verstaubt zwischen Buchdeckeln liegen und geduldig darauf warten, irgendwann wieder entdeckt zu werden. Ein Buch ist so die sichtbar gewordene Überzeugung, dass Gedanken wirkende Mächte sind, deren Zeit vielleicht schon vorbei ist, doch jederzeit ,zufällig' wiederkommen kann."

Die Frage, ob Bücher eine Seele haben, beantwortet Mettnitzer mit einem Zitat der Künstlerin Kiki Kogelnik an ihren Kollegen Roy Liechtenstein: "Auch wenn ich Dir die Seele nicht erklären kann, so hoffe ich doch, dass Du sie in meinen Arbeiten findest." Diese Aussage lasse sich auf alles übertragen, "was wir der schöpferischen Qualität des Menschen verdanken". "Lesen ist Zwiesprache über den Tod hinaus." In diesem Sinn macht sich der Autor Gedanken an den Gräbern großer Schriftsteller, Künstler und Musiker wie Raffael, Bernini, Rainer Maria Rilke, Ingeborg Bachmann, Gustav Mahler und Thomas Bernhard, bei dem es im letzten seiner "Neun Psalmen" heißt, dass er das, was kommen wird, nicht fürchtet: "Ich erwarte, dass mich der Herr erwartet."

Zum Schluss verrät Mettnitzer, wo seine "Paradiese" liegen: Als Kind sei es die Hofalm in den Kärntner Nockbergen gewesen, heute befinde es sich in Amalfi in Süditalien.

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