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Religion

Stimmen der Vernunft?

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Wer das Land kurz verlassen hat, erkennt Österreich kaum wieder. Polarisierung und Vereinfachung auf allen Seiten: "faschistische" Regierung gegen "kommunistische" Demonstranten, "Widerstand" gegen "Bürgerblock", der Krieg der Worte eskaliert, als wär's ein Stück vom Übertreibungskünstler Thomas Bernhard.

Eine Regierung, die so tut, als genügte eine Charmeoffensive, um aus dem außenpolitischen Desaster herauszukommen und eine Opposition, die sich hinter Demonstranten verschanzt und klammheimlich über den Österreich-Boykott in Brüssel freut. Während es vor kurzem vor lauter Konsens keinen Konflikt gab (eine große Selbsttäuschung), gibt es derzeit vor lauter Konflikt fast keinen Konsens mehr. Der aufgebaute Grundbestand gemeinsamer Werte nach 1945 droht zu zerfallen.

Wo bleiben die Stimmen der Vernunft, die richtigstellen, daß diese Zweite Republik nicht plötzlich zum gefährlichen Unruheherd in Europa geworden ist, daß Österreich zwar viele Fehler bei der Aufarbeitung der Nazizeit gemacht, aber spätestens seit Waldheim dazugelernt hat, daß hier ein überschätzter Provinzpolitiker nur dank unbegabter Konkurrenten und schlechter Politik ständig an Stimmen gewonnen hat?

Wer diese Regierung nicht will, und es gibt viele gute Gründe, sie nicht zu wollen, muß sie abwählen. Weder Appelle, die Sanktionen gegen Österreich aufrechtzuerhalten, noch moralische Empörung, weder "Gebete für Österreich" noch Aufrufe zum "Widerstand" können die mühsame Arbeit der Information und der Aufklärung, des Gespräches und der Überzeugung ersetzen.

Wer die Partei Haiders auf jene 15 Prozent zurückstutzen will, die ähnlich rechtspopulistische Parteien im Europaschnitt aufweisen, muß die Themen angehen, mit denen Haider seine Wähler geködert hat: Ängste vor Globalisierung und offenen Grenzen, Anti-EU-Propaganda und Ausländerhetze, aber auch die berechtigte Kritik an Filz- und Privilegienwirtschaft. Die "Enthaiderung" Österreichs wird ein langwieriges, aber lohnendes Unternehmen.

Trautl Brandstaller ist ORF-Journalistin und Dokumentarfilmerin

Wer das Land kurz verlassen hat, erkennt Österreich kaum wieder. Polarisierung und Vereinfachung auf allen Seiten: "faschistische" Regierung gegen "kommunistische" Demonstranten, "Widerstand" gegen "Bürgerblock", der Krieg der Worte eskaliert, als wär's ein Stück vom Übertreibungskünstler Thomas Bernhard.

Eine Regierung, die so tut, als genügte eine Charmeoffensive, um aus dem außenpolitischen Desaster herauszukommen und eine Opposition, die sich hinter Demonstranten verschanzt und klammheimlich über den Österreich-Boykott in Brüssel freut. Während es vor kurzem vor lauter Konsens keinen Konflikt gab (eine große Selbsttäuschung), gibt es derzeit vor lauter Konflikt fast keinen Konsens mehr. Der aufgebaute Grundbestand gemeinsamer Werte nach 1945 droht zu zerfallen.

Wo bleiben die Stimmen der Vernunft, die richtigstellen, daß diese Zweite Republik nicht plötzlich zum gefährlichen Unruheherd in Europa geworden ist, daß Österreich zwar viele Fehler bei der Aufarbeitung der Nazizeit gemacht, aber spätestens seit Waldheim dazugelernt hat, daß hier ein überschätzter Provinzpolitiker nur dank unbegabter Konkurrenten und schlechter Politik ständig an Stimmen gewonnen hat?

Wer diese Regierung nicht will, und es gibt viele gute Gründe, sie nicht zu wollen, muß sie abwählen. Weder Appelle, die Sanktionen gegen Österreich aufrechtzuerhalten, noch moralische Empörung, weder "Gebete für Österreich" noch Aufrufe zum "Widerstand" können die mühsame Arbeit der Information und der Aufklärung, des Gespräches und der Überzeugung ersetzen.

Wer die Partei Haiders auf jene 15 Prozent zurückstutzen will, die ähnlich rechtspopulistische Parteien im Europaschnitt aufweisen, muß die Themen angehen, mit denen Haider seine Wähler geködert hat: Ängste vor Globalisierung und offenen Grenzen, Anti-EU-Propaganda und Ausländerhetze, aber auch die berechtigte Kritik an Filz- und Privilegienwirtschaft. Die "Enthaiderung" Österreichs wird ein langwieriges, aber lohnendes Unternehmen.

Trautl Brandstaller ist ORF-Journalistin und Dokumentarfilmerin