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Strahl der Wahrheit

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Der Buddhismus stellt radikale Anfragen ans Christentum. Für Christen heißt das aber keineswegs, eigene Werte zu Gunsten einer wertfreien "Toleranz" aufzugeben.

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Der Buddhismus stellt radikale Anfragen ans Christentum. Für Christen heißt das aber keineswegs, eigene Werte zu Gunsten einer wertfreien "Toleranz" aufzugeben.

Wo Religion in persönlicher Tiefe gelebt wird, berührt und bewegt sie: Der Vorarlberger Unternehmer, der seine Energien nicht in Profit und Konsum steckt, sondern in den Aufbau eines Meditationszentrums. Die Grazer Nonne, zu der viele Leute mit ihren körperlichen und seelischen Nöten kommen und die mit ihnen für ihre Heilung (auch selbst!) fastet. Der japanische Mönch in Wien, dessen herzliche Gastfreundschaft so entwaffnend ist, dass seine öffentlichen Friedensaufrufe zutiefst glaubhaft wirken. Sie alle haben eines gemeinsam: Sie gehen den Buddha-Weg.

Ihr glaubwürdiges Zeugnis wird in jedem unvoreingenommenen Menschen Hochachtung wecken - sowohl für die Personen selbst als auch für die Tradition und spirituelle Praxis, aus denen sie ihre Kraft schöpfen. Jedes gelungene Lebenszeugnis spornt dazu an, den eigenen Weg entschiedener zu gehen. In diesem Sinne bin ich als Christ allen aufrichtigen Buddhisten, denen ich begegnet bin, sehr dankbar!

Diese echte Verbundenheit bedeutet selbstredend nicht eine Übereinstimmung in einzelnen Glaubensfragen. Themen wie das Gottesbekenntnis, die Personalität des Menschen oder die Einmaligkeit der Geschichte und damit die Bedeutung der politisch-sozialen Weltgestaltung sind in der Theorie zwischen Christen und Buddhisten kaum konsensfähig - die Ausgangspunkte sind zu verschieden, und sie dürfen es auch sein. Dennoch kann das buddhistische In-Frage-Stellen für Christen Sinn haben, sofern diese sich wirklich darauf einlassen: Radikale Anfragen von außen fordern heraus zu einem zeitgemäßen Durchdringen der eigenen Botschaft sowie zur heilsamen Einsicht in so manche blinde Flecken: Geht die christliche Verkündigung behutsam genug mit dem Geheimnis Gottes um? Ist die abendländische Konzentration auf die menschliche Person mitverantwortlich für die Verletzung der ökologischen Gesundheit der Erde? Wieviel Gewalt hat sich im Schatten des christlichen Sendungsbewusstseins eingeschlichen?

In der Begegnung zwischen Menschen verschiedener Religionen geht es weder um die Konstruktion einer künstlichen Einheitsreligion noch um quantifizierbare Missionserfolge, sondern vielmehr um Läuterung, Wachstum und gegenseitiges Lernen.

Nichts für Versteinerte Arrogante Besserwisserei ("Dass wir wie eine Art Bittsteller zu anderen Religionen gehen müssten, um dort zu lernen - ich glaube, das ist eher umgekehrt", so Weihbischof Andreas Laun im Magazin "Format", 9.11.1998) untergräbt das Umgangsniveau erwachsener Menschen, da sie Lernen offenbar nur auf Kosten der eigenen Identität verstehen kann. Versteinerte Charaktere taugen für den interreligiösen Dialog genauso wenig wie jene Weichlinge, die beim Partner vor allem ihre eigenen Frustrationen abladen wollen und ihm somit nicht viel Konstruktives zu bieten haben.

Wer kommuniziert eigentlich mit wem? Es ist nicht der Buddhismus mit dem Christentum, es sind auch nicht die Buddhisten mit den Christen, sondern ganz bestimmte Personen: im Falle österreichischer Buddhisten sehr oft Angehörige einer intellektuellen Mittelschicht, die in einer christlich geprägten Umwelt aufgewachsen sind und sich dann dem Buddhismus zugewandt haben. Viel Biographisches fließt ein in das Gespräch.

Häufig betonen westliche Buddhisten die Rationalität ihrer Religion: Während man im Christentum merkwürdige Wahrheiten glauben müsse, würden im Buddhismus nur das eigene Erfahren und das eigene Verstehen zählen. Dem gegenüber scheinen asiatische Buddhisten die Bedeutung des Glaubens an die Tradition und des Vertrauens in den Meister weitaus höher einzuschätzen.

Europäische Buddhisten stehen in einer eigentümlichen kulturhistorischen Spannung: Während sie das Christentum (zwar in sehr unterschiedlicher Tiefe) in der ganzen Bandbreite seiner real existierenden Form (von der Kreuzzugsgeschichte über die Volksreligiosität bis zu den hierarchischen Strukturen) zur Kenntnis genommen haben, kommt ihnen im Buddhismus (zunächst) oft nur ein sehr schmales Segment theoretischer Lehren oder meditativer Praxis in den Blick - ohne jeglichen historischen Ballast, ohne jenen Unterbau aus Brauchtum und Sitten und ohne jene konkrete soziale Gestalt, welche die buddhistischen Länder Asiens so tief prägen.

In der Tat liegt in dieser selektiven Übernahme eine Chance: die Möglichkeit für einen kreativen Neubeginn, der dem postmodernen Geist Europas entspricht. Ein Beispiel: Die westliche Neuinterpretation der indischen Wiedergeburtslehre: Galt in Asien die Vorstellung des endlosen, leidvollen Kreislaufes als abschreckende Drohung, so mutiert dieselbe Idee im Kontext der Leistungs- und Konsumgesellschaft zur Stress mindernden, entspannenden Theorie der unzähligen Chancen. Die Grenzen der intellektuellen Redlichkeit sind jedoch dann überschritten, wenn dieser smarte westliche Neobuddhismus als der Buddhismus pauschal dem Christentum (dazu noch in einer vorgestrigen Vulgärversion) gegenüber gestellt wird.

Dies geschieht mitunter auf dem Feld der Ethik: Während das Christentum eine blinde, fremdbestimmte Verbotsmoral verkünde, mit Angst und schlechtem Gewissen operiere und dadurch die Freiheit und Autonomie einschränke, vertrete der Buddhismus die reine Selbstbestimmung des Menschen, appelliere nur an seine Einsicht und könne auf so etwas Unterdrückendes wie Gebote überhaupt verzichten.

Ganz abgesehen von dieser Karikatur christlicher Handlungsmotive: Wer die buddhistische Tradition etwas kennt, kann derartig halb gebildetes Gerede durch einen Verweis auf die klassischen Sittenregeln oder die strenge Beichtpraxis der Mönche schnell widerlegen. Wer sie nicht kennt, kommt durch einen kurzen Blick in gegenwärtige buddhistische Jugendliteratur aus Asien zum selben Resultat.

Religion oder nicht?

Ist der Buddhismus eigentlich eine Religion? Diese Frage verfolgt keineswegs die Absicht, den Buddhismus von außen abzuwerten; sie zitiert vielmehr manche Buddhisten, die hier im Westen die These vertreten, der Buddhismus sei keine Religion, sondern ein "Weg" oder eine "Lebensweise", denn mit "Religion" sei so vieles an theoretischen Spekulationen und abergläubischen Praktiken verbunden, was dem Buddhismus völlig fern liege.

Ob durch diesen eleganten terminologischen Kniff die ganze Problematik der abendländischen Religionskritik abgetan sein soll, kann dahingestellt bleiben. Dem gesamten Erscheinungsbild des Buddhismus wird eine solche Deutung jedenfalls nicht gerecht. Und sie wirft im übrigen auch ein seltsames Licht auf die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft, die ihre staatliche Anerkennung als Religionsgemeinschaft (und damit auch den den öffentlich finanzierten Religionsunterricht) emsig untermauert.

Apropos Licht: Das II. Vatikanum hat im Buddhismus einen "Strahl der Wahrheit" erkannt. Buddhisten tun umgekehrt ähnliches, wenn sie etwa in Christus einen Bodhisattva (Buddhaschafts-Anwärter) sehen oder ihm die (geschlechtslose) Existenz in einem der vielen Zwischenhimmel zuschreiben. Natürlich ordnen diese Sichtweisen das Fremde jeweils ins eigene System ein beziehungsweise diesem unter und werden so seinem Selbstverständnis nicht gerecht. Dennoch sind sie als Ausgangsorte für die Begegnung auf beiden Seiten wahrscheinlich ehrlicher und realistischer als das Beschwören jener "Toleranz", die jeglichen Wahrheitsanspruch von vornherein "wertfrei" auf den Deponien einer gleichgültigen Subjektivität ablagert.

Der Autor ist Religionswissenschaftler an der Kath.-theol. Fakultät in Wien und Mitarbeiter der "Kontaktstelle für Weltreligionen" der Österr. Bischofskonferenz.

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