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System ohne Auswege

1945 1960 1980 2000 2020

Joochen Laabs schildert, wie ein Autor unter dem Druck der DDR-Bürokratie zerbricht.

1945 1960 1980 2000 2020

Joochen Laabs schildert, wie ein Autor unter dem Druck der DDR-Bürokratie zerbricht.

Die DDR Ende der achtziger Jahre. Das System ist ausgebrannt und am Ende, aber deswegen nicht weniger repressiv. Die Protagonisten des Romans "Der Schattenfänger" überbieten einander in Linientreue und Verständnislosigkeit gegenüber individuellen Wünschen und Denkweisen, die die orthodoxe Dogmatik in Frage stellen und ereifern sich noch übers Belangloseste. Insofern erzählt der Autor, der von 1993 bis 1998 P.E.N.-Generalsekretär in den neuen Bundesländern war, in seinem dritten Roman nichts Neues. Ähnliches gab es aus den letzten Tagen der Nazis und vieler autoritärer Systeme zu berichten.

Dass der Ich-Erzähler seine Existenz als Schriftsteller reflektiert, macht die Sache feinnerviger, den Blick differenzierter. Der geschulte DDR-Bürger Laabs, und damit auch seine Hauptfigur, kennt die Zwischentöne des DDR-Umgangstons. Der Protagonist lernte sie als Angestellter eines technischen Betriebs, dann als Nebenbei-Autor und zuletzt freier Schriftsteller und Aussteiger richtig zu deuten. Trotz der Fähigkeit, die Signale des DDR-Alltags zu dekodieren, ist er immer wieder darüber überrascht bis entsetzt, was die kleinen und großen Unterdrücker an Neuem auf Lager haben. Der Ausstieg aus der Gesellschaft, indem er ein Abbruchhaus erwirbt und nach dem Zusammenbrechen aller wichtigen zwischenmenschlichen Bezüge bewohnt, ist das äußere Zeichen des Verfalls seiner eigenen Existenz und der des Gemeinwesens. In beiden funktioniert praktisch nichts mehr.

Dem Erzähler zerbrechen allerdings nicht nur die äußeren Konturen seines Lebens, sondern auch innere. Die Bezüge zu Dingen, die ihm wichtig waren, gehen verloren. Dass die Partnerschaft mit einer krankhaft ordnungsliebenden Frau keine dauerhafte sein kann, ist dabei nicht die schlimmste Erkenntnis. Dadurch, dass der Staat alle menschlichen Bereiche durchdringt, und durch die für jeden stets allgegenwärtige Gefahr des Ausspioniertwerdens, erhält jede menschliche Beziehung eine öffentliche Dimension. Das macht es so schwer, neben den äußeren Verknüpfungen die inneren zu bewahren. Eine weitere Destabilisierung erfährt der Erzähler durch sein Eintreten in den Literaturbetrieb, der sich als alles andere denn als ein Refugium des freien Denkens erweist. Bei den Zusammenkünften unter der Führung einer gewissen Ruthild wird klar, dass Literatur genau so funktionieren muss wie Industrie oder Landwirtschaft und für den Staat ebenso etwas Konkretes leisten muss, sonst könnte sie ihre Berechtigung verlieren.

Willfährige Literaturfunktionäre, unter ihnen Frauen mit einer betont innigen Zuwendung, die deswegen nicht weniger unerbittlich und besitzergreifend sind, wenngleich nicht im erotischen oder persönlichen Sinn, verwirklichen ein Literaturkonzept, das dem gesellschaftlichen Anspruch genügen soll, ohne noch Beziehung zur Wirklichkeit zu haben, die zu beschreiben es vorgibt. Das erschüttert den Techniker, der in seinem Labor das Plansoll zu erfüllen trachtete, wohl wissend, dass dieses eine fiktive Größe ist. Dazu muss er noch erfahren, dass die Literaturmenschen mit denselben Methoden ihre Arbeit leisten wie Ingenieure oder Verwaltungsbeamte, ohne zu fragen, ob das Endprodukt überhaupt noch Literatur sei. Es ist keine. Es ist etwas anderes, das - wie viele Erzeugnisse dieses Staates - auf mühevoll künstliche Weise zustande gekommen ist, letztendlich aber von niemandem gebraucht wird. Nun ist Literatur gewiss nichts, was einem sofortigen Gebrauch zugeführt werden müsste. Aber was sie nach dem Diktat der Funktionäre an der real existierenden Gesellschaft vorbei schreiben, das hat, dies erkennt auch der Anfänger, mit Literatur, Kunst oder gar Sprachkunst nichts mehr zu tun. Dass in der DDR, ähnlich wie "Ein Bestseller-Autor in zehn Übungsstunden" im kapitalistischen Westen, unter ähnlich wirklichkeitsfremden Rahmenbedingungen sozialistische Schreibkurse stattfinden können, ist für den angehenden DDR-Autor zunächst unerheblich. Aber die Hinwendung zur Literatur macht ihn zuerst einmal höchst verdächtig, ohne ihm gleichzeitig so etwas wie das Gefühl zu geben, endlich das Richtige zu tun.

Er studiert die literarischen und sonstigen Vorgangsweisen der großen Autoren und erkennt, dass auch die hohe Literatur bis hin zur Weltliteratur von Egoisten verfertigt wurde, die nie und nimmer etwa ein Gemeinwohl, eine wahre Zuwendung oder Ähnliches im Auge hatten, sondern nichts, als ihrem Egoismus zu huldigen, den sie zuletzt so gut verbargen, dass sie für Literaturgenies gehalten wurden.

Der Autor liefert mit dem "Schattenfänger" ein kompliziert strukturiertes, dennoch höchst spannendes und in seiner scheinbaren Formlosigkeit konsequentes Protokoll des Zerfalls eines Menschen, eines Wertsystems und einer Gesellschaft. Es erscheint vielleicht auch deswegen so gar nicht spektakulär, weil vieles im Ansatz auch bei uns im Westen ähnlich läuft, auch wenn man hier mehr Möglichkeiten zur individuellen und politischen Kompensation hat. Man kann hier immerhin aus den vorgezeichneten Bahnen ausbrechen, was "drüben" kaum möglich war.

Dass der völlige Zerfall der Welt eines Autors ein Symbol für das Ende der DDR sein soll, mag hingehen. Aber natürlich ist die Hauptfigur des Buches kein typischer DDR-Mensch (oder doch?), zudem wird er - trotz der beruflichen, familiären, gesundheitlichen und finanziellen Katastrophe, auf die er zugeht - nach dem Fall der Mauer weiter leben, und es sieht nicht so aus, als könnte sich sein Schicksal unter neuen politischen Umständen entscheidend verändern oder gar verbessern. Insofern stellt er also doch so etwas wie einen vom System ein für allemal Zerbrochenen dar, dem die Wende einfach nicht mehr ausreichend helfen kann. Das liegt aber jenseits der 413 Seiten dieses Buches und regt zum Weiterspinnen eines Handlungsfadens an, der schon im Buch notdürftig fließt. Dies ist aber kein wirklicher Nachteil. Ein Buch muss ja nicht mit nacherzählbarer Handlung angefüllt sein.

Der Schattenfänger. Roman von Joochen Laabs. Steidl Verlag, Göttingen 2000, 414 Seiten, geb., öS 291,-/e 21,15

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