Theologische Scheuklappen

Wenn die christliche Botschaft bei wissenschaftsgläubigen Zeitgenossen Gehör finden soll, muss sich die Theologie von ihrer einseitigen Zuwendung zu Geistes- und Sozialwissenschaften lösen.

In unserem "Land der Dome“ ist das Interesse an der christlichen Gotteslehre geschwunden. Was sind die Ursachen? Sind es die Verlockungen und technischen Manipulationen unserer Spaßgesellschaft, oder das Erscheinungsbild und die unzeitgemäße Sprache der Kirche? Oder liegt es, wie wir meinen, ganz einfach daran, daß der moderne Mensch Gott nicht braucht? Unsere Zeitgenossen "glauben“ an Naturwissenschaft und Technik. Diesen verdankt der Mensch die Verbesserungen seiner materiellen Lebensbedingungen, die großen Fortschritte der Medizin und die großartigen neuen Technologien, die uns das Leben erleichtern und Spaß und Wellness bringen.

Und dieses gläubige Vertrauen in Naturwissenschaften und Technik besteht zu Recht! Denn diese sind es im Wesentlichen, denen man die Verbesserungen der Lebensumstände der Menschheit verdankt und ohne die kein weiterer Fortschritt zu erwarten ist. Und dieser Fortschritt ist ausschließlich die Frucht menschlicher Arbeit. Da ist nirgends die Spur außerweltlicher Hilfe. Und nirgendwo in den Naturwissenschaften besteht die Notwendigkeit eines Regresses auf übernatürliche Eingriffe. Mit anderen Worten: "Gott ist nicht notwendig“ (E. Jüngel).

Die Spaltung unserer Kultur

Wäre es da nicht dringliche Aufgabe unserer Theologen, in der wissenschaftsgläubigen Gesellschaft, der Gott "nicht notwendig“ ist, Interesse an der christlichen Botschaft zu wecken? Aber sind unsere Theologen für diese Aufgabe überhaupt gerüstet?

Diese Frage drängt sich angesichts der Spaltung unserer Kultur in zwei Teilkulturen auf, wie sie der englische Physiker und Schriftsteller C. P. Snow diagnostiziert hat: In der einen dominieren Geisteswissenschaften, Kunst und Literatur, in der anderen Naturwissenschaften und Technik. Der theologische Mainstream tendiert eindeutig zu Ersterer. Er ist es gewohnt, die Naturwissenschaften als eine vom Glauben getrennte Welt auf die Seite zu schieben, und bevorzugt eine anthropozentrische, auf Psychologie und Soziologie hin geöffnete Denkhaltung. Es bedarf aber zweifellos der Zuwendung zur zweiten Kultur - also einer Art von Inkulturation, wenn die christliche Botschaft bei wissenschafts- und technikgläubigen Zeitgenossen Gehör finden soll.

Was dies betrifft, erinnern wir uns, dass Jesus vom Gottesreich nur in Gleichnissen oder Metaphern gesprochen hat. Dabei bezog er sich auch auf Bekanntes aus Natur und Handwerk. Sollte uns dies nicht ermutigen, in unserem modernen Weltbild Metaphern für die christliche Gotteslehre zu entdecken? Es scheint dem theologischen Mainstream kaum bekannt zu sein, welch eindrucksvolle Metaphern die Physik, und besonders die Quantenphysik, der Vernunft als Brücke zur christlichen Gotteslehre bietet. Denken wir nur, welch großartige Metapher für den schöpferischen Beginn unserer Welt in der Entdeckung der "Urknall“-Entstehung des Universums liegt.

Nach der explosiven Entstehungsphase beginnt die Evolution der Materie. Milliarden von Galaxien mit Milliarden Sternen entstehen und vergehen, bis im extrem lebensfeindlichen Universum auf unserer Erde erstes Leben entstehen kann, um sich mit unerschöpflicher Kreativität zu entwickeln, sozusagen von innen heraus, ohne wahrnehmbaren Einfluss von außen. Trotz tendenziell zunehmender Komplexität der Lebensformen ist kein detaillierter Evolutionsplan zu erkennen. Vielmehr entwickelt sich die Lebenswelt in "Trial and Error“, mit Irrläufen in Sackgassen, mit Pannen und Rückschlägen. Woher rührt dies regellose Verhalten? Offensichtlich vom Spiel des Zufalls! Die Schöpfungstheologie wird dies zur Kenntnis nehmen müssen, auch wenn es das Konzept eines Schöpfungsplanes stört.

Unter Zufall verstehen wir die Nichtvorhersagbarkeit eines in Raum und Zeit stattfindenden Ereignisses. Meist beruht diese Nichtvorhersagbarkeit auf der Begrenztheit unserer Einsicht in die ursächlichen Prozesse. Es gibt aber auch Zufallsereignisse in den Prozessen der Natur, die im Einzelnen absolut nicht vorhersagbar sind. Dieser absolute, dem Erkennen unzugängliche, im Sein der Dinge gründende, daher auch ontologisch (griech. on, das Seiende) genannte Zufall durchsetzt die Mikrowelt der Quantenprozesse und erlaubt daher der Quantenmechanik nur statistische Aussagen über relative Häufigkeiten von Ereignissen. Der absolute Zufall lockert im betroffenen System das Netz der strengen Naturgesetze und induziert so ein Element absoluter Unvorhersehbarkeit.

Evolution als gewaltiges Spiel

Diese Unvorhersehbarkeit gilt für jeden in Raum und Zeit agierenden Geist - möge er auch mit unbeschränktem Erkenntnisvermögen und vollständiger Kenntnis von Vergangenem und Gegenwärtigem ausgestattet sein. Manchen mag es schwerfallen zu akzeptieren, dass die Nicht-Vorhersehbarkeit des absolut Zufälligen auch für den göttlichen Logos gilt, der mit der Erschaffung der Welt in deren Raum und Zeit eintritt und in ihr wirkt (Joh 1,1-3; 1,10)!

Auch das ganze Gewirke der Evolutionsprozesse ist vom absoluten Zufall durchsetzt. Das lässt die Evolution als ein gewaltiges Spiel erscheinen, dessen Regeln die unveränderlichen Naturgesetze sind, und dessen Verlauf vom absoluten Zufall dirigiert wird. Der Verlauf des Spiels ist ungewiss, im Detail unvorhersehbar und riskant. In den Risken des Evolutionsspiels liegt die Ursache für das schreckliche Leid in der Natur. Dieses "natürliche“ Leid ist das stärkste Argument gegen den Gottesglauben. Es stellt uns, und jeden Theologen, der die Existenz des absoluten Zufalls ernst nimmt, vor die existentielle Frage: Warum hat Gott den Zufall in der Erschaffung der Materie unserer Welt zugelassen?

Gottes Selbstbeschränkung

Theologisch impliziert das Spiel der Evolution Ungeheuerliches: Mit dem Nicht-Eingreifen in die Gesetze, die er seiner Schöpfung eingeschrieben hat, verzichtet Gott in der Schöpfung auf seine Allmacht. Und mit dem absoluten Zufall versagt er sich auch die Möglichkeit, die Entwicklung der Welt vorauszusehen, und beschränkt seine Allwissenheit auf Gegenwart und Vergangenheit. Bedeutet eine solche Selbstentäußerung (gr. kenosis) des schöpferischen Logos nicht die Bankrotterklärung christlicher Schöpfungslehre? Überlässt sie nicht alle göttliche Kreativität einer ewigen und allmächtigen Materie, wie es der atheistische "wissenschaftliche“ Naturalismus predigt? Tun daher Theologen nicht gut daran, weiterhin den naturwissenschaftlichen Befund vom absoluten Zufall zu ignorieren?

Oder öffnen wir uns dem zentralen Geheimnis unseres Glaubens, dass der dreieine Gott die Welt erschafft? Der dreieine Gott ist der Logos, und er ist die Liebe, wie uns Johannes eindeutig sagt (Joh 1,1; 1 Joh 4,10; 4,16). Leuchtet es dann nicht auch unserem beschränkten Vorstellungsvermögen ein, dass das Du der göttlichen Liebe nicht eine Art "Weltuhrwerk“, sein kann, ein bis ins Kleinste Geplantes, sondern ein Geliebtes, das sich selbst verwirklichen und entfalten kann, zu immer Neuem und Überraschendem - bis zum Menschen? Der Mensch ist daher frei, sich als ein Zufallsprodukt der Evolution zu sehen, oder als Geschöpf der Liebe. Er ist frei die Liebe zu erwidern - oder auch nicht.

Der Autor war Professor für Geomechanik an der TU Graz

Zufall - Freiheit - Christentum

Der Fall des Sperlings

Von Georg Mandl

Novum 2012, 166 S., kart., e 15,-

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