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Tiefer als die Nacht

1945 1960 1980 2000 2020

Das Aufwärmen des Gebets in Zeiten von Krankheit und Leid wird Gott nicht gerecht.

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Das Aufwärmen des Gebets in Zeiten von Krankheit und Leid wird Gott nicht gerecht.

"Wozu bin ich da? Was gibt meinem Leben Sinn und Ziel?" Um dieses Thema ging es beim 4. Furche Essay-Wettbewerb. Auf diesen Seiten können Sie die sechs Beiträge, die am höchsten eingestuft wurden, nachlesen und vielleicht die Nöte der Jury nachempfinden.

Es piepst. Regelmäßig. Die blaue Linie schlägt in immer gleichen Abständen aus. 71 mal pro Minute. Nur manchmal kommt die grüne Kurve unten am Monitor aus dem Takt und zeichnet wirre Zacken. Dann krümmt sich der Mensch am anderen Ende der Kabel und schließt die Augen vor Schmerz.

Ich sitze am Bett meines Vaters auf der Intensivstation. Ein alter, schwacher Körper liegt vor mir, angeschlossen an zahllose Apparate, einen Katheter in der Harnröhre, der Mund eingefallen ohne künstliches Gebiss. Die Innenseite des rechten Oberschenkels durchziehen drei orangefarbige Schnitte, bedeckt von einem blutigen Verband. Vor wenigen Stunden wurde er operiert, nun windet er sich von der rechten auf die linke Seite und zurück - ohne eine schmerzfreie Lage zu finden. Mehr Sorgen als seine Unruhe bereitet mir aber seine wirre Rede. "Ich muss", wiederholt er immer wieder. Und beharrt darauf, obwohl meine Mutter und ich ihm versichern, er könne durch den Katheter seinem Drang einfach nachgeben. Er glaubt uns nicht, formuliert seine Bitte wieder und wieder - wie ein Kind. Es ist nichts zu machen - die Verwirrung hat ihn eingehüllt.

Er fragt nach seiner Hose und seinen Zähnen. Er wundert sich über die vielen Schläuche, die pulsmessende Klemme an seinem Finger und die vielen raumtrennenden Tücher um ihn herum. Ich kämpfe mit den Tränen. Just in diesem Moment sieht er mich an und wirft mir einen fragenden Blick zu. Nur nicht schwach werden, nur nicht die eigene Ohnmacht und Verzweiflung zeigen, nicht vor meinem Vater. Doch ich kann die Tränen nicht beherrschen und wische sie in den Ärmel des gelben Besuchermantels. Mein Blick rettet sich auf seine Hand. Ich nehme sie in die meine und drücke darauf einen Kuss. Die schwache Hand drückt kraftvoll zu. Mein Vater hat verstanden. Ich könnte mich ohrfeigen: Da sitze ich und bin unfähig, Trost zu spenden, weil ich selbst getröstet werden will.

Da sehe ich meinem Vater in die Augen, und sie werden mir völlig fremd. Ringsherum ähnliche Ratlosigkeit: Zwei Krankenschwestern stützen einen alten Mann, der um Luft ringt und mit dem Brechreiz kämpft. Ein paar Betten weiter kauert eine Frau mit ihrem Kind: Daneben ein Knäuel Mensch, eine Mumie, verbunden von den Beinen bis zum Kopf. "Ein Verkehrsunfall", heißt es. Wir verlassen die Intensivstation, hängen den Überwurf an den Haken und lassen am Gang den Tränen freien Lauf.

Warum? Warum dieses Dahinvegetieren nach einem langen, gesunden, ausgefüllten Leben? Warum die beschränkten Möglichkeiten der Ärzte trotz täglich verlautbarter medizinischer Sensationen? Und warum meine starre Ratlosigkeit trotz fertiger christlicher Argumentationsmuster zum Thema "Leid" in meinem Kopf? Ich finde keine Antwort. Und auch die Erklärung der Ärztin klingt - obwohl gut gemeint - wie blanker Hohn: "Der Kopf hat gelitten, der Fuß hat gewonnen." Wo sind wir hier? Im Bazar? Beim russischen Roulette?

Gott als Opium?

Plötzlich wird alles relativ: Kein letzter Modeschrei könnte die Glückshormone in Wallung bringen. Keine Vorfreude auf den ersehnten Urlaub macht das Leben süßer. Und auch der Lern- und Arbeitsstress hat seinen Schrecken verloren und wird zum Abklatsch einer Sorge.

Plötzlich ertappe ich mich bei dem Gedanken, meine Diplomarbeit meinem Vater zu widmen. Doch ich verbiete mir zu denken, diese Widmung würde ihm vielleicht posthum zuteil. Ich sehne mich nach meinem Freund, der mich weinen lässt und mit mir schweigt am Telefon. Ich sehne mich nach Menschen, die einfach da sind, die mitgehen in diesem dumpfen Tal der Ohnmacht.

Vor allem schimmert ein oft verdrängter Sinn herein, der lange unter dem Schleier der Alltagshast verborgen blieb: Ich krame in meiner Geschichte mit Gott. Die Kindheitsseiten werden aufgeschlagen, in alten Gebetsbüchern geschmökert, kitschige Heiligenbilder betrachtet. In einem schmalen Bändchen stoße ich auf das Gebet eines afrikanischen Christen: "Decke mich zu mit der Nacht./ Breite Deine Gnade über uns aus,/ wie Du verheißen hast./ Deine Verheißungen sind mehr/ als alle Sterne am Himmel,/ Deine Gnade ist tiefer als die Nacht." Der Satz krallt sich fest in meinem Kopf: "Deine Gnade ist tiefer als die Nacht."

Schließlich greife ich zur Bibel, die mir meist als Lehr-, doch selten noch als Trostbuch diente. In den Psalmen lese ich: "Ich hoffte, ja ich hoffte auf den Herrn. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien." Ich weiß: Jetzt mache ich Gott zum "Briefkastenonkel" für meine Probleme.

Ich weiß: Jeder Religionskritiker fände sich bestätigt in seiner These von Gott als Opium für schwere Stunden. Und ich weiß: Das Aufwärmen des Gebets in Zeiten von Krankheit und Leid wird Gott nicht gerecht. Doch ich kann nicht anders. Ich kann nur hoffen, dass der Glaube irgendwann mehr wird als eine tröstende Not-Lösung. Dass das Gespräch mit Gott so heilsam und selbstverständlich wird wie das Reden und Schweigen am Telefon. Und ich kann nur hoffen, dass aus jenem Geflüster eine Antwort erwächst auf das "Warum?" des Leids. Ich kann nur hoffen.

DIE SIEGERIN Doris Helmberger, am 4. Oktober 1974 in Kirchdorf an der Krems (Oberösterreich) geboren, maturierte 1993 mit Auszeichnung am Stiftsgymnasium Schlierbach. Nach einem 1995 abgebrochenen Architekturstudium studiert sie Kombinierte Religionspädagogik und Germanistik (Lehramt) an der Karl-Franzens-Universität Graz, 1998/99 verbrachte sie ein Erasmus-Jahr an der Universite Marc Bloch Strasbourg. Ihre Diplomarbeit gilt Hans Küngs "Projekt Weltethos", daneben arbeitet sie als freie Journalistin.

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