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Training für den guten Trieb

Das Gewissen in der Perspektive des Judentums: Nach biblischer Auffassung kann jeder Mensch, unabhängig von seiner Religion, auf diskursivem Weg zu philosophisch-theologischen Erkenntnissen gelangen. Und wer immer sich ethisch verhält, hat Anteil an der kommenden Welt.

Durch alle Jahrhunderte hindurch war das Judentum klar und konsistent: Das Gute in uns ist die Folge davon, dass wir im Bilde Gottes geschaffen wurden. Gott, so sagt das erste Kapitel der Genesis, habe Adam geschaffen, im Bilde Gottes (1,27, vgl. 5,1). Und einer der größten Rabbinen, Rabbi Akiwa, merkt an (Pirke Awot 3,14):

Geliebt ist der Mensch, denn er wurde nach Gottes Bild erschaffen.

Größere Liebe war es, dass ihm mitgeteilt wurde, dass er nach Gottes Bild erschaffen wurde.

Keine allein selig machende Religion

Die der jüdischen Religion wesentliche Vorstellung der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen bedeutet für Juden als auch Nichtjuden, dass beiden ein Erkenntnisweg zu Gott offen steht und beide die Möglichkeit besitzen, die Vernunft als Mittel zur ethischen Vollendung anzuwenden: zur Erreichung der Freiheit. Der Mensch kann nur dann ein sittlich verantwortliches Wesen sein, wenn die Verantwortungsfähigkeit zu seinem Wesen gehört. Dies beinhaltet auch die Verantwortung, das Gute zu erstreben. Nach biblischer Auffassung kann nämlich jeder Mensch, unabhängig von einem spezifischen Offenbarungsverständnis auf diskursivem Weg zu philosophisch-theologischen Erkenntnissen gelangen. Und wer immer sich ethisch verhält, hat Anteil an der kommenden Welt. Leo Baeck (1873-1956) spricht von der allgemeinen "Aristokratie des Gewissens", einem "Adel, der alle fordert".

Hier wird deutlich, dass Juden keineswegs glauben, die allein selig machende Offenbarung zu besitzen. Dabei verweisen Juden auf Noah und seine sieben Gebote an die Menschheit. Der Fremdling, der im Judentum als "Sohn Noahs" betrachtet wird, ist dabei ganz genauso Geschöpf Gottes, wie der Jude selbst. Durch die sieben noachidischen Gebote als allgemeine Möglichkeit, vor Gott Gerechtigkeit zu erlangen, wird aus dem theologischen Begriff des Menschen als Geschöpf Gottes der politische Begriff des Mitmenschen, des Mitbürgers. Der Andere (acher) wird zum Bruder (ach) durch die Verantwortung (achrajut), mit der er im Gemeinwesen handelt.

Das ist nach jüdischer Auffassung, was das Ziel unseres Lebens vor Gott sein sollte: Gerechtigkeit üben und Gerechtigkeit suchen. Gerechtigkeit aber wird durch Werke und Leistungen, durch Pflichterfüllung und das Ringen um das Gebot erlangt. Denn: Religion soll nicht ein gutes Gewissen schenken, sondern das Gewissen in einen ständigen Zustand der Unruhe und Herausforderung versetzen. Nur dann ist sie wahrhaft Religion. Sie muss fähig sein und entschlossen, jeder geschöpflichen Macht Widerstand anzusagen und Widerstand zu leisten, wenn es gilt, das Ewige zu verteidigen.

Der Mangel des Christentums

Nach Baecks Überzeugung mangelt es dem Christentum in seiner Betonung von Glaube und Gnade an Dynamik und an Ungeduld, um Gottes Reich aktiv im Hier und Jetzt aufrichten zu wollen. Wer "wie ein Gelähmter" auf das Heil und den Glauben harren muss, dessen Glaube ist nach Baeck nicht Ausdruck errungener Überzeugung und denkend und forschend erarbeiteter Gewissheit. Mit der Orientierung auf die sittliche Tat tritt die Frage nach der geglaubten "Wahrheit" im Judentum in den Hintergrund. "Der Jude ist aufgefordert, den Sprung der Tat zu wagen, nicht so sehr den Sprung des Denkens."

Für das Judentum ist das Ziel des Lebens Gerechtigkeit vor Gott, die durch Werke und Leistungen, durch Pflichterfüllung und das Ringen um das Gebot erlangt wird.

Was aber ist mit der moralischen Zweideutigkeit des menschlichen Wesens, dem Ringen zwischen Gut und Böse? Wollen wir mit unserem freien Willen immer das wählen, was gut ist? Die jüdische Interpretation der Geschichte von Adam und Eva unterscheidet sich von der christlichen: Vor dem Sündenfall besaßen Adam und Eva die absolute Fähigkeit, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Nachdem sie vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, sahen sie aber, dass sie nackt waren. Moses Maimonides, der mittelalterliche Religionsphilosoph, meint dazu: Schon vorher hatten sie gesehen, dass sie nackt waren, aber sie hatten keine Ahnung von der Bedeutung dessen. Das Naschen vom Baum der Erkenntnis führte dazu, dass von da an der Mensch in einem ständigen Widerstreit von Wahrheit und Lüge dem Guten immer wieder erneut zum Sieg verhelfen muss. So wie Gott den guten Trieb schuf, so schuf er ebenso den bösen Trieb (jetzer ha-ra), damit die Menschen die Möglichkeit und die Verantwortung haben, zwischen beiden zu wählen.

Das Substantiv jetzer leitet sich von dem Verb jatzar, "bilden", her und bedeutet daher etwas wie "einen fundamentalen Aspekt der menschlichen Beschaffenheit" oder "eine grundlegende menschliche Disposition". Natürlich wirft dies die Frage auf, wie ein guter Gott einen bösen Trieb schaffen kann, und die Antwort ist, dass zumindest zum großen Teil der böse Trieb trotz seines Namens nicht von Grund auf böse ist. Wenn aber alle Werke Gottes gut sind, kann der jetzer ha-ra nicht an sich böse sein.

Zum Beispiel erreicht die Schöpfungsgeschichte ihren Höhepunkt in der Erschaffung der Menschen. An dieser Stelle sagt der Text: "Und siehe, es war sehr gut" (Gen 1,31). Hier wird das logisch überflüssige Wort "und" als Hinweis darauf verstanden, dass die Menschen mit zwei Trieben geschaffen wurden, einem guten und einem bösen, die Aussage "sehr gut" beziehe sich auf beides. "Aber", fährt der Midrasch (Bereschit Rabba 9,7) fort, "kann der böse Trieb, sehr gut' genannt werden? Das wäre erstaunlich!" Und erklärt: "Gäbe es diesen Trieb nicht, würde niemand ein Haus bauen, heiraten, Kinder zeugen oder geschäftliche Interessen verfolgen."

Durch diesen erhellenden Text wird deutlich, dass der jetzer ha-ra ein Oberbegriff ist für Selbsterhaltung, Gefallen, Macht, Besitz, Ansehen, Beliebtheit usw. Diese Triebe sind nicht an sich böse. Im Gegenteil, sie sind gut in dem Sinne, dass sie biologisch nützlich sind. Aber sie sind extrem mächtig, und wenn sie nicht durch ein waches Gewissen kontrolliert werden, können sie uns schnell dahin bringen, das Recht und die Bedürfnisse anderer außer Acht zu lassen und ihnen Schaden zuzufügen. In diesem Sinne - weil er uns so oft dazu treibt, das Falsche zu tun - ist der jetzer ha-ra böse. Aber er braucht es nicht zu sein; die psychische Energie, für die er steht, kann auch zu guten Zielen gelenkt werden.

Wie man den guten Trieb pflegt

Dies ist keineswegs einfach. Im Gegenteil. "Wer ist ein Held", fragt Ben Soma in der Mischna (Pirke Awot 4, 1 f), und antwortet: "Derjenige, der seinen (bösen) Trieb bezwingen kann." Auch Leo Baeck spricht vom "Heldentum des Gewissens, Idealismus der Entscheidung".

Das Problem ist, wie man den guten Trieb pflegt und aktiviert, so dass er die notwendige Kontrolle ausüben kann. Und die rabbinische Antwort ist: durch Studium, Gebet und Beachtung der Gebote. Sich mit der Tora zu beschäftigen, hat im rabbinischen Judentum eine doppelte Bedeutung. Es bedeutet, ihre Lehren zu studieren, denn dies zu tun bedeutet, im Kontakt zu sein mit dem Denken Gottes und ist deshalb sowohl eine spirituelle als auch eine intellektuelle Beschäftigung.

Aber sich mit der Tora beschäftigen bedeutet ebenso, jenen Weg des Lebens zu praktizieren, den die Tora vorschreibt: einen Weg, der sowohl einen ethischen Kodex beinhaltet als auch religiöse Disziplin erfordert. Training für das Gewissen.

* Der Autor ist Rabbiner und Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam

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