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Religion

Trügerische Gefühle

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Ist auf Emotionen Verlass, wenn es um Entscheidungen geht? Zur Rolle der Gefühle im Erkenntnisprozess. Gefühle sind im Gespräch - nicht nur dann, wenn der keimende Frühling die Laune hebt. Auch in der Philosophie, in der Hirnforschung und nicht zuletzt im Marketing wird immer mehr Augenmerk auf die Emotionen gerichtet. Während es in der griechischen Stoa noch hieß: "Der Weise ist ohne Affekt", sind Gefühle heute eine Schlüsselkategorie der Human- und Naturwissenschaften. Und in der Psychotherapie sowieso. Das vorliegende Dossier will den Emotionen auf all diesen Ebenen nachspüren - rechtzeitig zum Frühlingsbeginn. Redaktion: Doris Helmberger

Gefühle sind keine schlechte Sache. Im Gegenteil: Gefühle machen glücklich, wenn man rechtzeitig darauf schaut, dass man sie hat. Oder unglücklich. Das macht ja auch den Reiz von Gefühlen aus. Aber: Können Gefühle auch trügerisch sein?

Zunächst ist festzuhalten, was spezifisch für Gefühle ist: Sie können uns "überwältigen" und uns wie Windböen - um ein Bild aus der griechischen Stoa zu verwenden - in eine bestimmte Richtung treiben; sie haben einen Inhalt (Gefühle beziehen sich auf etwas); sie haben mit unserem Strebevermögen zu tun und sagen etwas über unsere Werteordnung und unsere Präferenzen aus; sie beeinflussen unser Urteilen und können durch Einsichten, die wir haben, auch beeinflusst werden. Dass Gefühle das Denken beeinflussen, kann man am Phänomen des Fanatismus ablesen. So wird etwa im Roman "Opernball" von Josef Haslinger gezeigt, wie ein Terrorist sich mit aller - auch emotionalen - Kraft an eine bestimmte Identität klammert.

Dass umgekehrt Einsichten Gefühle beeinflussen können, liegt auch auf der Hand: Zorn beispielsweise kann "verrauchen" (die Sprache lässt tief blicken!) oder Wut kann abgekühlt werden, wenn man Distanz zu einer Situation gewinnt oder mehr Informationen über eine Person bekommt, über die man sich geärgert hat (etwa: "Er hat eine schwierige private Situation", "er hat einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen").

Gefühle sind nicht blind

Gefühle sind also mächtig und können unser Denken wie unser Handeln in eine bestimmte Richtung treiben. In der jüngeren Moralphilosophie wird mitunter auch auf die Bedeutung von Gefühlen im Erkenntnisprozess hingewiesen: Der Zorn über Ungerechtigkeit ist nicht "blind", sondern ist ernst zu nehmen, weil hier Anhaltspunkte für Gerechtigkeitsüberlegungen identifiziert werden. Gefühle sind nicht blind, weil sie auf Erfahrungen und Erkenntnis beruhen. Es kann auch kein Zweifel darüber bestehen, dass Gefühle im Erkennen eine wichtige Rolle spielen. Der weise Mensch nach Aristoteles ist der Mensch, der durch reiche Lebenserfahrung Wesentliches gelernt hat, gerade auch, was die Rolle von Gefühlen im Leben der Menschen angeht. Der weise Mensch ist damit nicht derjenige, der von einer "Sicht von Nirgendwo" die Dinge beurteilt, sondern eine Persönlichkeit, die Gefühle einschätzen und einordnen kann.

Können also Gefühle trügerisch sein? Trügerisch wären Gefühle, wenn sie zu falschen Annahmen verleiten oder wenn sie auf einer Fehleinschätzung der Lage beruhen. Zwei Beispiele: Eine Frau, die auf Grund ihrer Kinderlosigkeit depressiv geworden ist und langsam aus der Depression herausfindet, sagt: "Meine Gefühle haben mir eingeredet: Kinderlosigkeit ist schlecht für dich." Wenn man über diesen Satz nachdenkt, so könnte klar werden, dass Gefühle durch den sozialen Kontext ("Stigma Kinderlosigkeit" bzw. Druck durch Kinderreichtum im Bekanntenkreis) mitbestimmt werden, dass Gefühle also nicht nur momentane Stimmungen, sondern auch Grundstimmungen prägen und wohl auch auf das Selbstverständnis eines Menschen Einfluss nehmen können. Darüber hinaus wird hier ausgesagt, dass Gefühle zu Überzeugungen führen können, die als falsch angesehen werden können. Umgekehrt können auch falsche Überzeugungen bestimmte Gefühle erzeugen. Im Roman "Silentium" von Wolf Haas ist etwa Kommissar Brenner der Ansicht, dass Festspielkarten in Salzburg "Millionen" kosten. Damit stellen sich Gefühle von Neid gegenüber dem Festspielpublikum ein.

Ein Gefühl ist Antwort auf eine Situation und insofern "angemessen" oder "unangemessen". So sprechen wir ja auch von "maßloser Eifersucht" oder von "blinder Liebe". Bertrand Russell hat vor Überzeugungen gewarnt, die aus Zorn oder Angst geboren werden, denn Zorn führt zur Maßlosigkeit, Angst ist die Mutter des Aberglaubens. So wird ein Zusammenhang zwischen Gefühlen und Überzeugungen hergestellt.

Die Frage nach dem "Trügerischen" von Gefühlen ist also mit dem Begriff der "angemessenen Antwort auf eine Situation" in Beziehung zu setzen. Dazu ein Beispiel: Ein Bewohner einer Großstadt sagt: "Sicherheit ist in dieser Stadt meiner Meinung nach ein höchst trügerisches Gefühl". Damit ist ausgedrückt, dass das subjektive Sicherheitsgefühl sich von den so genannten objektiven Daten über öffentliche Sicherheit unterscheiden kann. Und damit ist auch ausgesagt, dass das subjektive Sicherheitsgefühl insofern trügerisch ist, als es erstens auf unhaltbaren Überzeugungen beruht ("es ist sicher hier, weil mir noch nie etwas passiert ist") und zweitens zu unangemessenem (leichtsinnigem) Verhalten führen kann - etwa dazu, um zwei Uhr morgens im schicken Anzug durch bestimmte Viertel zu marschieren.

Soziale Lebenslüge

Gefühle können also mit Blick auf die Überzeugungen, die mit ihnen zusammenhängen, und mit Blick auf das Verhalten, das sie motivieren, trügerisch sein. In der Armutsforschung stößt man gelegentlich auf das Stichwort "soziale Lebenslüge". Soziale Lebenslügen funktionieren wie individuelle Lebenslügen - nur eben im öffentlichen Raum. Die Unterstellung, dass Menschen, die von Armut betroffen sind, "faul" wären, ist eine soziale Lebenslüge. Und es dürfte eine soziale Lebenslüge sein, wenn man der Überzeugung ist, dass wir in Österreich in einem Sozialstaat leben, durch dessen Sicherheitsnetze niemand fallen kann. Diese sozialen Lebenslügen verfestigen bestimmte Überzeugungen und legitimieren bestimmtes Verhalten (etwa: Kürzung von Sozialausgaben). Die Rolle von Gefühlen in Armutslebenslagen ist noch ein weites Untersuchungsfeld. Es besteht aber kein Zweifel darüber, dass Gefühle auch die eigene Lebenslage und vor allem auch die Möglichkeit, "coping strategies" - also Lebensbewältigungsstrategien - zu entwickeln, prägend sind.

Amartya Sen, WirtschaftsNobelpreisträgerin von 1998, erzählt an einer Stelle von einer indischen Frau, die sich schon so sehr an den täglichen Überlebenskampf gewöhnt hat, dass sie gar nicht auf die Idee kommt, Ansprüche zu stellen oder Rechte einzuklagen. Hier stellt sich ein Gefühl von "Zufriedenheit" ein, obwohl aus einer Außenperspektive dieses Leben in Krankheit, Ausbeutung und Erniedrigung unmenschlich ist. Ein Grund, warum Amartya Sen am Begriff der absoluten Armut festhalten möchte - gerade weil Gefühle trügerisch sein können.

Wie kann man das Aufkommen trügerischer Gefühle verhindern? Die Antwort wird hier wohl lauten: Durch die Einführung von Bezugspunkten - den Bezugspunkten von Realität und Gemeinschaft. Trügerische Gefühle können dadurch entlarvt werden, dass man sich die Wahrheit zumutet, die Tatsachen zur Kenntnis nimmt und die Auseinandersetzung mit anderen pflegt. Ein Freund von mir, der unter vielen Sitzungen ("meetings") leidet, die eine gewisse Eigendynamik entwickeln können, schlägt mitunter vor: "Lasst uns kurz hinausgehen und einen reality check machen, damit wir nicht vergessen, wozu wir eigentlich hier sind." Kann es sein, dass sich trügerische Gefühle gerade in geschlossenen Räumen gerne einstellen?

Der Autor ist

Professor für Erkenntnistheorie und Religionswissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.