Tschernobyl: kein Ende des Elends

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Weißrussland (Belarus) leidet - trotz offizieller Dementis - schwer unter den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl. Eine Bestandsaufnahme15 Jahre nach dem Unglück.

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Weißrussland (Belarus) leidet - trotz offizieller Dementis - schwer unter den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl. Eine Bestandsaufnahme15 Jahre nach dem Unglück.

Der Unfall von Tschernobyl im Jahr 1986 führte in Weißrussland zu einer ökologischen und wirtschaftlichen Katastrophe. Bis zehn Tage nach dem Brand des Reaktors kam es zur Emission von Edelgasen, Graphit und Brennstoffen aus dem Reaktor in die Atmosphäre. Leichte Produkte der Kernschmelze wurden als radioaktive Wolke mit dem Wind nach Westen und nach Norden bis Skandinavien verfrachtet. Weite Teile der damaligen europäischen Sowjetunion wurden verstrahlt, 70 Prozent der radioaktiven Substanzen fielen auf Weißrussland.

23 Prozent von Belarus mit einer Fläche von 465.000 km2 und 3.668 bewohnten Städten und Dörfern wurden mit Caesium-137, 21 100 km2 mit Strontium und 4.000 km2 mit Plutonium kontaminiert.

Als Folge sind seit 1990 mehr als 260.000 Hektar landwirtschaftlichen Gebietes unbrauchbar, eine Fläche von mehr als 1.685.000 Hektar Wald ist kontaminiert. Nach dem Unfall wurde radioaktives Material in den obersten Schichten des Bodens abgelagert. Und so stellt heute der Boden die Hauptquelle für die in der Nahrung enthaltenen, radioaktiven Substanzen dar.

Der wirtschaftliche Schaden für Weißrussland beläuft sich - wenn man ihn für die 30 Jahre nach dem Unfall berechnet - auf einen Gesamtbetrag von 235 Billionen US-Dollar, was dem Budget des Landes für 32 Jahre entspricht.

Der Brand des Reaktors bedeutet somit nicht nur eine menschliche, sondern auch eine ungeheure wirtschaftliche Katastrophe für Belarus. Acker- und Weideland - und folglich auch die Produkte der Landwirtschaft wie Milch und Getreide - sind verstrahlt. 20 bis 30 Prozent der Milch weisen höhere als die zugelassenen Strahlungswerte auf. Im Zuge der Handelstätigkeiten wurde verstrahlte Nahrung über das gesamte Land verteilt. Das hat zur Folge, dass die negativen Folgen der Verstrahlung bereits weit größere Bereiche als die ursprünglich kontaminierten erfassen.

Die Bevölkerung weist einen hohen Grad an Verstrahlung auf, am anfälligsten sind Kinder und Jugendliche. Bei Kindern, welche die selbe Nahrung wie Erwachsene konsumieren, kommt es auf Grund ihres geringeren Körpergewichtes zu einer vergleichsweise drei- bis fünffach höheren Konzentration der Strahlung.

70 bis 90 Prozent der Kinder weisen somit eine Caesium-137-Konzentration von mehr als 15 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg), in ländlichen Gebieten oft sogar von 200 - 400 Bq pro Kilogramm Körpergewicht auf. Die hohe Konzentration von Caesium-137 ist hauptverantwortlich für den sich rapide verschlechternden Gesundheitszustand der Kinder.

Medizinische Untersuchungen haben ergeben, dass bei einer Konzentration von über 50 Bq/kg Körpergewicht eines Kindes lebenswichtige Organe wie Herzmuskel, Immunsystem, Nervensystem, Verdauungsapparat, Urogenitalsystem, endokrine Drüsen und Leber in Mitleidenschaft gezogen werden. Ein alarmierender Anstieg von Diabetes, chronischen Magen-Darmerkrankungen, Allergien, Atemwegserkrankungen, Schilddrüsenkrebs, Leukämie sowie Immunschwäche ist die Folge.

Als Konsequenz der Verstrahlung in der Bevölkerung setzte die Regierung die legale Dosis der Strahlenwerte im Körper der Einwohner auf einen Wert hinauf, der mehr als dem Dreifachen der zulässigen Konzentration in England, Deutschland oder den USA entspricht.

Darüber hinaus entweicht Blei aus der porösen Ummantelung des defekten Reaktors, was zu einer Belastung durch hohe Bleikonzentrationen in den Organen der Bevölkerung führt.

Wenig Information Beim Großteil der Bevölkerung fehlt aufgrund der mangelnden Informationen die psychologische Bereitschaft dazu, ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Kinder zu schützen. Regelmäßigen Kontrollen von Caesium-137 wird nicht nachgegangen, Möglichkeiten zum Abbau des radioaktiven Materials im Körper oder bereits in der Nahrung werden außer Acht gelassen.

Stacheldrahtzäune, die die Menschen von der Nutzung radioaktiver Flüsse abhalten sollten, wurden niedergerissen. Zeichen der Resignation und der Hoffnungslosigkeit, aber auch des mangelnden Wissens bei den Menschen in Belarus. Radioaktivität ist weder sichtbar noch geschmacklich wahrnehmbar, die Folgen zeigen sich oft erst Jahre später. Die Regierung setzt alle erdenklichen Maßnahmen, um eine Aufklärung der Bevölkerung zu verhindern.

Das Gesundheitsministerium hält Informationen über den Gesundheitszustand der Bevölkerung sowie über das Ausmaß der Folgen des Reaktorunglücks vorsätzlich zurück. Die katastrophalen gesundheitlichen Zustände, in welchen sich die Einwohner Weißrusslands befinden, werden verharmlost, verlässliche Informationen über die medizinische Bedrohung der Menschen negiert.

Der schlimmste Unfall in der Geschichte der friedlichen Nutzung von Kernkraft habe lediglich "zu einem leichten Anstieg der Fälle von Schilddrüsen-Krebs geführt, ernsthafte medizinische Folgen seien nicht zu befürchten", so ein Vertreter des Gesundheitsministeriums.

Ein Bericht von V. B. Nesterenko, Mitglied der Konferenz des Europäischen Parlaments in Straßburg vom Oktober 2000, demonstriert die Verfälschung der tatsächlichen Situation anhand der seit 1987 erfassten Daten des Gesundheitszustandes der Bevölkerung: Zwischen 1987 und 1999 kam es zu 26.000 Fällen von strahlungsbedingten kanzerogenen Veränderungen bei kontaminierten Menschen.

Die Ärzte und Beamten der weißrussischen Verwaltung sind an der Veröffentlichung derartiger Ergebnisse und an der Information der Bevölkerung nicht interessiert. Gegen anders gesinnte Wissenschaftler wird mit entsprechender Härte vorgegangen, Professoren werden inhaftiert.

Mangels entsprechender internationaler Vereinbarungen erhielt Belarus bisher keinerlei Ausgleich für den entstandenen Schaden. Das Land wurde ohne jegliche Unterstützung in dieser Situation allein gelassen. Lediglich einige humanitäre Hilfsorganisationen nahmen sich seiner Probleme an und starteten Hilfsprogramme, die vor allem die Situation der Kinder verbessern sollten.

Hilfe ist möglich Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge kann Pektin, ein bioaktiver Bestandteil der Nahrung, den Abbau von Caesium-137 im menschlichen Körper um 28 Prozent, den Abbau von Schwermetallen um 35 bis 70 Prozent erhöhen. Eine Tagesdosis "Vitapekt" von zwei bis vier Teelöffeln für Erwachsene beziehungsweise zwei Teelöffeln für Kinder bewirkt eine wesentliche Besserung der Situation. Die besten Erfolge konnten mit Rehabilitationsprogrammen in nicht kontaminierten Gebieten in Kombination mit der Verabreichung von Pektin erzielt werden.

So wurden von Mai bis September 2.000 Kinder aus kontaminierten Gebieten zur Erholung in das Institut Belrad in Tirol geschickt. Dabei wurde festgestellt, dass die Konzentration von Caesium-137 innerhalb der fünf Monate bei Kindern, denen kein Pektin verabreicht wurde, um 11,5 Prozent abnahm, bei jenen, die eine Tagesdosis "Vitapekt" von einem Teelöffel erhielten, aber um 34,5 Prozent.

Die "ARGE Schöpfungsverantwortung", eine ökosoziale Bewegung der katholischen Kirche, leistet im Rahmen des Europäischen Christlichen Umweltnetzwerkes (ECEN) Lehrtätigkeit in Verbindung mit Projektarbeit in Weißrussland und ist infolge dessen hautnah mit der dort herrschenden Not konfrontiert.

Lokalaugenschein Isolde Schönstein, Leiterin der ARGE Schöpfungsverantwortung: "Wir sehen unsere Lehrtätigkeit in Belarus als Hilfe zur Selbsthilfe an. In dem vom Tschernobyl-Reaktorunfall verstrahltem Land ist ein sensibilisiertes ökologisches Bewusstsein der jungen Generation besonders wichtig. Es ist bedauerlich, dass im Vergleich zu den Protesten gegen Zwentendorf der Einsatz der Menschen hinsichtlich atomarer Bedrohung und deren Folgen rapide abgenommen hat."

15 Jahre nach der Katastrophe in Tschernobyl plant das ECEN, seine nächste Vollversammlung in Weißrussland abzuhalten. Dabei sollen einige bedeutende Fragen angesprochen werden und den internationalen Gästen die Möglichkeit geboten werden, sich über die tatsächliche Situation des Landes zu informieren.

Die Aufklärung der Bevölkerung und die finanzielle Unterstützung des Landes zur Förderung der Selbsthilfe und zur Realisierung von Hilfsprojekten ist von höchster Priorität.

Nachdem ein Drittel der Menschheit den christlichen Kirchen angehört, und sich somit zu einem umfassenden Lebensschutz bekennt, ist es Aufgabe dieser Menschen, die Verantwortung einem Land gegenüber, das ohne Eigenverschulden in eine derart prekäre wirtschaftliche und soziale Situation geraten ist, wahrzunehmen.

Die Autorin ist Mitarbeiterin der ARGE Schöpfungsverantwortung, die dazu aufruft, einen Teil des Weihnachtsbudgets Kindern von Tschernobyl zukommen zu lassen.

Kto.Nr.: 200231934, BLZ 19190,Kennwort "Kinder von Tschernobyl"

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