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Über den Kinosaal hinausgehen

Exemplarisch. Solches Attribut gebührt Markus Schleinzers Regieerstling "Michael“ fürwahr. Kaum ein heimischer Film der letzten Jahre dürfte so in die Gesellschaft hinein wirken. Das Gespräch führte Otto Friedrich

Der Missbraucher und sein Opfer - aus der Distanz, ohne Musik und durchs Schauspiel der beiden Hauptdarsteller zur Geltung kommend: Mit "Michael“ legte Markus Schleinzer ein virtuoses Debüt vor. Ein Gespräch mit dem Regisseur des wichtigsten österreichischen Films 2011.

Die Furche: Sie haben mit dem Erstling "Michael“ internationale Beachtung erreicht.

Markus Schleinzer: Die Presse war sehr gut. Natürlich gab es auch Kritik Unverständnis, das in der Form der Ablehnung auch stark emotional war. Aber ich bin ja nicht der Notar meiner eigenen Sache und sage: Die, die schön schreiben, haben es verstanden, und die anderen sind alle die Depperten. Bevor der Film herauskam, gab es eine stärkere Angstmache, was nun alles geschehen wird, und dass sie uns den Kopf abreißen werden. Das ist nicht passiert. Dem entgegen waren die Stimmen, mit denen ich mich identifizieren möchte und kann, immer in der Mehrheit.

Die Furche: Der Film ist also im Großen und Ganzen gut besprochen worden.

Schleinzer: Das freut mich am meisten. Es gab natürlich Kritiken, wo ich mich gar nicht gefunden habe - etwa eine aus England, die den Film als Komödie gefeiert hat: Es freut mich, dass dieser Mensch eine gute Zeit mit dem Film hatte, aber da hat er wahrscheinlich einen anderen Film gesehen …

Die Furche: Und der finanzielle "Erfolg“?

Schleinzer: "Michael“ ist kein Film für die 96 Minuten, die man im Kino verbringt. Er ist kein Film, der gemacht wurde, um das Buffet des Kinos zu stützen, dass man dort Popcorn kauft und etwas trinkt. Er ist in seinem Denken auf etwas Übergreifendes ausgerichtet, in eine Diskussion hinein. Diese ist für mich sehr toll verlaufen - in der Zustimmung wie in der Ablehnung. Die Zuschauerzahlen sind, wie zu erwarten, geprägt von Angst. Wir haben aber eine enorme Vorbestellungszahl der DVD. Vielleicht schauen sich die Leute "Michael“ lieber zu Hause an, wo sie wissen, sie können nach 15 Minuten die DVD wieder hin die Schachtel zurücklegen und warten. Für Verleiher und Produzenten ist es aber sicher nicht der Erfolg.

Die Furche: Aber gesprochen wird über ihn.

Schleinzer: In drei verschiedenen Ländern ist es mir passiert, dass ich Leute im Vorraum des Kinos getroffen habe, die mir gesagt haben: Sie haben es bis hierher geschafft, aber trauen sie sich jetzt doch nicht hinein. Während ich dann auf das Publikumsgespräch gewartet habe, habe ich mit diesen Leuten gesprochen - und das war eine tolle Erfahrung.

Die Furche: Auch wenn man als Kritiker dafür plädiert hat, in "Michael“ zu gehen, hat man oft zu hören gekriegt: Nein, das will ich mir nicht anschauen.

Schleinzer: Es ist mir um die Auseinandersetzung mit der Sache gegangen. Die kann auch rund um den Film stattfinden. Das passiert auch - und so hat der Film seinen Zweck erfüllt. Hätte ich einen Film machen wollen, wo man mich so wahnsinnig lieb hat, dann hätte ich mir ein anderes Thema suchen müssen. Meine Person ist das Unwichtigste an der ganzen Sache.

Die Furche: Frappierend die Gesellschaftsdiagnose: Der entführte und missbrauchte Bub wird von Ihnen auch als aktiver Player gezeigt, der seine eigenen Mitabsichten hat, nicht bloß als passives Opfer.

Schleinzer: "Michael“ ist kein Film über einen Pädophilen. Die Pädophilie ist das, was die beiden zusammenbringt. Und dann habe ich versucht, mich ganz zu konzentrieren auf die Beziehung, die die beiden miteinander teilen. Man hat ja so dankbar das Stockholm-Syndrom entdeckt und schiebt alles auf das: Der Umgang mit diesem Begriff hat sehr viel in die Welt gesetzt, was zu kurz greift. Jedes Opfer versucht, es sich so angenehm wie möglich zu machen - aber es muss sich nicht gleich in den Täter verlieben. Man muss bestimmte Dinge schlichtweg anerkennen - und da tun sich viele so wahnsinnig schwer: Etwa dass wir alle böse sind, was immer das bedeutet und wie immer das abzustufen ist. Das Böse wird in den Nachrichten so breit behandelt, damit wir uns als die Guten besser positionieren können. Aber das alles wird nicht aktiv gelebt oder durchdacht. Das Problem ist aber, dass der Alltag in dem Moment gegeben ist, als das sogenannte Opfer mit dem sogenannten Täter das erste Mal das Leben organisieren muss. Auch da gibt es kein Leben ohne Beziehung. In dem Augenblick, in dem das Opfer zum ersten Mal den Täter adressiert, tritt es mit ihm in Beziehung. Das ist die Schwierigkeit in der Opferdiskussion: Das durchdringt alle Bereiche, auch das Private. Das macht es so schwer, wenn das Opfer freikommt, eine Grenze zu ziehen. Ich habe keine Lust gehabt, einen müden Fernsehkrimi zu machen, der diese Geschichte als "Fall“ behandelt, also Entertainment bietet: Es ist unsere Sucht, das letztlich alles wieder konsumierbar zu machen. Dagegen versuche ich anzugehen.

Die Furche: Wenn man sich anschaut, was wieder rund um Natascha Kampusch geschrieben wird, dass man ihr vorwirft, sie sei zu wenig das arme Opfer, so thematisiert "Michael“ genau diese Facette.

Schleinzer: Dieses Thema ist durch die großen Fälle Fritzl und Kampusch so enorm konsumierbar geworden. Es ist absurd: Donna Leon schreibt einmal im Jahr einen Krimi, und mir kommt der Umgang mit dem Fall Kampusch so vor wie diese Donna-Leon-Reihe. Mindestens einmal im Jahr wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, das genauso begierig verschlungen wird, wie man in jede Buchhandlung gehen kann, um sich den neuen Donna-Leon-Krimi zu kaufen. Es findet aber keine Auseinandersetzung statt.

Die Furche: War es also ein gesellschaftspolitischer Impetus, "Michael“ zu machen?

Schleinzer: Es ist ein Impetus, an dem ich seit Jahren nage. Und das hat in den Film Eingang gefunden. Ich wusste, was ich nicht erzählen wollte - etwa die Darstellung von sexuellem Missbrauch. Es hat mich auch nicht interessiert, die Entführung zu zeigen oder großartige Verfolgungsjagden. Sondern es haben mich Prozesse interessiert. Es sind viele Leute nach dem Film zu mir gekommen, die gesagt haben, sie waren so erschreckt, wie viel da von ihrem Leben vorkommt, wo sie gefährdet sind.

Die Furche: Sie waren bislang vor allem im Castingbereich tätig - eine Unzahl österreichischer Produktionen aller Genres trägt ihre Handschrift. Sind Sie jetzt auf den Geschmack gekommen, Regie zu führen?

Schleinzer: Ja. Ich wollte immer selber Filme machen. Aber wenn sich Eitelkeit mit Feigheit paart, hat man es nicht leicht. Ich habe mich immer davor gedrückt, aber wenn ich etwas mache, dann sollte es gleich etwas "Ordentliches“ sein …

Die Furche: … und das ist aufgegangen!

Schleinzer: Das wäre es aber nicht aufgegangen ohne den Tritt in den Hintern, den mir auch der Michael Haneke, für den ich zwölf Jahre gearbeitet habe, gegeben hat. Casting ist jetzt für mich vorbei.

Die Furche: Wie sehen Sie die Diagonale?

Schleinzer: Ich finde es gut, wie sich die Diagonale in den letzten Jahren unter Barbara Pichler gewandelt hat. Sie ist eine Intendantin, die vollkommen autark und unverfälscht ist in ihrer Sicht und in ihrem Zugang. Sie ist einfach nicht korrumpierbar - und das ist der große Vorteil und das spürt man auch auf der Diagonale. Mir gefällt, dass hier der österreichische Film eine Heimat hat - und dass das Festival nicht in Wien stattfindet.

Die Furche: Man wirft ja Hans Hurch in Wien vor, dass er bei der Viennale ganz besonders wenig auf den österreichischen Film schaut. Andererseits hat "Michael“ auf der Viennale den Wiener Filmpreis erhalten …

Schleinzer: … aber das hat nichts mit Hans Hurch zu tun. In Cannes ist er auf der Straße herumgelaufen und hat den Film beschimpft. Ich habe von einer Jury den Wiener Filmpreis zugesprochen erhalten - das hat mich sehr gefreut, weil es mein erster Preis in Österreich war.

Die Furche: Bei österreichischem Film denkt man aber doch sofort an die Diagonale.

Schleinzer: Das ist auch gut so. Ich habe mich in den letzten Jahren viel mit der Diagonale auseinandergesetzt und assoziiert. Was ich an diesem Festival schätze, ist, dass man da viel sprechen und sich auseinandersetzen kann, dass die ganze Stadt Graz ein Diskussionsforum ist.

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