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"Über Gemeinschaft Zugang zur KIRCHE FINDEN"

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Forschungen über Jugend und Religion sind das eine. Wie aber erleben Praktiker kirchliche Jugendarbeit heute? Die FURCHE bat zwei Aktive, junge Erwachsene aus der Pfarre Wien-Breitenfeld, zum Gespräch.

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Forschungen über Jugend und Religion sind das eine. Wie aber erleben Praktiker kirchliche Jugendarbeit heute? Die FURCHE bat zwei Aktive, junge Erwachsene aus der Pfarre Wien-Breitenfeld, zum Gespräch.

Der Yppenplatz, ein multikultureller Brennpunkt, gehört zur Wiener Pfarre Breitenfeld, die Teile des 8., 16. und 17. Gemeindebezirks umfasst. Dort traf die FUR-CHE Birgit Stangl und Bernhard Schönthaler, seit Jahren in der Jugendarbeit der Pfarre aktiv , zum Austausch über Jugend und Kirche.

Die FuRche: Hier am multikulturellen Yppenplatz in Wien-Ottakring ist Kirche nicht sichtbar. Typisch für die Großstadt!? Wie interessiert man junge Menschen für Kirche?

Birgit Stangl: In meiner Beobachtung unterscheiden viele Jugendliche heute stark zwischen Kirche und Glauben. Für die Idee, einen Glauben zu haben und zu leben, sind sie sehr offen. Aber gerade was die katholische Kirche betrifft, gibt es innerhalb der Jugend große Probleme. Das höre ich oft heraus. Da müsste man ansetzen und versuchen, Kirche wieder so zeitgemäß machen kann, dass sie mit dem Glauben kombiniert werden kann.

Bernhard Schönthaler: Eine wesentliche Stütze von Kirche und Glaube ist die Gemeinschaft. Meiner Meinung nach ist das der Zugang, wie man als Jugendliche und Jugendlicher mit Glaube und Kirche in Kontakt kommt. Ich würde sagen, ein Jugendlicher geht nicht von selber in die Kirche, sondern das geschieht über Freundschaft, Verwandte, Bekannte, dass er etwa Kontakt findet zu einer Jungschargruppe, einem Jungscharlager: So wird über die Gemeinschaft der Zugang gefunden. Kirche heißt nicht, einfach wöchentlich am Sonntag um zehn Uhr in der Kirche zu sitzen; Glaube und Gemeinschaft sind die wesentlichen Stützen.

Die FuRche: Das traditionelle Kirchenbild geht aber von der Gottesdienstgemeinde aus. Ist diese für Jugendliche noch interessant?

Stangl: Ich nehme das nicht mehr so wahr. Die Kirche hat eine gewisse Stellung und vertritt eine bestimmte Meinung, die mit dem Denken der heutigen Gesellschaft nicht immer mithalten kann -etwa was Zölibat, Frauen in der Kirche, Sexualität betrifft. Das ist für viele Jugendliche ein Grund, warum man sich nicht unbedingt zur Kirche bekennen will.

Schönthaler: Wenn die Kinder und Jugendlichen in die Gruppe Eingang gefunden haben, dann entwickelt sich erfahrungsgemäß auch ein Bezug zur Kirche. Man trifft sich wöchentlich zum Gottesdienst, zur Gruppenstunde. Das geht vor allem mit der Gemeinschaft einher, darüber wächst man hinein.

Stangl: Aber es ist wichtig, kritisch zu bleiben. Unsere Jugendlichen haben da schon ihre eigene Meinung. Ins "Kircheneck" gestellt zu werden, ist ein großer Punkt, der viele junge Menschen abhält. Ich selber habe in meinem sehr liberalen Freundeskreis lange Zeit zu hören gekriegt: Warum bist du noch Katholikin? Wie kannst du das vertreten?

Schönthaler: Auch ich werde im Freundeskreis mit solchen Äußerungen konfrontiert. Die erste Frage lautete oft: Bist du wahnsinnig? Warum macht du das? Die FuRche: Warum macht ihr das wirklich?

Stangl: Das ist eine schwierige Frage. Für mich ist es eine ganz persönliche und intime Entscheidung, warum ich glaube und lebe, so wie ich lebe, und warum ich mich gerade in der katholischen Kirche beheimatet fühle. Das liegt wahrscheinlich zum großen Teil an meiner Erziehung. Solange es aber Stimmen innerhalb der Kirche gibt, die sagen: "Hey Leute, wir sollten das anpacken, etwas modernisieren, uns mehr öffnen", dann bleibt auch die Institution Kirche in Bewegung.

Schönthaler: Wenn ich etwas verändern will, dann von innen heraus. Sich herausnehmen und sagen: "Das ist schlecht!" und darauf hinhauen ist der falsche Zugang, wenn man was bewegen will. Auch ich bin katholisch erzogen worden. Die Gemeinschaft ist mir ein sehr großes Anliegen, und in ihr möchte ich zur Verbesserung beitragen.

Die FuRche: Nehmen wir den Fall, dass Kinder kirchlich "erreicht" wurden. Wenn diese älter werden, in die Pubertät kommen, sagen dann nicht viele: "Das gibt mir nichts!"? Was hält Jugendliche dann noch?

Stangl: Die Freundschaft, das familiäre Gefühl, der Zusammenhalt. Das Wissen: Man hat doch einen Platz, auch wenn man sonst noch seinen Platz sucht. Schönthaler: Für viele Junge ist es auch ein Auffangbecken, wenn sie sich heimatlos fühlen. Da gibt es einen Freundeskreis, in dem sich Menschen gegenseitig stützen.

Stangl: Und es entstehen innige Freundschaften. Bei uns ist es schon so, dass jeder auch seinen Freundeskreis "außen" hat, aber es gibt eben auch die pfarrinterne "Familie". Und das hält einen dann.

Schönthaler: Es ist auch nicht so, dass man sich immer "nur" für die Pfarre engagiert. Fast alle, die bei uns in der Jugendarbeit sind, haben längere Pausen gehabt. Auch viele Kinder, die aus der Jungschar-oder Ministrantengruppe kommen, haben ein Jahr oder länger "Pause" gemacht. Aber sie sind wiedergekommen -von selber, ohne dass man großartige Anstrengungen unternommen hätte, sie zurückzuholen.

Die Furche: Wenn es vordringlich um Gemeinschaft geht: Warum ist der kirchliche Zusammenhang nötig? Das findet man beim Alpenverein oder bei den Roten Falken ebenso.

Stangl: Da verbindet schon auch der Glaube. Und wenn man in einer persönlichen Glaubenskrise ist oder einer Situation, in der man sich nicht sicher ist, dann ist es die Gemeinschaft, die einen doch hält.

Schönthaler: Der Glaube ist die grundsätzliche Schnittmenge auch der Pfarrjugend, die durchgewürfelt ist vom Lehrling bis zum Studenten. Der Glaube, seine Grundsätze Stangl: verbinden uns.

Schönthaler: Man gibt aufeinander Acht, man versucht, Nächstenliebe zu praktizieren, verzeiht einander -das ist die Basis, auf der die Gemeinschaft aufbaut.

Die Furche: Ein Ansatz, in der säkularisierten Gesellschaft auch Jugendliche anzusprechen, lautet: Man müsse missionarisch sein. Stangl: Für mich persönlich ist das nicht so zentral. Ich diskutiere gern mit anderen Menschen -auch über meinen Glauben. Aber ich will nicht "missionarisch" sein.

Schönthaler: Ich finde es wichtig, als Kirche präsent zu sein, will mich nicht hinter Kirchenmauern verstecken. Die Fronleichnamsprozession ist ein schönes Zeichen dafür. Aktiv zu "missionieren" sehe ich kritisch.

Die Furche: Objektiv werden die Christen, und damit auch die jungen, immer weniger. Wie geht es euch damit?

Schönthaler: Bei den Jungscharkindern und Ministranten haben sich bei uns die Zahlen in den letzten zehn Jahren verdreifacht. Die Furche: Verdreifacht?

Schönthaler: Sowohl was die wöchentlichen Gruppenstunden, die Ministranten am Sonntag oder die Sommerlager betrifft.

Die Furche: Das klingt überraschend. Habt ihr eine Erklärung dafür?

Schönthaler: Banal gesagt, kommt es auf die Arbeit der einzelnen Pfarre an. Wenn dort Gemeinschaft funktioniert, bringen die Kinder und Jugendlichen jede zweite Woche einen neuen Freund oder eine neue Freundin mit.

Stangl: Es muss da eben nicht unbedingt missioniert werden, aber wenn man Offenheit lebt, wenn man eine Willkommensgeste lebt, wenn aktive und motivierte Leute dabei sind, dann kommen schon Neue.

Die Furche: Das ist doch auch eine Art, missionarisch zu sein

Schönthaler: aber nicht wie am Basar, wo man etwas hinausschreit und jemanden bedrängt.

Die Furche: Aber dass ihr die Zahl der jungen Leute, die das interessiert, verdreifacht, hört man zurzeit nicht so oft.

Schönthaler: Man könnte es als "passives" Missionieren bezeichnen. Wir kontaktieren nicht alle im Pfarrgebiet, sondern die Kinder und Jugendlichen tun das von sich aus - ohne dass sie den Auftrag hätten: Bring jede zweite Woche einen Neuen/eine Neue mit!

Stangl: Ich verstehe unter "missionieren" auch "bekehren", jemanden zum Glauben bringen. Das ist oft gar nicht notwendig, weil viele Menschen ja den Glauben schon leben, wenn auch vielleicht nicht so aktiv. Ihnen fehlt oft das passende Angebot. Vielleicht haben wir für diese jungen Menschen das Angebot und die Form, die bis jetzt gefehlt haben.

Die Furche: Abgesehen von der Gemeinschaft: Gibt es für Jugendliche und junge Erwachsene Themen, die attraktiv sind und die von der Kirche aufzugreifen wären?

Schönthaler: Thematisch attraktiv ist eine christliche Grundhaltung. Diese Grundhal tung trägt gerade für Jugendliche sehr zur Bewusstseinsbildung bei.

Stangl: Die Möglichkeit, karitativ arbeiten zu können, spricht viele an, auch die vielen traditionellen Feste kann man aufgreifen und ein bisschen "moderner" machen. Auch damit kann man nach außen gehen. Es haben ja schon viele Leute vergessen, dass Weihnachten ein christliches Fest ist. Ebenso Ostern, Pfingsten oder eben Fronleichnam. Die Furche: Ihr nennt auch Nächstenliebe - die hat ja ebenfalls eine politische Dimension. Hier am Yppenplatz sitzt man ja mitten in der Multikulti-Gesellschaft. Und in einer Zeit, in der Fremdenangst wieder stark geworden ist. Interessiert das Jugendliche?

Schönthaler: Viele, die bei uns in der Jugendarbeit aktiv sind, bilden einen Gegenpol zu populistischen Slogans wie etwa aus der FPÖ. Stangl: Jugendliche aus dem gesellschaftlich liberalen Eck finden sich bei uns eher in der Pfarrgemeinschaft wieder. Für sie ist es wichtig, politisch aktiv zu werden, mitsprechen zu können. Diese Jugendlichen erwarten aber schon, die Kirche im Rücken zu haben. Die Furche: Steht die Kirche da dahinter?

Schönthaler: Jedenfalls steht die Leitung der Katholischen Jugend sicher dahinter. Stangl: Bei Themen wie der Flüchtlingspolitik vertritt die Kirche eine eindeutige Position. Bei anderen, die auch politisch sind -etwa beim Umgang mit Homosexuellen -da driftet es dann wieder auseinander

Schönthaler: aber rund um Flüchtlinge oder Mindestsicherung darf man natürlich auch die Caritas nicht vergessen.

Die Furche: Ziehen diese Themen Jugendliche an?

Schönthaler: Von selber kommt niemand, der sagt: Ich bin daheim am Schreibtisch draufgekommen, dass ich mich da engagieren möchte

Stangl: ich glaube aber schon, dass diese Themen anziehend wirken. Mag sein, dass es auch unter Jugendlichen eine schweigende Masse gibt, aber der Typ des rebellischen Jugendlichen ist immer noch da und gehört ja zur Pubertät dazu. Hier kann man zumindest das Angebot setzen und den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich zu entfalten. Aber es ist einfacher, aktiv zu werden, wenn man weiß, man hat einen gestützten Rücken. Für mich gibt es hier den Freiraum, etwas tun zu können.

Die Furche: Anfang Oktober findet in Rom die Bischofssynode zum Thema Jugend statt. Schönthaler: Das Thema geistert schon einige Zeit herum, vor einem Jahr gab es Umfragen dazu, Jugendliche wurden um ihre Meinungen zu gewissen Themen befragt. Über den Sommer konnte man sich bewerben, um nach Rom mitgenommen zu werden. Stangl: Es gab auch die Vorsynode im März.

Die Furche: Aber was haltet ihr von der Synode, wie schätzt ihr sie ein??

Stangl: Die Idee, dass sich die Kirche mit den Jugendlichen auseinandersetzt, halte ich für gut. Wichtig wäre aber, dass den Worten auch Taten folgen. Die Furche: Und die wären?

Stangl: Es wäre wichtig, aufgrund der Auswertung der Umfragen zu ermitteln, was die zehn, 20 Hauptthemen sind, die die Jugendlichen genannt haben, und dann festzustellen, was die Kirche dazu zu sagen hat. Es ist mir klar, dass man die Kirche nicht völlig umkrempeln kann, aber ich fände es schon wichtig zu sagen: Wir haben euch gehört, wir nehmen eure Anliegen ernst und aufgrund dessen tun wir etwas.

Die Furche: Die Jugendsynode ist von der Missbrauchskrise in der katholischen Kirche überschattet. Wie nehmt ihr diese wahr? Schönthaler: Man wird im Freundeskreis zusätzlich damit konfrontiert: "Hey, du bist doch bei diesem Verein, wo das alles passiert ist " Das ist eine sehr direkte Anschuldigung. Es ist eine absolute Katastrophe für eine Gemeinschaft, die eigentlich eine Vorbildfunktion haben sollte, dass dort so etwas passiert. In der täglichen Arbeit ist es längst Standard, dass es in jeder Pfarrgemeinde eine Präventionsbeauftragte gibt, dass alle in der Jugendarbeit Aktiven auf Schulungen fahren müssen Die Furche: also auch ihr?

Schönthaler: Ja, wir alle. Das ist von der Diözese vorgeschrieben. Da lernt man, wie man Missbrauchssymptome erkennt, wie man sich in Verdachtsmomenten verhält, an welche Stellen man sich wenden kann.

Die Furche: Kommt es vor, dass Leute wegen der Missbrauchskrise nicht mehr zur kirchlichen Jugendarbeit kommen?

Schönthaler: Ich kann nicht sagen, ob das genau deswegen war, aber es gibt immer wieder die Situation, dass ein Kind oder ein Jugendlicher da war, und dann heißt es: "Nein, er oder sie darf nicht mehr kommen."

Stangl: Ich glaube, die Missbrauchsvorwürfe sind schon ein kräftiger Grund, Leute abzuschrecken. Auch ich tu' mich sehr schwer damit, weil ich nicht verstehe, wieso lange nichts getan wurde. Ich finde es sehr wichtig, dass es so explodiert ist, weil ich das Gefühl habe, dass wir jetzt den richtigen Papst dafür haben. Ich möchte aber niemanden zu hoch preisen, weil ich noch nicht weiß, was nun wirklich geschehen wird.

Die Furche: Es mehren sich Stimmen, die meinen, die Missbrauchskrise könne nur gelöst werden, wenn die Kirche strukturelle Defizite angeht wie den hermetischen Männerbund eines geweihten Klerus, das Priesterbild, die Lebensform der Priester etc.

Stangl: Ja. Die Kirche muss Stellung beziehen -auch auf diesen Ebenen. Meiner Meinung muss sich da einiges ändern.

Die DisKutanten

Birgit Stangl

Die heute 31-jährige Kindergärtnerin gehört seit Langem zum Team, das die kirchliche Jugendarbeit in der Pfarre Wien-Breitenfeld managt. Sie hat die Pfarrjungschar geleitet und die Dreikönigsaktion mit den Sternsingerinnen und -singern betreut.

Berhard Schönthaler

Kirchlich sozialisiert wurde der 24-jährige Student des Bauingenieurwesens in der Kinder-und Jugendarbeit der Pfarre Breitenfeld. "Aktiv" ist er seit acht Jahren, u. a. als Jungschar-und Ministranten-Betreuer. Er kennt die pfarrliche Jugendarbeit von der Pike auf.

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