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Überlebenskünstler um den Preis der Ökumene

Georgiens orthodoxer Patriarch Ilia II. will beim Papstbesuch in Tiflis am 30. September Franziskus "gastfreundlich" aufnehmen, aber auf keinen Fall mit ihm gemeinsam beten. Doch handelt es sich bei dem 83-Jährigen um keinen fanatischen Finsterling. Der Fall liegt viel komplizierter. Ilia Ghuduschauri-Schiolaschwili wurde schon 1977 zum Katholikos- Patriarchen bestellt. Damit ist er nicht nur der sich am längsten im Amt befindliche unter den 14 Oberhirten der orthodoxen Kirchenfamilie. Vor allem hat er in der einstigen Sowjet-Republik von Breschnew an wie im freien Georgien alle Umbrüche unbeschadet überstanden. Doch ist Ilia II. nicht nur politischer Wendehals. Er verkörpert vielmehr in einer Person die widersprüchlichen Haltungen seiner Vorgänger an der Spitze der georgischen Orthodoxie, seit diese 1917 nach über 100-jähriger Einverleibung in die russische Staatskirche der Zaren wiedererstanden war: Von den inzwischen heiliggesprochenen Märtyrer- und Bekennerpatriarchen Kyrion II. (1917-18) und Ambrosi (1921-27) bis zum Stalin-Intimus Kalistrate (1932-52) oder gar dem KGB-Erfüllungsgehilfen David V. (1972-77).

Als Ilia II. zu dessen Nachfolger gemacht wurde, galt er als erklärter Favorit des damaligen georgischen KP-Chefs Edward Schewardnadse. Ilia war seit 1964 führendes Mitglied der kommunistischen Vorhutorganisation "Christliche Friedenskonferenz". Auch die Förderung der Ökumene stand damals im Dienst der Sowjetpropaganda. Der Weltkirchenrat in Genf (ÖRK) spielte mit und machte den georgischen Patriarchen von 1978 bis 1983 zu einem seiner sechs Präsidenten. Wie in anderen postkommunistischen Ländern wurde Ilia II. nach der Wende von 1990 Sowjethörigkeit und darunter eben auch Ökumenismus vorgeworfen. In Tiflis drohte die Kirchenspaltung. Der Patriarch opferte die Ökumene, um sich selbst zu behaupten. 1997 trat er aus dem ÖRK aus, dessen Ko-Präsident er gewesen war. In diesem Jahr deponierten die Georgier eben erst beim orthodoxkatholischen Dialog in Chieti Einsprüche gegen den Primat. Jetzt betet Ilia II. nicht mit Franziskus. Das ist der Preis für die Zähmung seiner innerkirchlichen Opponenten. Dennoch darf ihm weder persönliche Frömmigkeit noch pastoraler Einsatz abgesprochen werden. Davon zeugen die von Ilia II. übernommenen Patenschaften für kinderreiche Familien und die Schaffung klösterlicher Haftanstalten als Alternative zu den Staatsgefängnissen, die in Georgien wie im übrigen einstigen Ostblock Hochschulen des Verbrechens sind.

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