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Überlegungen zum Reformationsjubiläum

1945 1960 1980 2000 2020

Die Reformation gehört auch zur katholischen Kirchengeschichte - samt ihren Wurzeln und Konsequenzen.

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Die Reformation gehört auch zur katholischen Kirchengeschichte - samt ihren Wurzeln und Konsequenzen.

Das 16. Jahrhundert und das folgende "Konfessionelle Zeitalter" waren kirchentrennend. Die von Wittenberg ausgehende Reformation ist auch Teil der katholischen Kirchengeschichte und zweifellos ein traumatisches Ereignis. Der Begriff "Jubiläum" wurde daher mit einiger Skepsis betrachtet, demnach eher von "Reformationsgedenken" gesprochen.

Das Reformationsjubiläum wird aber ein solches, wenn evangelische und katholische Christinnen und Christen der Kirchentrennung in Versöhnung gedenken und diesen Prozess entsprechend konstruktiv und kreativ nützen. Zu welchen Zeichen und Symbolen der Versöhnung ist man fähig und darüber hinaus zu welchen Konkretionen des Miteinanders, damit wir nicht weitere 500 Jahre Kirchentrennung erfahren müssen?

Kirchenhistorisch war das Reformationsanliegen zweifellos berechtigt. Schon das ganze Mittelalter hindurch gab es Erneuerungen, wie auch den Ruf nach einer Kirchenreform an Haupt und Gliedern. Zeichen setzten die Klosterreform von Cluny, die Bettelorden sowie Reformkreise um Katharina von Siena oder Brigitta von Schweden. Glaubenszeugen wie Petrus Waldes und Jan Hus waren Reformatoren vor der Reformation. All dies zeigt, dass sich die katholische Kirche wohl in einem eher misslichen Zustand präsentierte, zugleich aber auch, dass die Kirche immer wieder Reformkräfte hervorbrachte. Die Zeit der Renaissancepäpste brachte die Kirche an den Abgrund. Das Papsttum hatte keine spirituelle Kraft und war in äußerer Form entartet.

Die theologische Leistung der Reformatoren würdigen

Von Seiten der Reformatoren wurde dem theologische Denkarbeit entgegengesetzt, die nicht zuletzt Eigenverantwortlichkeit im Glauben verlangt und die Orientierung an den Wurzeln und Quellen des Christentums sucht. Dies ist ein wichtiger Schatz für das gesamte Christentum. Das ist durchaus ein "Jubiläum" wert! Das Reformationsjubiläum sollte dazu führen können, dass die katholische Kirche auch die theologische Leistung der Reformatoren würdigen kann, losgelöst von der leidvollen Verquickung mit den nicht-theologischen Faktoren der Trennung.

Allerdings bedarf es auch heftig des Gedenkens: Folge des Reformationsgeschehens war eine unheilvolle Entfremdungsgeschichte. Die theologischen Anliegen vermischten sich mit allerlei Politischem. Aus dem Gelehrtendisput wurde eine Volksbewegung, auch weil die Klarstellung von Seiten der Bischöfe und des Papstes sich allzu lange verzögerte. Sozial-politische Hoffnungen der einfachen Leute und v. a. der Bauern kamen ebenso hinzu. Die Reformation erhielt in dieser Zeit immer stärker ihre Eigendynamik und Radikalisierung. Die Folgen: Krieg, Flucht, Vertreibung, Spaltung. Die Trennungsgeschichte brachte eine konfessionelle Verhärtung. Selbst im Zeitalter der Ökumene leben Stereotypen weiter, auch wenn man schon seit den 1980er-Jahren weiß, dass die Lehrverurteilungen von damals heute nicht mehr treffen, dass mehr eint als trennt, dass die Kirchen theologisch nicht im 16. Jahrhundert verblieben sind.

Die ökumenischen Dialoge haben näher zusammengeführt, aber auch die theologischen Linien klarer gezeichnet. Man sprach und spricht von der Ökumene der Profile und vom Bewahren der eigenen Identität. Über Schuld und Versöhnungsrituale lässt sich theologisch sicherlich trefflich streiten. Aber ein Reformationsjubiläum muss die Fähigkeit zu Versöhnungsgesten angesichts der durch Religionskrieg und -verfolgung hervorgerufenen Leiden entwickeln. Wir haben eine Trennungsgeschichte, die nicht einfach nur theologisch zu betrachten ist.

Der Autor, Kirchenhistoriker sowie Ökumene- und Ostkirchenexperte, ist Dekan der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Salzburg

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