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"Unsere Stärke ist auch unsere Schwäche"

1945 1960 1980 2000 2020

Christian Friesl, Präsident der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), sieht die Hauptprobleme der Kirche von heute in ihrer zentralistischen Ausrichtung innerhalb einer demokratischen Gesellschaft und im mangelnden Dialog mit der Moderne. Die KAÖ feiert am 26. Mai im Wiener Kardinal-König-Haus ihre Bestätigung durch die Österreichische Bischofskonferenz vor 50 Jahren.

1945 1960 1980 2000 2020

Christian Friesl, Präsident der Katholischen Aktion Österreich (KAÖ), sieht die Hauptprobleme der Kirche von heute in ihrer zentralistischen Ausrichtung innerhalb einer demokratischen Gesellschaft und im mangelnden Dialog mit der Moderne. Die KAÖ feiert am 26. Mai im Wiener Kardinal-König-Haus ihre Bestätigung durch die Österreichische Bischofskonferenz vor 50 Jahren.

Die Furche: Für 1999 ergab die Statistik über 44.000 Kirchenaustritte, einen neuen Negativrekord. Man weiß, dass das die Entwicklung der finanziellen Mittel beeinflußt. Müssen Sie fürchten, dass bei Laienorganisationen wie Ihrer der Sparstift angesetzt wird?

Christian Friesl: Ohne Zweifel ist der finanzielle Druck in der Kirche groß. Das ist unter anderem eine Auswirkung der Kirchenaustritte. Was die KAÖ betrifft, so hoffen wir doch, dass wir die Lage durch eine Vereinbarung mit der Bischofskonferenz für einen absehbaren Zeitraum von ein paar Jahren konsolidiert haben, aber was danach kommt, ist äußerst schwierig zu beurteilen. Mehr aber als die akute finanzielle Situation sorgen mich die Kirchenaustritte in ihrer grundsätzlichen Dimension, weil sie so etwas wie die Fieberkurve des Kirchenzustands sind, und die zeigt natürlich, dass es offenbar gerade hier im kirchlichen Katastrophengebiet Westeuropa, wie es Peter L. Berger ausdrückt, ein großes Problem gibt im Dialog der katholischen Kirche mit den modernen Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Die Furche: Sehen Sie eine Chance, diesen Trend in absehbarer Zeit zu stoppen?

Friesl: Es gibt mehrere Facetten zu diesem Thema. Das eine ist: Wir gehen gerade in Österreich von einem sehr hohen Level an Mitgliedschaft in der katholische Kirche aus. Anderseits tut natürlich jeder einzelne weh, der geht. Wenn ich von Fieberkurve spreche, soll es zeigen, dass dahinter Unstimmigkeiten stecken, die grundsätzlich bedacht und ausdiskutiert werden müssen. In allen anderen Gegenden der Erde gibt es auch in der katholischen Kirche wachsende Mitgliedschaftszahlen. Wir müssen uns fragen: Warum geht's bei uns nicht so gut?

Die Furche: Hat man in Übersee ein besseres Verhältnis zur Moderne, oder hat dort die Moderne noch gar nicht richtig Einzug gehalten?

Friesl: Es gibt eine sehr interessante, gar nicht mehr neue These von Uwe Schimank. Er sagt, wenn die Gestaltung einer Religionsgemeinschaft und einer Religion insgesamt, also von ihren Inhalten und von ihrer Struktur her, mit einer Gesellschaftsform nicht mehr zusammenkommt, dann bekommen die Menschen, die dort leben, hinsichtlich dieser Religion Identitätsprobleme. Wenn wir in einem Land leben, das mittlerweile schon sehr viel Erfahrung mit Demokratie hat, und eine Kirche haben, die doch deutlich zentralistisch ausgerichtet ist, wo die Menschen wenig Möglichkeit haben, sich in diese Kirche einzubringen, dann wird's irgendwann einmal Konflikte geben. Ich denke mir, dass wir an so einem Punkt sind.

Was auch mit dem mangelnden Dialog mit der Moderne zu tun hat, ist, dass wir es offenbar in dieser Region schwer schaffen, auf die Anliegen der Menschen einzugehen, auch auf die im finanziellen, monetären Bereich, vor allem aber auf die Sinnfragen, auf Fragen psychischer und persönlicher Probleme, wo eben der Zugang komplizierter ist. Aber gerade das, nämlich diese Komplexität der Gesellschaft, ist auch eine Chance für die KA, weil sie mit ihren unterschiedlichen, milieuspezifischen Zugangsformen und mit der Kreativität ihrer Methoden die Chance hat, auf unterschiedlichste Personen in unterschiedlichsten Lebenslagen zuzugehen. Ich denke mir, dass heute auch eine Zeit der Laien ist.

Die Furche: Sehen Sie die KA jetzt mehr auf dem Weg des Missionierens, des Verkündens oder des Motivierens von Menschen, wieder ihren Glauben zu leben, statt als gesellschaftspolitischen Arm der Kirche?

Friesl: Ich denke mir, dass das eine ohne das andere absolut nicht geht. Natürlich ist es sozusagen das Spezialfenster der Katholischen Aktion, gesellschaftspolitisch aktiv zu sein, sowohl auf der Österreich-Ebene, aber auch in den vielen Organisationen der KA. Das funktioniert im christlichen Sinn aber nur dann, wenn es herauswächst aus einer Spiritualität und aus einem christlichen Glauben, der gerade auch in der KA besonders speziell ist. Das Spezifische an der Katholischen Aktion ist, dass sie diesen Apostolatsgedanken sehr umfassend lebt und sich im Gegensatz zu anderen kirchlichen Laienorganisationen vermutlich als einzige gleichzeitig für Glaubensvermittlung, für Seelsorge, für politische Arbeit einsetzt, auch für Kirchenentwicklung. Das alles gemeinsam zu tun, ist unsere Stärke, zugleich aber auch unsere Schwäche, denn es wird dadurch natürlich auch schwer für uns, Schwerpunkte zu setzen.

Die Furche: Wie weit sehen Sie kirchliche Funktion und politisches Amt, auch parteipolitischen Einsatz für vereinbar an? Einerseits will ja die Kirche Katholiken in der Politik, anderseits sollte es doch eine saubere Trennung zwischen Kirche und Parteipolitik geben.

Friesl: Diese Trennung gibt's auch derzeit, Funktionsträger in der KA dürfen nicht auf gleicher Ebene in einer politischen Partei oder in einer öffentlichen Funktion aktiv sein. Das Grundsätzliche zu dieser Thematik ist natürlich, dass wir uns alle wünschen würden, dass Kirche einerseits im gesellschaftspolitischen Bereich stärker gehört wird, in allen Fragen, die etwa die katholische Soziallehre und ihre Folgen betreffen, aber ich wünsche mir natürlich auch, dass sich alle kirchlichen Organisationen, und hier haben wir selber auch einigen Nachholbedarf, gesellschaftspolitisch stärker positionieren. Hier fehlen uns sicher einige Querdenker, hier fehlt uns sicher auch ein bisschen Mut zum Querdenken, auch gegen die gängige Machbarkeitsideologie, und da denke ich mir schlicht und ergreifend, müssen wir noch besser werden.

Die Furche: Die Katholische Aktion war wiederholt Motor bei politischen - Stichwort Ausländervolksbegehren der FPÖ - und kirchenpolitischen - Stichwort Dialog für Österreich - Vorgängen. Planen Sie ähnliche Initiativen?

Friesl: Wir werden sicher anlässlich der 50-Jahr-Feier mit einigen konkreten Positionen an die Öffentlichkeit treten, sowohl was die Frage von Religion und Glaube als auch was die kirchenpolitische und politische Situation betrifft, also eine kleine Charta der KA für die nächsten Jahre. Wir werden auch weiterhin jene Organisation sein, die sich nicht auf eine Entscheidung hindrängen lässt, entweder eine aktive gesellschaftspolitische oder eine besonders mystische Organisation zu sein.

Die Furche: Wie sehen Sie das Verhältnis derKirche zur Jugend? Hat die Kirche dort eine Chance?

Friesl: Die katholische Kirche hat bei Jugendlichen dann eine Chance, wenn sie eine Möglichkeit findet, den Kulturformen der Jugendlichen adäquat zu begegnen. Wir müssen uns vor Augen halten, dass wir es gerade jetzt mit einer jungen Generation zu tun haben, die dermaßen differenziert und pluralisiert ist, in hunderte von Szenen zersplittert, die alle unterschiedliche ästhetische und inhaltliche Komponenten haben, dass es nicht möglich ist, als Kirche einheitlich dieser Jugendgeneration gegenüberzustehen, sondern das geht nur durch eine sehr biographische, differenzierte Pastoral und Ansprache. Das bedeutet jetzt fast schon, um ein schweizerisches religionssoziologisches Buch zu zitieren: Jeder ist ein Einzelfall und braucht die entsprechende Ansprache.

Jugendpastoral wird dort gelingen, wo es zu Begegnungsorten kommt zwischen Jugendlichen einerseits und Personen aus der Kirche, die die Fähigkeit haben, mit diesen Kulturen zu kommunizieren. Denn im Grunde sind die Hochkultur der Kirche und die Jugendkulturen etwas, was aneinander vorbeischwebt. Rein statistisch weist Religion ein gedeihliches Wachstum auf, auch in Österreich, und zwar in allen Altersgruppen. Es sind nach ganz neuen Untersuchungen aus 1999 oder Jänner 2000 mehr Jugendliche, die sich als religiös begreifen und verstehen. Ich würde aber sofort dazusagen, das ist eine Religiosität, die sehr individualisiert ist.

Die Furche: Wenn grob gesprochen jeder ein Einzelfall ist, müsste die Kirche bereit sein, als Ansprechpartner für die junge Generation viele bunte Vögel in ihrem Namen loszuschicken ...

Friesl: Genau, und da sind wir beim Vertrauen der Kirchenleitung in die Laien. Es gibt diese bunten Vögel, es gibt sie in einer Fülle von Jugendorganisationen und -bewegungen innerhalb und außerhalb der Katholischen Aktion. Wenn ich Kirchenleitung wäre, würde ich denen durchaus das Vertrauen geben und sagen: Liebe Leute, geht mit unterschiedlichen Wegen an diese Jugendlichen heran. Hier zu versuchen, wie es zwar nicht gerade in der Jugendarbeit passiert, aber in anderen Bereichen, das große Netz oder die große Einheitlichkeit über christliche Seelsorge zu stülpen, hielte ich für den falschen Weg. Deswegen sage ich immer, dass eine differenzierte Seelsorge notwendig ist, neben und über die Pfarrgemeinden hinaus, um an die Menschen, auch an die jungen Menschen, heranzutreten. Und dazu sind Laienorganisationen mit allen ihren Facetten ein durchaus sinnvolles Instrument.

Das Gespräch führte Heiner Boberski.

ZUR PERSON Theologe, Jugendforscher Christian Friesl, geboren 1960, ist Doktor der Theologie und arbeitet als Universitätsassistent am Institut für Pastoraltheologie und Kerygmatik an der Universität Wien.

Er absolvierte das Studium der Theologie in Wien und eine akademische Ausbildung in Sozialarbeit und Sozialforschung. Sein beruflicher Werdegang: 1982 bis 1990 Religionslehrer, seit 1988 Mitarbeit am Institut für Pastoraltheologie, seit 1992 Universitätsassistent, seit 1997 Leiter der Arbeitsgruppe für Pastoralsoziologie; 1988-1997 Vorsitzender des Österreichischen Instituts für Jugendforschung; seit 1997 Präsident der Katholischen Aktion Österreich, die mit ihren Teilorganisationen von Jungschar und Jugend bis Frauen- und Männerbewegung rund 500.000 Menschen erfasst. Friesl hat sich durch Forschungsarbeiten und Publikationen in den Bereichen Pastoralsoziologie, Jugendpastoral, Jugendforschung, Bildungsforschung und Mitarbeit an sozialwissenschaftlichen Untersuchungen einen Namen gemacht.

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